Fortschreitungen    Weil Stehenbleiben auch nicht hilft.

Über Menschen

Vor etwas über einem Jahr lese ich auf reddit von einem Iraker, der nach Kanada flüchten will, wo er in der Ölindustrie arbeiten und dank der LSBTI*-freundlichen Gesetzgebung seinen Partner nachholen könnte. Im Irak wird Homosexualität offiziell "nur" mit Gefängnis bestraft, Morde an Schwulen werden aber nicht geahndet. Alles, was mit Homosexualität assoziiert werden kann, zum Beispiel eine HIV-Infektion, gleicht einem Todesurteil. Der Partner des Mannes ist vor Kurzem positiv auf HIV getestet worden; die Familie hat davon erfahren und ihn beinahe gelyncht. Nun sind beide auf der Flucht im eigenen Land, stets in Angst vor Entdeckung und in Sorge vor dem Ausbruch von AIDS. Mit Medikamenten aus dem Ausland halten sie die Infektion in Schach, aber die Beschaffung ist teuer und schwierig und erhöht ihr Risiko aufzufliegen.

Bei allem Mitgefühl, das ich empfinde, muss ich an das Gilgamesch-Epos denken; immerhin stammen die Männer aus dem Irak, dessen Gebiet auch das einstige Sumer umfasst, dessen berühmtester König Gilgamesch war. Im Epos sucht Gilgamesch nach dem Tod seines Gefährten Enkidu ein Mittel gegen die eigene Sterblichkeit und findet auf einer Insel inmitten der Wasser des Todes seinen Urahn, der ihm nicht nur die Geschichte der Großen Flut erzählt, sondern auch von der Pflanze der ewigen Jugend. Gilgamesch erringt die Pflanze, verliert sie jedoch an eine Schlange. Derart gescheitert kann er nur darauf hoffen, dass wenigstens sein Name ihn überleben wird.

Die Überlagerung individuellen Leids mit der mythischen Tragödie abstrahiert jene, deren Leben tatsächlich in Gefahr ist und nicht nur eine Geschichte; aber was soll ich tun? Ich kann nur Mitleid empfinden und tröstende Worte spenden. Ansonsten bleiben mir ohnehin nur Annahmen: Gibt es diesen Mann wirklich? Stimmt seine Geschichte? Oder ist das - auf reddit nicht abwegig - nicht nur eine mitleidheischende Erfindung? Ich blicke durch ein kleines Fenster in ein großes Leben, dessen Details ich nicht erkenne und nur mit Annahmen füllen kann.

Aber eigentlich ist eh gerade Corona, die Welt ist stehengeblieben, sonst hätte ich gar keine Zeit für reddit; und weil es da jede Menge Geschichten gibt, habe ich den Irak rasch wieder vergessen. Alles geht unter in der Flut der Schicksale. Andere Männer aus anderen homophoben Ländern, vor allem aber Pandemiegeschichten, in denen Existenzen oder ganze Leben von einer Krankheit bedroht werden, die anders als HIV/AIDS alle Menschen trifft und nicht scheinbar nur jene, die Randgruppen angehören oder sich in Subkulturen bewegen.

Corona raubt der ganzen Welt den Atem, ist eine laute Pandemie, während HIV/AIDS immer noch eine stille Seuche ist. Auch wenn mittlerweile Medikamente entwickelt wurden, die ein symptomfreies Leben ermöglichen und auch die Weitergabe des Virus verhindern. "Mittlerweile" heißt: über 30 Jahre, nachdem HIV/AIDS als Pandemie eingestuft wurde, hat die EU 2016 PrEP zugelassen. Heißt: Ein Ende dieser Pandemie ist noch nicht in Sicht; über HIV wird immer noch zu wenig gesprochen, Scham und/oder Unwissenheit führen dazu, dass sich täglich weltweit immer noch zehn Menschen neu mit HIV anstecken.
Das soll nicht heißen, dass mit den Corona-Infizierten genauso ignorant umgegangen werden soll wie mit den HIV-Infizierten. Es ist leichter, dem HI-Virus zu entgehen, es überträgt sich nicht über Aerosole, sondern über Körperflüssigkeiten. Corona tötet rascher, nach den sechs Wochen, die bei COVID zwischen Infektion und Tod stehen können, bemerkt ein HIV-Patient gerade mal die ersten Symptome. Corona priorisiert zu behandeln ist richtig und wichtig. Hätte die Welt wie bei HIV weggeschaut … ich will es mir gar nicht vorstellen.

Corona ist omnipräsent, ich hänge am Fernseher: neue Zahlen, neue Negativrekorde, neue Eskalationen. Ich lauere auf die nächsten Einschläge, die doch nie näher kommen. Ein entfernter Cousin ist an COVID gestorben, da ist die Pandemie kaum mehr als ein Gerücht, danach sind die Zahlen einfach nur Zahlen, keine Schicksale mehr, nur anonyme Infizierte, namenlose Tote. Der Welt da draußen geht die Luft aus und ich schaue durchs geschlossene Fenster in leere Straßen und lenke mich mit reddit, YouTube und Podcasts von meiner Langeweile ab.

Im September brennt Moria, in Deutschland unterschreiten die Corona-Neuinfektionen noch die 2000er-Grenze, und mein Mann und ich fahren für ein Wochenende an die Mosel. Wir trinken Wein, gehen essen, tragen unsere selbstgenähten Masken und fühlen uns sicher. Im März werden zwei afghanische Jugendliche für den Brand in Moria zu fünf Jahren Haft verurteilt. Lese ich heute, zwei Monate später. Gestern waren wir bei Freunden zum Grillen, bei Nieselregen saßen wir unter dem Vordach, reden darüber, was wir im letzten Jahr, also seit wir uns das letzte Mal gesehen haben, alles nicht erlebt haben. In der Innenstadt sind die Außentische der Lokale voll besetzt. Pandemie? Welche Pandemie? Moria? Irgendwas mit Feuer. Ach ja, klar: In Moria tötete Gandalf der Graue den Balrog und kehrte als Gandalf der Weiße nach Mittelerde zurück.

Vor knapp vier Wochen stolpere ich auf reddit mal wieder über den Iraker. Sein Partner und er verstecken sich immer noch, sie haben immer noch Angst. Die Medikamente sind immer noch teuer, die Pläne für eine Flucht nach Kanada liegen auf Eis, wegen Corona schotten sich alle Länder ab. Der Iraker und sein Partner haben eine Corona-Infektion mit zweiwöchigem starken Fieber überlebt. Er schreibt, dass er in The Last of Us 2 zwei 60jährige Männer gefunden hat, die zusammen in der Wüste leben; einer sagt: "Früher hatte ich alles und brauchte nichts davon; jetzt brauche ich nur, was ich habe mit diesem Mann." Und der Iraker schreibt, dass er da habe weinen müssen vor Rührung, denn dieser Satz treffe auch auf ihn und seinen Partner zu: sie haben nur einander und doch ist das alles, was wirklich zählt.

Und dann kommt der Wettbewerb, es geht um geöffnete Fenster, an denen vorbeigegangen wird, und ich denke an Schicksale, an denen wir vorübergehen, Geschichten, die wir anschauen und abhaken, an Menschen, die uns begegnen und die wir vergessen. An den Iraker denke ich da gar nicht, sondern will nur einen anfangs gutwilligen Übersetzer in einer Erstaufnahmestation beschreiben, der vor lauter erzähltem Leben irgendwann ganz stumpf wird und werden muss, soll ihn das viele fremde Leid nicht auffressen. Mit diesem Gedanken schlafe ich ein, doch als ich mich morgens an den Schreibtisch setze, wartet da schon eine andere Geschichte und lässt sich mehr oder weniger so aufschreiben, wie sie jetzt da steht.

Erst später, kurz vor dem Einsendeschluss, geht mir auf, was ich getan habe: Mich parasitär an fremden Schicksalen und fremdem Leid bedient nämlich, und das dann auch noch in der Form pauschalisierter Annahme, kenne ich doch keinen einzigen Menschen mit Fluchthintergrund persönlich und selbst die Zustände von Moria nur aus meinem Fenster zur Welt, dem Fernseher. Das Ganze garniert mit dem Kernmythos einer untergegangenen, mir komplett fernen Kultur, die ich faszinierend - oder schlimmer: "exotisch" - finde, über die ich viel gelesen habe, die ich letztlich aber nur aus zweiter, dritter oder zwölfter Hand kenne. Während ich mich gleichzeitig darüber aufrege, dass die ARD-Produktion All you need  das Leben schwuler Männer in Berlin nicht nur oberflächlich und klischeehaft beleuchtet, sondern auch noch in den Hauptrollen nur mit heterosexuellen Männern besetzt.

Für einen neuen Text ist es da schon zu spät, außerdem mag ich die Geschichte trotz allem. Ich habe meine Figuren liebgewonnen, meine Remixe von Realitäten. Ich habe ihnen meine Vorstellung von Wirklichkeit eingeimpft, sprechende Namen gesucht: Moussa und Harun, die arabischen Varianten von Moses und Aaron; Zaher, den Helfer; İlkin, dessen Name "Erster" bedeutet, weil er sich selbst allem und allen voranstellt. Das Feuer  brannte sich in der xten Bearbeitung plötzlich in den Text. Keine Ahnung, was mit Moussa dabei passiert ist. Zaher sucht ihn kurz, wird ihn wohl mit der Zeit vergessen. Den einen Moment, wirklich mit Moussa Kontakt aufzunehmen, hat er verpasst, ihn vielleicht aktiv verstreichen lassen. Er stellt sich vor, wie es wäre, Moussa eine tröstende Hand hinzustrecken. Doch dann geht Moussa lieber zurück in das Zelt, wo ihn Gewalt erwartet, als weiter neben Zaher auf einem Stein zu sitzen, wo es noch nicht mal Trost gibt. Zu spät erst wird Zaher denken, alles wäre besser gewesen als nichts.

Mit diesem Gedanken rechtfertige ich auch meinen Text und wohl auch, wenn Heterosexuelle Nicht-Heterosexuelle darstellen: Es ist besser als nichts.
1993 hat Tom Hanks' Darstellung eines AIDS-Kranken in Philadelphia die Themen Homosexualität, Homophobie und HIV einem breiteren Publikum nähergebracht. Hätte die Rolle nur mit einem schwulen Schauspieler besetzt werden dürfen, wäre der Film wahrscheinlich überhaupt nicht gedreht worden oder hätte niemals die Reichweite bekommen, die er dank Tom Hanks erst erreicht hat.
Und ohne mich mit Hanks vergleichen zu wollen oder meinen Text mit diesem Film: Ich glaube, es ist besser, einen fehlerhaften Text aus angenommener Perspektive zu schreiben und so vielleicht wenigstens das Fenster zu einer Diskussion zu öffnen, als ein Thema komplett zu ignorieren, das uns sonst nur ins Bewusstsein rückt, wenn Lager brennen. Es wird immer besser gewesen sein als nichts.

Kurz vor dem Absenden streiche ich noch das "und" aus dem Titel und fühle mich superschlau, denn in dieser Geschichte geht es um Menschen und um das Göttliche und das Tierische in uns und wie das Spannungsfeld dazwischen uns erst zu Menschen macht; und es geht (überspitzt dargestellt) ein bisschen darum, wie die westlichen Menschen die geflüchteten Menschen wie Tiere in Lager sperren und wie Götter über Schicksale richten. Dabei sind wir nicht Götter oder Tiere, wir sind Göttertiere: Menschen. Wir alle sind nur Menschen.

Götter, Tiere

Als ihnen nur noch wenig Luft bleibt, beginnt Moussa eine Geschichte.
„Der Große König, der über die vier Weltgegenden herrschte, besaß alles, was Menschen sich wünschen konnten, und war doch unglücklich. Also betete er zu den Göttern – “
İlkin unterbricht ihn: „Es gibt keine Götter, es gibt nur – “
„Lass ihn.“ Zahers Stimme übertönt kaum das Glucksen des Wassers. „Wer auch immer unsere Leichen finden wird, sei es Tier, sei es Mensch; es wird sie nicht kümmern, ob wir an einen oder viele Götter geglaubt haben.“
„Gott kümmert es.“
„Es ist nur eine Geschichte, İlkin.“
Moussa wendet sich zum Horizont. „Es ist nicht einfach nur eine Geschichte. Harun hat sie mir erzählt. Er sagte, es sei unsere, aber ich habe ihn zu spät verstanden. Harun war – er ist … Harun ist mein – “
„Wir haben Augen. Wir haben Ohren. Wir wissen, wer Harun war. Du weinst im Schlaf.“
„İlkin, lass ihn. Moussa, erzähl weiter.“
Moussa atmet tief ein und langsam wieder aus, bevor er weiterspricht. „Der Große König war halb Gott, halb Mensch, darum erschufen die Götter“ – İlkin schnaubt, sagt aber nichts weiter – „einen Wilden Mann, halb Mensch, halb Tier. Gegen ihn sollte der König kämpfen und so seine Unruhe vergessen. Sie rangen Tag und Nacht, doch keiner der beiden konnte sich den anderen unterwerfen. Schließlich schlossen sie Frieden und wurden Freunde. Gefährten, halb Gott, halb Tier, aber gemeinsam – " Er stockt kurz, dann fügt er tonlos hinzu: „Ein Schiff.“
„Wie sollen zwei Menschen – “, poltert İlkin los.
„Ein Schiff“, sagt Zaher und deutet dahin, wo Moussas Blick sich verliert.
„Ein Schiff“, ruft İlkin. „Wir sind gerettet!“ Er lacht.
Moussa lacht nicht.
Zaher schweigt, denkt an die letzten Toten, die sie gestern erst dem Wasser übergeben haben. Hätten sie nur einen Tag länger durchgehalten.
„Wir sind gerettet“, ruft İlkin und winkt dem Schiff. „Gott ist groß!“

Die Soldaten auf dem Schiff mustern die Männer, die sie aus dem Meer geholt haben, wie Fischer den Beifang. Moussa und Zaher werden an gleichgültigen Blicken vorbei ins Heck gebracht, während İlkin einer Frau vorgeführt wird, die angeblich ihre Sprache versteht. Zaher stellt sich neben Moussa an die Reling. Das Schlauchboot treibt knapp unter der Wasseroberfläche davon.
„Deine Götter hatten Mitleid mit uns“, sagt Zaher.
„Götter kennen kein Mitleid.“
„Wie ging es weiter?“
Moussa schweigt lange.
„Sie haben den König geprüft.“
İlkin kommt zu ihnen.
„Du bist dran“, sagt er zu Moussa.
„Wie war es?“ fragt Zaher.
İlkin zuckt mit den Schultern und sagt: „Es liegt in Gottes Hand.“
Zaher weiß, was Moussa der Frau sagen wird. Dass er anpacken kann, dass er nützlich ist. Dass er in seiner Heimat schwer gearbeitet, Öl gefördert hat. Sie wird es seinem Körper ansehen, trotz der viel zu vielen Tage auf See ist Moussa noch stark, stärker als İlkin und viel stärker als Zaher ohnehin. Moussas Kraft hat ihn im Boot vor İlkin geschützt, doch hier und jetzt wird sie ihm nichts nützen.
„Die Zeit für Öl ist vorbei“, wird die Frau sagen. „Du kommst zu spät. Wir brauchen dich nicht.“

Zaher spricht gutes Englisch, im Lager eine wertvolle Währung. Er darf zwischen den Hilfsorganisationen und den Lagermenschen übersetzen.
„Meri hier braucht Medikamente“, sagt er zu der Frau in der wolkenweißen Uniform. „Ihr Kind ist krank.“ Dass es Meris drittes Kind ist, dass die beiden anderen schon gestorben sind, sagt er nicht. Die weiße Frau müsste blind sein, um Meris Schmerz nicht zu sehen.
Husên, der seinen Sohn sucht, sagt er, die Aufseher würden die Augen offenhalten, obwohl er weiß, dass sie es nicht tun werden. Der Junge wird entweder von allein wieder auftauchen oder verschwunden bleiben. Die Aufseher kümmert es nicht, wenn ein Lagerkind verloren geht.
„Diese Frau ist vergewaltigt worden.“ Sie hat es ihm nicht gesagt, sie weint mehr als sie spricht, aber Zaher kann die Zeichen lesen. „Sie weiß nicht, wer es war, aber sie hat Angst, es könnte wieder geschehen.“ Der Mann in Weiß geht fort, vielleicht holt er eine Ärztin, vielleicht einen Soldaten, vielleicht kommt er nicht wieder. Zaher schaut die Frau an, sie weint und weint und weint.
„Fatin braucht Decken für sich und seinen Bruder.“ Zaher überlegt, ob er der Helferin verraten soll, dass Fatin diese Woche schon dreimal nach Decken gefragt und sie dreimal bekommen hat. Zaher überlegt, ob er Fatin fragen soll, was er mit den vielen Decken macht.
Die Menschen, die im Lager leben, kommen zu Zaher, und Zaher spricht für sie mit den Menschen, die das Lager kontrollieren. Er übersetzt ihre Bitten, ihr Flehen, ihre Schwüre, ihre Drohungen in einfache, klare Worte. Zaher glättet die Wogen, er weiß um die verheerenden Folgen eines Sturms. Niemand kommt zu Zaher, um mit Zaher zu sprechen.

Die Sonne geht unter. Zaher findet Moussa am steinigen Strand.
„Wieso bist du nicht im Zelt?“
„İlkin.“
Zaher fragt nicht nach. Er hat Moussa welken sehen, er weiß, dass auch İlkin Moussas Verfall nicht entgangen ist. Moussa, der am ersten Tag auf See noch wirkte, als könnte er allein das Schlauchboot samt seinen 30 Passagieren über das Meer rudern, könnte jetzt nicht einmal mehr das Steuer halten. Wenn İlkin seine neuen Freunde einlädt, wehrt Moussa sich noch nicht einmal mehr. Zaher hat versucht, Moussa zu schützen, doch so schwach Moussa sein mag, Zaher ist immer noch nicht stärker als er.
„Lass ihn“, hat Moussa darum zu Zaher gesagt, „du bist ein guter Mensch. Er verdient es nicht, dich zu verletzen. Geh und hilf denen, denen geholfen werden kann.“
Jetzt sitzen sie gemeinsam auf einem Felsen und starren auf die kupferfarbenen Wellen.
„Was ist aus dem Großen König geworden? Willst du mir das Ende der Geschichte erzählen? Ich höre zu.“
Erst stürzten die Götter den König ins Glück, dann forderten sie ihn heraus, sein Unglück zu versuchen. Vielleicht erschien er ihnen rückblickend unwürdig, vielleicht nicht dankbar genug. Vielleicht unterzogen sie ihn aus Bosheit, vielleicht aus Langeweile einer Prüfung.
„Den Wilden Mann befiel eine Krankheit. Er, der stets zugleich schlau wie ein Mensch und stark wie ein Tier gewesen war, war nun weder das eine noch das andere. Mal schlug er um sich wie eine zornige Bestie, mal konnte er kaum das Bett verlassen wie ein alter Mann. Der König befragte die Ärzte, die Priester, die weisen Frauen, doch niemand wollte seinem Gefährten helfen.“
„Vielleicht konnten sie es nicht.“
„Vielleicht. Der König verfluchte sie alle und machte sich selbst auf, ein Heilmittel zu finden. In allen vier Weltgegenden suchte er, doch erst im Reich der Götter fand er ein Kraut, das den Wilden Mann unsterblich hätte machen können.“
„Hat der König den Wilden Mann gerettet?“ Zaher fragt, obwohl er die Antwort kennt. Moussa weint noch immer im Schlaf.
„Er war inzwischen gestorben.“
Zaher, der den ganzen Tag den Schmerz fremder Menschen in Worte gefasst hat, findet in sich keinen Trost für den Mann, der am ehesten das ist, was er einen Freund nennen würde. Die Toten fallen ihm ein, die sie den Wellen überlassen haben; er erinnert sich an die Stille danach.
„Ich hätte Harun nicht verlassen dürfen.“
Zaher stellt sich vor, Moussas Hand in seine zu nehmen; Moussa über den Rücken zu streichen; Moussa in seine Arme zu schließen. Später wird Zaher denken: Alles wäre mehr gewesen als nichts.
Moussa steht auf und sagt: „Ich gehe zurück.“
Zaher sitzt noch lange in der Finsternis und lauscht den Stimmen von Wind, Wasser und Stein.

Als einige Abende später das Feuer kommt, ist Zaher noch im Containerdorf der Hilfsorganisationen. Er hat lange übersetzt an diesem Tag, hat die Worte der Menschen durch sich hindurchwehen lassen wie Wind, der durch ein leeres Zimmer geht. Er lässt jetzt nichts mehr aus, er hört nicht mehr zu, er ist nur Ohr und Zunge; seine Augen sind jetzt oft geschlossen, als müsse er sich konzentrieren, dabei will er nur die Menschen nicht mehr sehen.
Die Container stehen im Luv, der Wind treibt den Brand von ihnen fort über die Hügel. Zaher lehnt sich mit dem Rücken an den Zaun, der den Wildwuchs des Lagers von den ordentlichen Baumreihen eines Olivenhains trennt. Schatten flackern über sein Gesicht. Er riecht nicht den Rauch, er hört nur die Schreie und dann auch die nicht mehr.

Zaher irrt durch den Wald gerußter Metallstäbe. Er wird nicht mehr gebraucht, die Hilfsorganisationen wurden abgezogen, die Soldaten, die das neue Lager bewachen, haben kein Interesse an Dolmetschern. Auf der Suche nach dem Zelt, in dem er mit İlkin und Moussa gelebt hat, verliert er wieder und wieder er die Orientierung.
Plötzlich steht da İlkin.
„Hast Du Moussa gesehen?“ fragt Zaher, doch İlkin lacht nur und geht durch die Asche davon.

Asche

die Narben
auf deiner Zunge
bezeugen erloschenen
Zorn

die Zähne gefletscht
folgst du den
Wutwegen

der Brand schwelt
nicht mehr in der
Asche stocherst du
wortlos

Der Stern des Anstoßes

Bei den Schriftstellern* tobt eine Diskussion um das Gendersternchen. Partiell nachvollziehbar, weil der Stern sowohl für das menschliche Auge als auch für maschinelle Lese- und Interpretationshilfen ein Hindernis darstellt. Allerdings sind die Schriftsteller desinteressiert an technischer Umsetzungsschwierigkeit, das Gendern selbst entzündet Herzen, Hirne und alles, was dazwischen baumelt. 

Mein einer Verein führt dieselbe Diskussion, nur in konstruktiv. Während dort nach der optimalen Form gesucht wird, möglichst viele Menschen in ihrer Individualität anzusprechen, erregt bei den Schriftstellern allein schon das Wort "Gendern" einen Furor, der mir im vergangenen Jahr lediglich bei den Janas aus Kassel aufgefallen ist. Aber klar, auch sie befinden sich im Widerstand, nicht gegen das Corona-Regime der Merkel-Diktatur, sondern gegen den Genderwahn der Sprachpolizei. Nichts dürfe man mehr sagen, alles sei verboten, vorauseilender Gehorsam sei der einzige Weg, um unbehelligt zu bleiben von den Blockwarten. Oder eigentlich ja fast ausschließlich: Blockwartinnen. 

Parallelen zum oktroyierten Sozialismussprech der DDR werden gezogen (bislang sind die Umerziehungscamps für Uiguren unerwähnt geblieben), zwischendurch gibt es Ausflüge in den (Anti-)Rassismus, das Beispiel binärer Geschlechtsanerziehung durch rosarot-himmelblaue Zielgruppenwerbung wurde angebracht, kurz auch die Bibel zitiert. Es geht aber auch um alles, nämlich darum, der angeblich von denen da oben verordneten Gehirnwäsche durch Sprachhygiene die Stirn zu bieten. Oder den Arsch, je nach Temperament.    

Alles wie immer also, könnte man denken. Alle Seiten haben ihre Kronzeugen, ihre Statistiken, ihre Wahrheiten, ihre Drohszenarien. Appelle an die Vernunft stoßen auf taube Ohren, resigniert ziehen sich einige Diskutanten zurück, nur um von frisch Entflammten ersetzt zu werden. Um meinen Vater zu zitieren (der natürlich auch nur andere zitiert hat damit): "Es ist bereits alles gesagt, nur noch nicht von jedem."

Der Göttergatte fragt zurecht: "Warum tust du dir das an? Hast du nichts Besseres zu tun?" Noch habe ich keine definitive Antwort.

Eine Stimme aus dem Forum, die glaubt, mich zu kennen, vermutet als Antrieb für meinen Einsatz pro inklusiver Sprache das mir selbst innewohnende Bedürfnis nach Anerkennung, Wahrnehmung, vielleicht auch Verbindung. Als setzte ich mich nur dafür ein, andere sprachlich nicht auszuschließen, weil ich selbst oft genug schon ausgeschlossen wurde (und das eben nicht nur sprachlich). Ob mir allerdings mein Einsatz für eine inklusive Sprache hülfe, dieses Ziel der Akzeptanz zu erreichen, das sei fraglich, sagt die Stimme.

Recht hat die Stimme damit schon. Selbst wenn alle genderten, müsste ich immer noch in mir selbst die Zufriedenheit mit meinem Werk finden, die mir das Selbstvertrauen gibt, irgendwas zu veröffentlichen. Gleichzeitig frage ich mich: Was soll diese Formulierung? Ob mir das hülfe. Als sei ich hilfsbedürftig, als sei ich kaputt, fehlerhaft. Als sei ich dadurch reparabel, dass sich alle anderen meinem Wunsch nach nicht-diskriminierender Sprache anpassten. 

Klar: so war das bestimmt nicht gemeint. Nur weil ich selbst weit vorher erwähnt hatte, mich in meinen Kindheits- und Teenagerjahren als nicht zugehörig, ausgestoßen und schlimmeres wahrgenommen zu haben, heißt das nicht, dass die Stimme darauf anspielte. Wem der Schuh passt, der zieht ihn sich an, so ist es doch. Getroffene Hunde jaulen. Nur Sensibelchen und enttäuschte Narzissten beziehen alles auf sich und machen sich gleich zum Opfer. Kann doch die Stimme aus dem Forum nix dafür, dass die Stimme in mir, die ich kaum erheben mag, gleich einen persönlichen Angriff unter der Gürtellinie vermutet, nur weil da jemand meine Position durch eine (aus einem komplett der Diskussion fernstehenden Kontext extrapolierte) Fernanalyse meiner psychischen Befind- und vielleicht Verletzlichkeit untergräbt.

Um wenigstens diese Frage zu beantworten: Nein, das hülfe mir nicht. Zumindest nicht, zufriedener oder angenommener zu empfinden. Das bleibt eine Angelegenheit meines Herzens, Hirns und von allem dazwischen. Was mir zumindest zeigt, dass es nicht um eine persönliche Grille meiner Selbst geht, sondern um etwas anderes, nämlich um die Forderung, erst zu denken (eventuell auch an andere) und dann zu sprechen (oder zu schreiben). 

Worum es nicht geht: sprachpolizeilich eine neue Weltordnung auf den Weg zu bringen, in der all jene, die ausschließend schreiben, eins mit dem Lineal auf die Finger kriegen. Nicht nur ist das absurd, es wäre auch gar nicht umzusetzen, weil nicht nachprüfbar. 

Aber das wollen die Schriftsteller nicht hören, da kann man es auch noch so oft sagen, sie picken sich nur raus, was sie in ihrer Weltsicht bestätigt, dass die da oben, die bösen Feminazis oder überhaupt die anderen gegen sie sind. Mit genüsslicher Häme pulen sie sich dann Unkrautbeispiele für schlechtes (und so nicht empfohlenes) Gendern aus den Hirnwindungen, nur um dann mit schlecht gespielter Ernsthaftigkeit zu fragen: "Wer soll diesen Unsinn denn wie aussprechen?"
Und dann klopfen sich die Schriftsteller selbst an die stolzgeschwellte Brust und einander auf die Schultern, denn man ist ja unter sich, und gleich pinkelt noch wer ins Eck (im Stehen natürlich), um mal deutlich das Revier markiert zu haben, das nun frei bleiben kann von irgendwelchen Sprachexperimenten, die das Patriarchat aufweichen könnten.

Armes Patriarchat. Ist schon sehr schwach geworden mittlerweile, dass die Aufforderung, das generische Maskulinum mal zu überdenken (nicht gleich ersatzlos in die Tonne zu kloppen), schon so die Klöten schrumpeln lässt.

Warum also tue ich mir das an? Habe ich wirklich nichts Besseres zu tun?

Wahrscheinlich schon. Das seltsame Buch über die Insel will geschrieben werden, auch wenn und gerade weil das ja auch von verletzter und verletzender Männlichkeit handelt, das andere Riesenprojekt hat sich mittlerweile in zwei Entitäten gespalten, die beide um Aufmerksamkeit betteln, meine anderen Kreativitäten buhlen um meine Zeit, und dann sind da noch zwei Vereine, deren durch Corona arg gerupfte Gestalten wieder in Form gebracht werden wollen. 

Vielleicht also doch Anerkennung? Von den Schriftstellern? Von diesen Schriftstellern? 

Eher nicht, ahne ich die Antwort. Klar, ich will schon auch irgendwie dazu gehören, und als Mensch, der seit jungen Jahren vor allem schreibend mit Anderen kommunizierte (weil Sprechen und gleichzeitig Gedanken sortieren halt echt nicht funktioniert, wenn 30 Gedanken gleichzeitig um einen einzigen Platz auf der Zungenspitze rangeln), bot sich das Schreiben halt sehr an. Wo will man da am Ende hin, wenn nicht zu den Schriftstellern?

Nicht, dass die nun die Speerspitze der Kunst wären. Oder generell in der Richtung unterwegs, die ich für mich sehe. Das zeigen mir ja die Wettbewerbe, an denen ich mit einem mich immer wieder selbst überraschenden Optimismus teilnehme, nur um dann zu sehen, dass meine in liebevoller Kleinarbeit zurechtziselierten Beiträge zwar polarisieren, aber zu meiner Enttäuschung nur im Mittelfeld landen, während meine im Frust über das Wettbewerbsfeld hingeschluderten Destruktivkommentare regelmäßig eine Begeisterung hervorrufen, die ich mir kaum erklären kann. 

Von diesen Menschen also will ich akzeptiert werden? Die Texte schreiben, die ich fragwürdig finde? Die Texte loben, die mir unverständlich bleiben? Die meine Verrisse bejubeln, die mit konstruktiver Auseinandersetzung oder gar einer Wertschätzung der Arbeit anderer wenig bis nichts zu tun haben? Will ich akzeptiert werden von Menschen, die ich im Analogen nicht als Freunde haben wollen würde?

Klar: ich habe Probleme mit meiner Selbstwahrnehmung und -akzeptanz. Immer schon gehabt, wird sich wohl auch so bald nicht legen. Das wird sich auch nicht legen, falls sich nun gendernde Sprache durchsetzt oder aber die Horde der sprachpolizeilichen Blockwarte unter den Schriftstellern, die die ganze Diskussion unter Spott, Häme und Herablassung begraben. 

Insofern: Nein. Das würde nichts helfen. Mir zumindest nicht. Denn mein Problem ist ja nicht meine Suche nach binärer Identität, sondern nach kreativer Anerkennung. Hinge mein Lebensglück davon ab, dass der Autor eines Wanderführers "Wandernde" statt "Wanderer" schreibt, ich hätte mehr gekämpft.

"Vielleicht hätten andere profitieren können", ist mein Gedanke, altruistisch will ich ihn nennen, auch wenn ich nicht sagen kann, ob er nicht doch nur egozentrisch ist. Soll ja Menschen geben, die tatsächlich darunter leiden, dass nicht-gendernde Sprache sie exkludiert. Aber die werden ihren Kampf dann wohl doch selbst führen müssen, so wie ich den meinen habe. 

___

* sic! 

Happy End

Das Jahr neigt sich nicht nur dem Ende zu, es ist ganz und gar auf Neujahr eingestellt. Vielleicht, so hoffen alle, bringt 2021 endlich die ersehnte Wende zum Besseren nach so vielen Jahren, in denen immer wieder das Jetzt verflucht und die baldige Zukunft ersehnt wurde. Um dann wieder enttäuscht zu werden. 

So ist das nun mal. Die Zukunft bringt nur in Ausnahmefällen das Erwartete, manchmal immerhin das Erwartbare, in den seltensten Fällen aber das Erwünschte. Nun ist das natürlich auch eine Folge von Erwartungsmanagement. Wer auf nichts hofft, wird nicht enttäuscht, wer großen Träumen nachjagt, fällt hingegen schon mal von der Klippe. 

Die Ansprüche an 2021 sind daher entsprechend niedrig: wenigstens nicht so schlimm wie 2020 soll es werden. Und tatsächlich war dieses Jahr ein absoluter Tiefpunkt in der Wahrnehmung der meisten Menschen. Was noch einigermaßen begann (wenngleich mit der trüben Aussicht auf einen allseits unbeliebten Brexit), wurde rasch von Corona überrollt. 

Viele Geschichten, die in und von diesem Jahr erzählt wurden und werden, enden mit "... und dann kam Corona". Die Pandemie hat vielem ein Ende gesetzt oder zumindest ein Neudenken vieler Prozesse angeregt. Leider nicht aller, denn das Grundproblem, das zu Corona geführt hat (und zu mehreren Jahren der Verschlimmerung) bleibt ja bestehen. 

It's the structure, stupid! will ich rufen, aber hören wird mich niemand. Das strukturelle Problem einer auf Ausbeutung humaner und ökologischer Ressourcen kann nur in Kollaps münden. Krise kann nur auf Krise folgen, einzige Lösung: Ändere das System. Never change a running system, heißt es zwar. Was aber wenn das System gegen die Wand rennt?

Und da sind wir also. Gesegnet mit der Erkenntnis, dass unsere Lebensweise die Grenzen des Belastbaren erreicht haben, ungesegnet allerdings mit der Kraft und/oder Entschlossenheit, der simplen Erkenntnis, in einem geschlossenen System zu leben, auch konkrete Taten folgen zu lassen. 

Nun bin ich ja glücklicherweise weder Prophet noch Messias noch Wissenschaftler oder sonst jemand. Ich bin nur einer, der Worte in die Welt wirft in der Erwartung, dass niemand sie liest. Konsequenzlosigkeit ist meine Lebensart. Und dennoch liegt mir etwas am Planeten. Allein schon, weil ich keine Lust habe, in den nächsten 30/40 Jahren jämmerlich zu sterben. 

Klar, sterben werde ich müssen (auch wenn die Digitalisierung der Persönlichkeit sicherlich irgendwann Realität wird), weil wir alle nur über eine begrenzte Laufzeit verfügen. Aber jämmerlich sterben, das muss ja nun nicht sein. Ich mag den relativen Luxus, in dem ich lebe. Ich mag es warm und gemütlich. Ich bin gerne satt und zufrieden. 

Und mehr muss es ja auch eigentlich nicht sein. Ich brauche keine Palmfettprodukte, ich möchte keine Verbrennermotoren. Ich will keine Mastschweine oder Legebatteriehühnereier, ich verabscheue Fast Fashion. Ja, ich lebe in einer relativ großen Wohnung, aber der wichtigste Einrichtungsgegenstand darin ist leerer Raum. 

2021 ist bis jetzt auch ein leerer Raum. An seiner Schwelle stehen Erwartungen neben Enttäuschungen. Beides werden wir zur Genüge erfahren. Mit etwas Glück werden wir aber nach 2021 Geschichten erzählen, die bei "... und dann kam Corona" nicht enden, sondern die danach auf ein Happy End zusteuern.