Der dunkle Ort

Als Kind hatte ich einen wiederkehrenden Traum, der mich durch meine Grundschulzeit hindurch begleitete. Später, als ich das Gymnasium besuchte, war er nur noch ein Schatten seiner selbst, eine ferne Erinnerung, die mich nur streifte, wenn ich große Angst hatte.
Ich träumte, ich sei ein Baum, eine gerade verwurzelte Pflanze, ein Keimling, der sich gen Sonne und Himmel streckt. Ich weiß nicht, wann ich das erste mal davon träumte, es gehört zu den ersten und stärksten Erinnerungen, die sich nicht wie andere Erinnerungen der Kindheit mit Fotos belegen lassen. Vielleicht steckt diese Erinnerung, dieser Traum darum so tief in mir: weil es keinen anderen Beweis für seine Existenz gibt als mein Wissen, mein Fühlen, dass es wahr ist, was dieser Traum erzählt. Der junge Baum, der ich war, steht allein auf weiter Ebene, als es anfängt zu regnen, dicke Tropfen, schwer wie Planeten und schwarz wie sternlose Nacht. Sie fallen herab aus dem lichten Himmel, ohne Vorwarnung; aus Höhen ohne Wolken, die es angekündigt hätten, geht ein Schauer aus Dunkel hernieder und reißt die Ebene um mich in Stücke, prasselt auf den Baum, der ich war, ein. Und die Tropfen, die wie Teer an mir kleben, verhöhnen mich, machen sich lustig über meine Angst, über meine Tränen, über meine Sorge, dass ich mit allem, was ich bin, untergehen könnte, vergehen könnte unter diesem Welt- und Wolkenbruch.

Den Traum konnte ich besser verkraften als die Stimmen, die mich aus dem herabstürzenden Himmel in den Tag hinein verfolgten. Auf meinem Schulweg hörte ich sie noch, spürte ihren Spott und konnte ihre Schadenfreude fühlen, wenn sie meine Gedanken echoten und ins Lächerliche verzerrten. Es gibt sicherlich eine psychologische Bezeichnung dafür oder zumindest eine Erklärung, was mein Unterbewusstsein tat, als es all meine Gedanken mit Häme verätzte. Ich versuche heute, in dieser Vergangenheit den Beginn für die Zensur meiner Gedanken vor mir selbst zu suchen; ich hatte Angst zu denken, da alles, was ich dachte, flammenden Widerhall fand.
Die Stimmen, die ich im Traum wie im Wachen hörte, die mich nachäfften und verhöhnten, waren natürlich selbst nur Echos wie der Traum vom schwarzen Regen selbst auch. Kein Kind kommt auf die Welt mit einer solchen Störung. Selbst wenn das Gehirn sich fern der Norm entwickelt, so gibt es doch in der Regel Auslöser, Momente, die eine erratische Wahrnehmung initiieren, und sei es bloß, dass sie dem betroffenen Kind verdeutlichen, dass es anders tickt als die Anderen. Nicht anders war es bei mir.

Ich gebe meinen Eltern keine Schuld dafür, dass sie mit ihrer Entscheidung, aufs Land zu ziehen, wo sie bis zu ihrem Fortgang vor zehn Jahren Fremde blieben, auch mich zum Außenseiter machten; sie konnten es nicht ahnen. Sie kamen aus einer Stadt im Norden, ich wuchs auf in einem Ortsteil einer südlichen Dorfgemeinde. Weder verstanden meine Eltern in den ersten Jahren, wie die Landbevölkerung tickt, noch hatten die Ortsansässigen Interesse, die Zugezogenen näher kennenzulernen, geschweige denn zu integrieren. Während Eltern demgegenüber eine gewisse Professionalität an den Tag legen können, sind Kinder da offener, direkter, grausamer.
Ab meinem ersten Tag im Kindergarten wurde ich von den anderen Kindern, deren Mütter bereits miteinander aufgewachsen waren, kritisch beäugt, sie erkannten das Fremde an mir, das eigentlich nur ein Nichterkennen war. Wir trugen diese Stempel auf beiden Seiten, ich hatte kaum Berührungspunkte mit den anderen Kindern, die größtenteils auch noch aus einem anderen Ortsteil der Dorfgemeinde kamen. Manches verwächst sich im Laufe der Zeit, manches wird weniger wichtig. Dass ich der Jüngste, der Kleinste, der Stillste in der Gruppe war, wurde mit der Zeit weniger wichtig als das Eine, das immer gleich blieb: ich war anders, fremdelte selbst nach Jahren noch. In der Grundschule wuchs die Distanz auf kognitiver Ebene. Meiner Armut an Freunden verdanke ich meine Liebe zum Wissen. Als jüngerer Bruder profitierte ich bereits im Kindergarten von den Lernerfolgen meiner Schwester, die mit mir Schule spielte. Sie brachte mir das Schreiben bei, während die anderen Jungs lernten, wie man mit einem Fußball umgeht. Ich konnte Bücher lesen, während die anderen Kinder sich gerade noch durch das Alphabet quälten. Ich wurde zum Liebling der Lehrer, während andere Schüler bereits in der ersten Klasse um ihre Versetzung fürchteten. Meine Gene taten das Übrige: ich bekam eine Brille.

Was wird aus dem Kind, das ohne Freunde zuhause sitzt und Bücher liest, wenn es schlechte Augen bekommt? Der kleine dicke Junge mit der Brille. Der “Herr der Fliegen” kennt ihn als Piggy und sieht ihn aus seinen madenzerfressenen Augenhöhlen im Kampf der Stärkeren alles verlieren, was er hat, sein Leben inklusive. Der Archetyp des Außenseiters hat es nicht leicht; manchmal, wenn aus genügend großer Angst Aggressivität erwächst, kann er sich zum Anführer der Unterdrücker emporschwingen, doch meistens bleibt er allein. Kinder sind grausam, und sie wissen nicht, dass es anders sein könnte. Sie geben dem andersartigen Kind bösartige Namen, jagen es schreiend über den Schulhof, schneiden es aus Bosheit oder Angst vor Ansteckung, weiden sich an seinen Tränen, die es zu verbergen sucht, um nicht zu zeigen, wie viel Macht die Gruppe hat und wie wenig das andersartige Kind.
Ich erinnere mich an wenig aus meiner Schulzeit, teilweise sind absurde Erinnerungen darunter, die schöneren haben meistens mit Lehrern oder anderen Erwachsenen zu tun. Doch auch eine besonders dunkle ist darunter, die aus dem Keller der Schule einen weiteren schwarzen Ort macht. Die Erinnerung daran ist allerdings verschwommen und unvollständig, und ich weiß nicht, was ich von ihr halten soll, da ich nicht weiß, wo sie endet. Ob das Ende meiner Erinnerung das Ende dessen ist, woran ich mich erinnern könnte.

Als der Lehrer verhaftet wurde, weil er Schulkinder mit in sein Haus genommen hat, um sie dort sexuell zu belästigen, waren alle Eltern beunruhigt. Obwohl ich ihn nur ein Jahr lang im Kunstraum im Keller gesehen hatte, fragten mich meine Eltern aus.
Wie kann dieses Gespräch stattgefunden haben? Ich erinnere mich nicht gut. “Hat er etwas gemacht?” fragten sie, und ich weiß nicht, ob ich als Achtjähriger verstand, was “etwas” hätte sein können. Was ich wusste: der Lehrer mochte mich. Ich war das Kind, das den gleichen Vornamen hatte. Eventuell erkannte er die künstlerische Ader, die in meiner Familie vererbt wird wie die Kurzsichtigkeit. Vielleicht erkannte er, dass der Außenseiter niemanden hatte, um zu verraten, wenn der Lehrer “etwas” tun würde. Ich erinnere mich daran, während einer Stunde auf seinem Schoß gesessen zu haben, und ich erinnere mich daran, dass er mich sein Lieblingskind nannte. Und während allein dass schon Grund genug für die anderen Kinder gewesen wäre, mich noch mehr zu hänseln, weil ein Lehrer mich anderen Schülern offensichtlich vorzog, kann ich nicht ermessen, welchen Einfluss dieser Mann tatsächlich auf mein Leben hatte.

Ich weiß nicht, ob und wenn, in welchem Maß ich vom Kunstlehrer missbraucht worden bin. Ich sehe das auch nicht als den dunkelsten Ort, an dem ich je war. Jahre später, Konfirmandenunterricht: derselbe Raum, dieselbe Schülergruppe, jetzt 13 bis 14 Jahre alt. Der Raum selbst weckt keine bösen Erinnerungen, die Menschen darin auch nicht. Wir haben keinen Umgang miteinander, meine Arroganz als einziger Gymnasiast unter Hauptschülern verbietet es mir. Ich bin besser, das spüre ich und lasse es die anderen wissen. Habe das vielleicht damals schon gemacht. Vielleicht, das argwöhne ich lange nach der Konfirmation, wiederum Jahre später, habe ich damit mein Außenseitertum befeuert, vielleicht, wenn schon nicht hervorgerufen, dann doch kultiviert.
Die Wiederbegegnung mit dem Raum, in dem Kinder missbraucht wurden, löst nichts aus, vielleicht saß ich tatsächlich nur auf dem Schoß, bis ich zu schwer wurde. Ich hatte damals schon einen Panzer um mich gelegt, der mich nicht leicht zu ertragen machte.

Dunkler als die Träume, dunkler als die ätzenden Stimmen, dunkler als der Kunstraum, dunkler als alle Nächte, die ich mich in den Schlaf weinte aus Angst vor dem nächsten Morgen in der Schule, dunkler als all das war meine Seele. Ich hasste mich dafür, was ich anderen erlaubte, mir anzutun. Ich hasste mich dafür, dass ich mich nicht wehrte. Ich hasste mich dafür, lieber wegzulaufen als mich meinen Verfolgern entgegenzustellen. Ich hasste mich dafür, der Angsthase zu sein, den alle anderen in mir sahen. Ich hasste mich dafür, dass ich mich auch Jahre später, als ich schon nicht mehr das Kind der Zugezogenen im Dorf, sondern ein fremder Schüler unter vielen einander fremden Schülern im städtischen Gymnasium war, abgrenzte, meine Arroganz kultivierte, mich immer tiefer in mich zurückzog, um meine Opferrolle behalten zu können. Ich hasste mich dafür, dass ich selbst dann schwach sein wollte, als ich mich anstrengen musste, schwach zu sein. Ich hasste mich dafür, dass ich mich nicht einfach nur zuhause, sondern tief in Büchern versteckte. Ich hasste mich dafür, dass ich meine gesamte Jugend an mir vorbeiziehen ließ, nur um weiterhin zu erleben, was ich kannte: Alleinsein, Einsamsein. Ich hasste mich dafür, dass ich mir selbst meine Kindheit und Jugend stahl, dass ich mich selbst dadurch missbrauchte.

Erst als ich 17 war, zehn Jahre Einsamkeit später, erkannte ich das. Erst damals, als ich von Freunden, über deren Herkunft ich mir bis heute Umklaren bin, angenommen wurde, wie ich bin, entkam ich meiner inneren Hölle. Dafür musste ich nicht kämpfen. Ich musste einfach nur loslassen, nicht mehr daran denken. Ich ging aus, ich nahm ab, ich wurde ein anderer Mensch, aus heutiger Sicht fast über Nacht. Ich kann nicht sagen, was geschah, es wurde plötzlich alles leichter, alles, was mich vorher ausgemacht hatte, brach auseinander, und es war mir egal. Ich sah nicht mehr zurück, ich nahm mit mir, was mit mir gehen wollte.
Ich erkannte das, was meine Freunde in mir sehen konnten, lernte mich ebenso einfach anzunehmen mit allen Fehlern, vor allem aber mit allen Stärken. Ich lernte mich lieben. Das war das schwerste, aber auch das Schönste. Die Liebe und die Leichtigkeit, mit der ich mein Leben lebte.

Die Angst vor dem Dunkel hat mich nicht verlassen. Auch die Sehnsucht danach nicht. Über Jahre hinweg hat es keine Rolle gespielt. Erst gegen Ende meines Studiums, weitere zehn Jahre danach, als ich in mein Jahr der Arbeitslosigkeit fiel wie in eines der Löcher, das der schwarze Regen in die weite Ebene gerissen hatte, spürte ich das Dunkel wieder in mir, erkannte die Narbe, die auf meiner Seele geblieben war. Ein Jahr ist viel Zeit, um eine Narbe wieder zu einer blutende Wunde zu öffnen.
Manchmal kann das sinnvoll sein. Manchmal kann man, gräbt man nur tief genug, Splitter und Scherben aus dem Gewebe ziehen, die auf lange Sicht die Gesundheit gefährdet hätten. Manchmal kann man unter großen Schmerzen die Beweglichkeit von Gelenken wiederherstellen. Manchmal ist es das Opfer wert, den Schmerz, das scheinbar endlos fließende dunkle Blut. Manchmal. Nicht immer.
Seit bald sechs Jahren laboriere ich an dieser Wunde wie an einer Kriegsverletzung. Posttraumatische Belastungsstörung nennt man das wohl. Und es wird nicht besser.
Oder vielleicht doch, immerhin erkenne ich langsam Muster in meinen Alpträumen, weiß mittlerweile, dass ich mich von meinen Freunden bewusst abschotte, statt immer noch zu vermuten, dass sie still an jenen unbekannten Ort zurückkehren, aus dem sie einst hervortraten. Ich akzeptiere, was ich in den Folgejahren von 17 intuitiv begriff: dass ich verantwortlich bin für mein Glück wie für mein Unglück. Ich begreife, dass meine Sucht nach intellektueller Betäubung und strategischer Selbstunterforderung einen ebenso primitiven wie effektiven Selbstschutz davor darstellt, mich mit mir selbst auseinanderzusetzen.

Ich bin an einem Grenzpunkt angekommen. Ich kann nicht weitermachen wie bisher, das ist die beste Erkenntnis. Ich kann nicht weiter ignorieren, was alles in meinem Leben nicht funktioniert und nicht passiert. Wichtiger: ich will es nicht. Meine Gesundheit leidet massiv. Alle subtilen Zeichen konnte ich ignorieren, die Unzufriedenheit, die eingeklemmten Nerven, die Rücken- und Schulterschmerzen, der unregelmäßige Herzschlag, der niedrige Puls, die Schlaflosigkeit, die Schlafattacken, die Erschöpfung. Letztlich habe ich mir einfach die Zähne an mir selbst ausgebissen. Mein Zahnarzt sagt, die Zahnfüllungen, die er letzten Herbst erneuert hat, sähen aus, als wären sie fünf Jahre im Krieg gewesen. Fast sechs, könnte ich ihn korrigieren.
Einer meiner Zähne ist jetzt gesplittert, von der Krone bis zur Wurzel aufgerissen wie ein Baum nach einem Blitzschlag. Er wird gezogen werden, ich bekomme ein Implantat, über das ich Witze mache, weil es aus der Schweiz kommt: ich hoffe, dass es so viele Funktionen haben wird wie ein Taschenmesser. Als ob es nicht eigentlich tragisch wäre, was mir anzutun ich offensichtlich bereit bin, nur um zu verdrängen, wie hoffnungs- und vor allem orientierungslos ich durch mein Leben wanke.
Statt mich konstruktiv damit auseinanderzusetzen, was ich wirklich kann und will, strenge ich mich an, schwächer zu sein, als ich es bin. Statt das Buch zu schreiben, das davon handelt, wie Kirren seine Angst und sein prophezeites Schicksal überwindet, vergrabe ich mich in Büchern und Coming-of-Age-Blogs. Statt mir zu gestatten, mich und andere zu lieben, betäube ich mich mit Pornographie. Statt stolz auf meine über elf Jahre Beziehung zum Freund zu sein, bin ich schon gehemmt, meinen Kolleginnen gegenüber zu erwähnen, dass ich überhaupt eine habe, geschweige denn eine schwule Beziehung. Statt meine Ideen und Fähigkeiten sinnvoll auf die Erfüllung wenigstens eines meiner vielen Träume zu konzentrieren, verschwende ich Kraft dabei, auf vielen Baustellen Stückwerk abzuliefern.
Und ich trauere. Vor allem um die Zeit, die vergangen ist. Als ob sie dadurch wiederkäme oder anders verbracht worden wäre. Auch schöne Momente bekommen den Anstrich des Selbstmitleids, dass all das Schöne nicht von Dauer ist, sondern verloren sein wird, weil ich es nicht halten kann. Statt in irgendwas eine Chance zu sehen, erkenne ich in allem nur die Mangelhaftigkeit, die Imperfektion. Und mich regt alles auf, nicht weil alles aufregend wäre, sondern weil ich mich aufregen will. Dass die Nachbarn den Müll nicht trennen, dass der Chef kein Chef ist, dass die Freunde ihre Mails auch nicht häufiger beantworten als ich meine. Dass nichts besser ist als das Mittelmaß, zu dem ich selbst auch fähig bin.

Ich habe mich lange geweigert, mich mit all dem auseinanderzusetzen. Mit all dem, was ich aufgeschrieben habe, um Sherrys Frage zu beantworten, was mich immer wieder einhole, und mit all dem, was ich noch nicht aufgeschrieben habe. Ich habe lange Zeit keinen Sinn darin gesehen und vor allem keine Hoffnung.
Vielleicht hatte ich auch einfach Angst, dass das Teilen dieser Dunkelheit zu etwas führen würde, was ich mir schon einmal vorgeworfen habe: dass ich meine Geschichte missbrauchte, um andere durch Mitleid an mich zu binden. Das habe ich früher getan, oder zumindest unterstelle ich mir das. Dass ich durch das Erzählen meiner Außenseitergeschichte Gefühle bei Anderen hervorgerufen hätte, die nichts mit der Person zu tun haben, die ich zum Zeitpunkt des Erzählens war. Und dass die Anderen nur deshalb bei mir blieben und mich nur deshalb mochten, weil ich diese traurige Geschichte erzählt hätte.

Jetzt, wo ich das so aufschreibe, fällt mir erst auf, wie bescheuert es ist. Als ob andere Menschen nicht selbst entscheiden könnten, wem sie ihre Zuneigung, ihr Vertrauen, ihre Liebe schenken. Wie anmaßend auch, dass ich glaube, meine Vergangenheit könnte stärker sein als der Wunsch anderer Menschen. Und wie naiv vor allem anzunehmen, ich wäre der einzige Mensch, der Leid erfahren hätte in seinem Leben.

Ich habe aus Angst geschwiegen, aus der Angst heraus, mich selbst zum Opfer zu machen. Statt zu erkennen, dass ich mich dadurch tatsächlich zum Opfer meiner selbst mache, habe ich mir verweigert, mir selbst zu helfen, indem ich mich mit meiner Vergangenheit auseinandersetze. In meinem Wunsch nach Leid habe ich die unglückliche Einsamkeit heilsamem Schmerz vorgezogen.
Jetzt, da ich an diesem Punkt, in diesem Absatz bin, wird mir erst klar, was ich da eigentlich getan habe, und wieviel mehr dysfunktional das ist im Vergleich zum Panzer, den ich in meiner Pubertät trug. Ich hatte gedacht, es besser zu wissen, dabei wollte ich nur blind und arrogant und alleine und einsam bleiben. Und ich habe all jene Menschen weit von mir gestoßen, die mir hätten helfen können, die mich kannten, als ich klein war, als ich Jugendlicher war, als ich anfing zu heilen. Als es dunkel wurde, 2007, da habe ich Stück für Stück abgeblockt, habe jede Nachfrage, jedes Wissenwollen ignoriert, habe bewusst Geburtstage, Verabredungen, Telefonate vorbeiziehen lassen, weil ich Angst vor den Antworten hatte, die mir die Menschen, die mich lieben, hätten geben können. Und der einzige Mensch, der nicht von meiner Seite wich, weil seine Liebe alle meine Versuche überwanden, ihn zu ignorieren oder fortzustoßen: ihn habe ich mit Schweigen und Aggression bestraft, mit Enttäuschungen und bissigen Seitenhieben. Ich verdanke ihm so viel und ich behandle ihn dafür so schlecht. Ich kämpfe immer wieder mit mir, ich bin mir immer wieder meiner Beziehung unsicher, weil ich ahne, dass er zu viel von mir weiß, als mir nicht helfen zu können, wenn ich ihn um Hilfe bäte. Aber er will nicht gehen, und ich könnte so ein glücklicher Mensch deswgen sein, wenn ich das nur sehen wollte.

Als der Freund vor eineinhalb Stunden schlafen ging, sagte er, ich solle noch aufbleiben und weiterschreiben. Es sähe aus, als hätte ich mir da was von der Seele zu schreiben. Ich glaube nicht, dass er den halben Nervenzusammenbruch meinte, in dem ich den letzten Absatz verfasst habe; aber er kennt mich wirklich so gut, dass er mir ansieht, wenn ich schreiben muss. Das ist eines der Dinge, die ich an ihm liebe.
Ich neige dazu zu glauben, dass ich ihn nicht verdiene. Dass ich zu selbstsüchtig, arrogant, destruktiv bin. Und auch hier überschreite ich meine Konpetenzen schon wieder. Es ist nicht meine Aufgabe, seine Gefühle zu interpretieren oder gar hervorzurufen. Auch wenn ich das offensichtlich als mein Lebensmotto sehe: Anderen die Art des Umgangs mit mir möglichst weit vorzugeben. Als ob sie dazu nicht selbst in der Lage seien.

Ich verstehe, dass ich beschädigt bin. Dass meine Wurzeln vernarbtem Grund entwachsen. Und jetzt, in diesem lichten Moment nach dem emotionalen Sturm, der meine Krone durchgerüttelt und einige knorrige Zweige herausgebrochen hat, weiß ich, dass ich dadurch stärker sein kann als ohne den erlebten Schmerz. Vorausgesetzt, ich kann den Schmerz, die Erinnerung, die Sehnsucht nach dem dunklen Ort loslassen. Dass es geht, weiß ich. Dass ich mich selbst lieben kann, weiß ich. Dass ich mir selbst vergeben kann, weiß ich. Ich muss es nur noch wollen.
Die Entscheidung sollte nicht schwer fallen. Es kostet so viel Kraft, nicht zu wollen. Es kostet so viel mehr Kraft, mich immer noch klein zu halten, mir selbst alles zu versagen, mir keine Liebe zu gönnen. Ich habe diese Kraft nicht mehr, ich gehe auf dem Zahnfleisch. Aber ich gehe voran. Den Grenzpunkt habe ich hinter mir gelassen, ich will nicht mehr zurück. Natürlich sieht das dunkle Land vertraut aus, aber das heißt nicht, dass es im Licht nicht auch schön sein könnte. Im Gegenteil dürfte die Sonne dort öfter scheinen.

Gejaule um Vergangenes

Die Vergangenheit frisst an mir wie ein wildes Tier. Und ich gebe mich dem hin, heiße das Alte willkommen, sich an meinem Leben zu laben, ich brauche es ja offensichtlich nicht. Meine Tage sind gefüllt mit Sinnlosigkeiten und Nichtstun. Da kann mich die Vergangenheit ruhig einholen, locker überrunden, ohne sich anstrengen zu müssen. Verlockend ist das ja schon, wenn das, was eigentlich vergangen ist, wieder vor einem liegt, einstellen muss man sich da auf nichts Neues, Unbekanntes, vielleicht Unbequemes.

Ich habe Angst vor dem, was andernfalls kommt. So sehr ich mich grundsätzlich nach Veränderung sehne, so sehr fürchte ich mich vor dem Blindsein für das, was kommen könnte. Und blind werde ich sein, ist ja jeder gezwungenermaßen. Ich fürchte diesen Kontrollverlust, so dumm das vielleicht auch ist. Denn wann habe ich jemals irgendwas in meinem Leben kontrolliert? Wann hätte das jemals in meiner Macht gestanden oder in der irgendeines Anderen?

Die Menschen sind da nicht alle gleich, habe ich gemerkt, ja selbst ich bin meinem Phlegma da nicht immer treu. Manchen Tages bin ich so aufbruchsfreudig, ja fast schon umtriebig, dass ich achtzig Dinge gleichzeitig anfange, anderntags schaffe ich es gerade mal aus dem Bett unter die Dusche, wo ich anscheinend Stunden verbringe, denn obwohl ich weit vor Mittag aufgestanden bin, geht die Sonne schon fast wieder unter, wenn ich mich abgetrocknet habe. Und dann wieder mag die Zeit manchmal nicht vergehen, egal wie sehr oder wie böse ich sie anstarre.

Überlegt habe ich, die alten Texte aus dem ersten Blog von vor über zehn Jahren hierher zu importieren. Nicht dass das technisch ohne Weiteres möglich wäre, im Gegenteil. Vorausschauend, wie ich war damals, habe ich keine Worpress-gängigen Dateien gespeichert, sondern reines HTML. Offensichtlich wusste ich damals schon, dass ich mich irgendwann mit Unnötigkeiten beschäftigen wollen würde. Und ich ahne jetzt schon, dass das Ausschneiden, Überarbeiten und Anpassen alter Texte an mein heutiges Wort- und Lebensgefühl nicht etwa nur wenige Wochen in Anspruch nähme, sondern eher Monate. Monate, die ich so schon mal semikonstruktiv verplant hätte mit einem Projekt, das mich effizient von allem anderen abhält, was mich tatsächlich voranbringen könnte.

Ich habe mich letztlich doch dagegen entschlossen. Wenn ich die Vergangenheit so toll gefunden hätte, dann hätte ich sie wohl gleich behalten. Durch ein Wiedererleben des Vergangenen ist mir nicht geholfen, ein anderer wird es nicht lesen und (im Fall, dass ich mich da irre) schon gar nicht davon profitieren. Das Jaulen der Vergangenheit ergibt selbst mit Nostalgiefilter keine Harmonie. Und so lange ich die alten Geschichten an mir nagen lasse, werde ich nie erreichen, was ich mir trotz vorgeblicher Ehrgeizlosigkeit zum Ziel gesetzt habe.
Insofern: Neues schreiben, Neues machen, nur trauern, wenn es sinnvoll ist. Alles andere hinter sich lassen, was belastet. Was wir hinter uns gelassen haben, ist aus guten Gründen auf der Strecke geblieben.

Die Tage sind gezählt, ich höre nur nicht den Countdown.

Glaubste doch nicht, dass das einfach so weiter geht. Glaubste nicht und willste auch nicht glauben. Wem denn, was denn, wozu denn?

Die Zeit läuft und ich bin noch nicht am Start, nicht mal nahe dran bin ich. Wenn ich drüber nachdenke – was ich nicht tun sollte -, dann deprimiert mich das natürlich. Was sonst auch, ginge anderen nicht anders: Mistleben bleibt Mistleben, egal wessen Selbstmitleid da jault.
Bekomm mal den Arsch hoch, denke ich mir und lasse mich dann doch wieder fallen. Setze mich an den Copmuter, um angeblich Bewerbungen zu schreiben, statt dessen lese ich seit Wochen ein Blog, dessen Fiktionalität offensichtlich ist, vom Autor aber als Dokumentation eigener Erlebnisse verkauft wird. Mir ist das egal, es geht mir beim Lesen nicht um Inhalte, nicht so sehr jedenfalls, Coming-of-Age eben, was halt hip ist derzeit (also die letzten dreißig Jahre). Auch der schwule Sex, der da beschrieben wird, hält mich nicht bei der Stange, so iterativ ist er. Da wird geblasen und gefickt und dann nackt rumgehangen. Passiert. Wenn man will, kann man Sexszenen auch schöner schreiben. Tatsächlich aber berührt mich die Entwicklung der Figuren über ihre Grenzen hinaus, “pushing the envelope” nennt der Autor das, dieses leichte Vortasten über den Rand der Komfortzone hinweg.

Ich mache das schon lange nicht mehr. Ich habe mich eingeigelt, mich wieder zurückgezogen. Nach all den Fortschritten im letzten Jahr, nach all der Energie, die ich mobilisiert habe, bin ich wieder in meinem Trott gefangen, in meiner Miesepetrigkeit, in meiner Kraftlosigkeit. So sehr, dass ich da echt keinen Bock mehr drauf habe.
Gutes Zeichen, sagt der Bock in mir, aufwärts gehts. Mit jedem Tag, da nicht mehr Selbstmitleid rumhampelt und alle Energie verbraucht, kann vielleicht ein Tag für Konstruktives genutzt werden. Vielleicht doch endlich mal das erste Video machen, das ich jetzt seit Monaten vor mir herschiebe. Vielleicht endlich mal die Homepage erneuern. Vielleicht, vielleicht. Die Liste ist lang. Freunde anrufen, steht ganz oben.
Was soll ich da sagen: Hallo, ich bin immer noch nicht weiter, aufwiederhören? Ich spreche ja doch nur wieder über mich und die beschissene Arbeit, die mir das Letzte abverlangt. Leider nur meinen letzten Nerv, nicht meine Aufopferung oder die Grenzen meiner Kenntnisse.

Mich hält nichts mehr außer der Wut. Vielleicht bleibe ich darum im Laden, vielleicht kommt mir der Leidensdruck darum noch nicht hoch genug vor. Weil ich dort wütend sein darf, rasend vor Emotion. Weil ich mich sonst immer beherrsche, ja sogar den dümmsten Kunden gegenüber. Über die ich mich dann natürlich wieder aufrege.
Meine Frustgrenze reicht bis 12 Uhr mittags. Vielleicht ist das natürlich. Vielleicht haben sich die Kerle im Alten Wilden Westen deswegen immer mittags gegenseitig erschossen: zu Beginn des Leistungstiefs geht zuerst die Laune runter und das Aggressionspotential hoch.

Die Zeit läuft, die Winterpause ist vorbei. Lange kann ich nicht mehr jammern, bevor ich wieder einen gutgemeinten Rat bekomme, der heißt: ändern oder Maul halten. Am besten beides.

Wachstumsschmerzen

Was alles andere betrifft, bin ich nicht sicher. Wie sollte ich auch, denn mal wieder bricht alles um mich auseinander, alle meine Wahrheiten entpuppen sich als potemkinsche Dörfer, alle Fassade platzt ab, während ich zusehe und zusehends erstarre. Denn meine Wahrheiten, stelle ich fest, sind nicht mehr als Pappmaché und Holzverschalung, Schmuckdekor und Realitätsimitat. Mein Leben ist irgendwas künstliches, stelle ich fest, und unter dieser Lackschicht, stelle ich weiter fest, ist irgendwas, das ich nicht anfassen, geschweige denn sehen will.
Ich habe zu kämpfen damit, dass ich erwachsen werden muss, seit zehn Jahren, vielleicht schon länger habe ich mit dieser Adoleszensierung zu tun, die ich nicht hinter mir lassen kann, egal, wie wenig ich mich auch rasiere. Mir wird zwar gesagt, dass mir Kundinnen hinterherschauen, als hätten sie schmutzige Gedanken bei meinem Anblick, zuhause bin ich aber immer noch das gleiche unsichere Kind, das sich von seinen Geburtstraumata immer noch abnabeln muss. In der Hoffnung, dass irgendwann doch noch jemand kommt und meine Unordnung für mich aufräumt wie meine Mutter früher mein Zimmer, wenn sie vermutete, dass ich irgendwo unter dem Gerümpel verschüttet worden sei, schiebe ich immer noch alles auf die lange Bank, die nicht etwa länger, sondern einfach nur voller wird. Ich habe Angst vor diesem Stapel an Dingen, die sich da auftürmen, Angst vor dem, was ganz unten begraben sein mag, Angst davor, dass alles über mir zusammenstürzt.

Und dann wieder habe ich wieder so einen Abend, an dem ich aus Versehen entgrenzt bin, zuviel Alkohol ist im Spiel, das kenne ich, da mache ich dumme Sachen. In einem anderen Leben war ich auf einem Rosenmontagsball, ich habe getanzt und getrunken und gelacht und noch mehr getrunken und noch mehr gelacht, anschließend saßen wir mit einer Hummel im Taxi und mir war so schlecht, dass ich fast ins Treppenhaus gebrochen hätte. An diesem Abend war da Felix. Ich erinnere mich nicht mehr anders an ihn als den schönsten Mann, den ich bis dahin gesehen hatte (was er nicht war); als einen Mann, der mit mir, dem deutlich älteren, geflirtet hat (was er nicht tat); als einen Mann, der mich, hätte ich mich nicht trotz (oder angesichts) meiner drohenden Alkoholvergiftung an meine Prinzipien geklammert, vor den Augen seiner Freundin geküsst hätte (was er nicht gemacht hätte). Dass ich die nächsten Tage im Bett lag, rührte nicht allein vom Alkohol und nicht von der Erkältung her, die ich mir aus all den fremden Bechern ertrunken hatte. Ich kämpfte mit mir, mit meinen Prinzipien, mit meinem Entsetzen darüber, dass ich meine Beziehung beinahe im Vollrausch über Bord geworfen hatte. Ich haderte mit mir, denn ich verstand nicht (weder tat ich es damals, noch verstehe ich heute), woher diese Anziehung kam, die sich selbst in der Nüchternheit noch als eine Sehnsucht in den Vordergrund all meines Denkens spielte, die mit der Geborgenheit meiner Beziehung nichts zu tun haben schien, denn sie war bloße Begierde nach diesen Lippen, diesem Körper, ein Verlangen nach einem Verlangen.

“Siehst Du,” das habe ich letzte Woche nach meiner letzten alkoholinduzierten Entgrenzung gesagt, “da ist keine Emotion, das ist keine Liebe, keine Herzensangelegenheit, das ist rein körperlich.” Und da erschrak ich nicht, haderte nicht, trennte nicht zwischen dem betrunkenen und dem nüchternen Ich. Mein Verstand, mein alles ausbremsender Verstand hatte sich verabschiedet, war mit den anderen Theaterleuten gegangen, die mich, ihn und sie mit vielen halbleeren Rotweinflaschen zurückließen.
Ich habe versucht, diese Geschichte anders und anderen zu erzählen. Dem Freund, der Verständnis und Besorgnis in einer heiteren Gelassenheit vermischte, weil er mich kennt und den Alkohol und die Beziehung, die ich zum Freund und zum Alkohol pflege; weil er da differenziert, wo ich es nicht will. Der Arbeitskollegin, die ich am nächsten Nachmittag ablösen sollte, die mich aber statt dessen noch zwei Stunden vertrat, während ich leichenblass und mit einem kühlen Tuch auf der Stirn im Lager zwischen den Regalen lag. Weder ihr noch der Sportfreundin konnte ich sagen, was ich herausschreien wollte, und immer noch sind meine Lippen versiegelt, ich kann nicht aussprechen, was ich fühle: diese Angst, mein Selbst unter meinen Händen zersplittern zu spüren. Zumindest konnte ich den Wein erwähnen, diese Unmengen an Wein, die ich in mich hineingeschüttet haben muss. Als sie, die Sportfreundin, diesen, genau diesen Wein getrunken habe, habe sie aus Spaß einen in einer Buntglasscheibe eingebrachten Frosch geküsst. So absurd das schien, und so absurd es auch jetzt noch klingt, so gut kann ich es mir vorstellen, sowohl bei ihr als auch bei dem Wein.

Protokollieren muss ich, soweit ich es noch im Gedächtnis habe, was geschah. Wir trinken Wein, viel und zuviel Wein, er, sie und ich. Auf der Bühne sitzen wir, die als einzige beleuchtet ist, der Zuschauerraum liegt im Dunkeln. Es könnte ein Stück sein, denke ich heute, es ist eine Szene, in der Konflikte aufgedeckt werden, eine Szene, in der ein ganzes Leben auf den Prüfstand gestellt wird und nicht besteht. Er, sie und ich, wir sitzen im Scheinwerferlicht im Dunkel der Welt und trinken Wein. Über Fremd- und Selbstwahrnehmung sprechen wir, über genutztes und vergeudetes Potential, über Intelligenz und Lebenstauglichkeit. Er macht mir leider Komplimente, weil ich ihr meine Erkenntnissplitter als Weisheiten unterjubeln kann, und Komplimenten kann ich nicht widerstehen, wenn ich angeschlagen bin. “Wie machst Du das”, fragt er, “dass Du gleichzeitig so betrunken bist und doch so klar denken kannst?” Ich weiß es nicht, sage aber trotzdem etwas, das er mir als weitere Weisheit abnimmt. Ich kann mich nicht daran erinnern, was es war, heute bin ich gewillt, an die Relativität von Klarheit zu glauben.
Die letzte Flasche ist plötzlich leer, es sind nur noch zwei Gläser Wein übrig, ihres und meins. Er hat die Wahl und nimmt mein Glas, ob ich etwas dagegen hätte, interessiert ihn nicht, er trinkt.
Stunden vorher haben wir über Homosexualität gesprochen. Über meine, denn er hat eine Freundin. Nicht anwesend, aber immerhin. Jetzt sprechen wir wieder über Homosexualität. Erst hier unter den Theatermenschen mache ich das wieder. Nirgendwo sonst mache ich das, und ich merke, wie lange ich mich doch schon wieder versteckt habe, nicht absichtlich verstellt, aber die Wahrheit anderen Menschen vorenthalten durch Schweigen, durch Aggression, durch Ablenken. Es sei kein Thema, das relevant wäre, war meine andauernde Selbstrechtfertigung, und doch ist es relevant, denn so wenig ich ausschließlich schwul und erst weit später alles andere sein wollte, kann ich ausschließlich alles andere sein und nur ganz am Rande schwul. So lange ich mit einem Mann zusammenlebe, kann ich nicht so tun, als wäre meine Homosexualität nichts, was mich nicht beträfe.
In meiner Erinnerung, die jetzt schon durch Rechtfertigung gefärbt ist, fragt er mich, wie das ist, wenn zwei Männer sich küssen. Ich ahne heute, dass diese Frage nicht ursächlich von ihm kam, sondern dass das eine Pornophantasie ist, dass ein angetrunkener Hetero-Mann plötzlich und unmotiviert Interesse an Gleichgeschlechtlichkeit äußert. Ich befürchte, dass er die Frage zwar gestellt hat, aber eher als Reaktion auf etwas, das ich sagte: “Ich fände jetzt Rumknutschen super.”

Beim Rosenmontagsball habe ich das auch gesagt, doch dann kam das Taxi und die Hummel und die Übelkeit. Beim Rosenmontagsball war alles Spaß und gute Laune und die Zukunft noch tierisch weit weg.
Letzte Woche dagegen ist fast zehn Jahre später. Ich bin fast zehn Jahre älter, die Zukunft hat längst ohne mich begonnen und ich habe nicht vor lauter Spaß an der Freude getrunken. Es kam kein Taxi und keine Hummel, wir waren immer noch zu dritt auf der Bühne, sie und er und ich. Irgendwann vorher hatten wir einen versehentlich handgreiflichen Streit, aus trivialen Gründen, sie hat ihn angeschrien und er hat mich gewürgt, woraufhin ich zurückschlug. Irgendwann vorher simulierte er eine sexuelle Belästigung an ihr, die sie nicht mitbekam, aber die Obszönität der Geste galt auch nicht ihr, dem vermeintlichen Opfer, sondern mir, dem angewiderten Beobachter. Irgendwann vorher saßen wir auf der Bühne und sprachen über die Freiheit des Geistes.
Meine Erinnerung verlangt, dass er mich geküsst hat, mein schlechtes Gewissen sagt mir, dass ich ihn geküsst habe. Wahrscheinlich waren wir beide betrunken und neugierig genug, um einander gleichermaßen küssen zu wollen. Er war überrascht und fühlbar angesprochen, sagte, dass er selten so gut geküsst worden sei. Ich war überrascht und schockiert und gleichzeitig begierig nach mehr.
“Siehst Du,” sage ich zu ihr, wie als Antwort auf eine Frage, die sie gestellt haben könnte und die doch nur meine aufbrechenden Selbszweifel sind, die ich da adressiere, “da ist keine Emotion, das ist keine Liebe, keine Herzensangelegenheit, das ist rein körperlich.” Und ich will es glauben, und doch ziehe ich ihn wieder an mich und er zieht mich an sich und wir küssen uns.

Das Verlangen nach dem Verlangen hält an. Auch eine Woche später kann ich es nicht vergessen, auch wenn ich weiß, dass es mit ihm nichts zu tun hat. Es ist etwas, das allein mit mir zu tun hat, mit dem Vermissen von etwas, das in langjährigen Beziehungen verloren gehen kann. Dem Freund habe ich von dem Kuss erzählt, es war das Erste, was ich ihm sagte und sagen wollte am nächsten Tag. Hatte ich ihn geküsst, weil ich unglücklich in meiner Beziehung oder nur betrunken war? Sollte ich, wenn es keine Rolle für unsere Beziehung spielte, es überhaupt ansprechen, denn zeigte die Erwähnung eines unwichtigen Themas nicht, dass es eben doch relevant sei? Sollte ich den Freund überhaupt mit möglichen Zweifeln an unserer Beziehung belasten, sollte ich diese schlafenden Hunde wecken? Die Arbeitskollegin hatte ich vorher um Rat fragen wollen, um eine Antwort auf meine Zweifel, doch zwischen den Regalen liegend kamen mir keine Worte über die Lippen.
Und so schleppte ich meine Zweifel mit nach Hause und ließ sie dann doch fahren. Ich erzählte ihm von dem Kuss, von dem Wein, von meinen Zweifeln. Und der Freund fragte nur, ob er sich Sorgen machen müsse, um mich oder um uns oder um ihn. Und in dem Moment, da ich antwortete, wusste ich, dass ich die Wahrheit sprach: “Das einzige, weswegen wir uns sorgen müssten, ist mein Problem mit Alkohol.”

Ich liebe den Freund, das tue ich wirklich, egal, wie piefig unser Alltag oft ist. Aber das ist eben Alltag, und dieser Alltag hat auch etwas Beruhigendes angesichts meines eher fragmentarischen Restlebens. Ich versuche, mich seit Jahren neu zu erfinden; und auch wenn der Gedanke verlockend scheint, noch einmal ganz von Neuem zu beginnen, bin ich doch klug genug zu wissen, dass alles, was mich jetzt in meinem Leben beschwert, auch Ballast nach einem Neuanfang wäre. Meiner Angst und meinen Sorgen kann ich nicht davonlaufen, wenn sie Selbstzweifel und Missmut heißen. Der Freund dagegen liebt mich bedingungslos, er verhindert nicht meine Wendungen, meine Häutungen, Wandlungen; im Gegenteil gibt er mir den Freiraum, all das auszuprobieren, ohne mich unter Erwartungsdruck zu setzen. Das ist nicht selbstverständlich, das weiß ich.

Trotzdem habe ich das Gefühl, wieder einmal, dass alles falsch ist, was mein Leben ausmacht. Ich kann nicht erkennen, was andere in mir sehen, fühle nur die Erwartungen, den Druck, der auf mir lastet. Mein Rat wird gesucht, meine Hilfe gebraucht, meine Expertise erwartet, meine Anwesenheit angefordert. Ohne mich ginge nichts, wird mir gesagt, und doch kann ich das nicht glauben, denn es ging doch schon immer ohne mich, noch nie war ich wirklich nötig, damit die Welt sich drehte. Und doch scheinen sich in letzter Zeit die Vorfälle zu mehren, dass sich da jemand für mich und kompetent ausgegeben hat. Diese Fußstapfen kann ich nicht ausfüllen, diese Lücke ist zu groß für mich.
Habe ich irgendwann angefangen zu lügen über meine Fähigkeiten? Habe ich behauptet, all das zu sein, was andere in mir sehen? Ich muss ein Lügner sein, ein Hochstapler. Dass ich das kann, weiß ich, das ist eines meiner wenigen Talente: ich bin überzeugend, wenn ich es sein muss, die Angst macht mich zum besten Erfinder der Welt.
Doch der einzige, den ich überzeugen möchte, der glaubt mir nicht. Ich kenne mich zu gut, um auf meine Lügen hereinzufallen; ich kann meine Wahrheiten nicht so sehr verbiegen, dass ich sie selbst nicht mehr erkenne. Alle Fassaden bekommen Risse und darunter erkenne ich das Flickwerk meines Kulissenbaus.
Vielleicht ist das Erwachsenwerden; das Anerkennen, dass man größer geworden ist; dass einem die Kindheit nicht mehr passt. Vielleicht ist es auch das: Fehler zu machen und anzuerkennen, dass sie auch nur Erfahrungen sind; und dass es auf den Umgang mit ihnen ankommt und nicht auf sie selbst. Vielleicht ist es auch das: nicht mehr sentimental werden, wenn idealisierte oder übertriebene Erinnerungen an die Oberfläche des Bewusstseins treiben. Vielleicht ist es auch das: mehr machen als machen wollen.

Restposten

Ganz vorbei ist es ja dann doch nicht. Nichts ist das bei mir jemals. Gedanken hören ja nicht einfach auf, und auch das Siremon-Projekt hat also nicht einfach aufgehört. Im Gegenteil erlebe ich gerade wieder eine überraschende Entdeckungslust, eine Tendenz, doch herausfinden zu wollen, was wirklich passierte in jenen letzten Tagen und Monaten auf Siremon, bevor die Welt in Flammen aufging.

Vielleicht ist das die wichtigste und womöglich letzte Aufgabe von anderswolf.de: endlich diese Krankheit von einer Geschichte zu dokumentieren, an der ich nun schon über ein halbes Jahrzehnt laboriere. Diese Geschichte von einem Jungen, der seiner eigenen Bestimmung misstraut und schließlich doch nicht anders kann, als ihr zu folgen, auch wenn sie ihn dazu bringen wird, seine Kindheit, seine Unbeschwertheit, seine Unbefangenheit für immer hinter sich zu lassen. Das ist ja auch, ohne dass ich absichtlich der Geschichte einen psychologischen Unterbau geben wollte, des Pudels Kern: dass man sich seinen Herausforderungen stellen muss, dass man irgendwann nicht mehr an der Verantwortung, die man trägt, nicht mehr vorbeischielen darf. Irgendwann nicht mehr kann. Und auch wenn die Angst noch so groß sein sollte, hilft sie nicht. Glück im Leben erreicht man nicht durch Hadern und Zweifeln und Wegsehen.

Irgendwann dachte ich, dieses Blog, das ich schon so oft und immer wieder beenden wollte, sei um meiner Selbstfindung willen zu schreiben, und um zu mir selbst zu finden. Tatsächlich ist das nicht abwegig, denn das regelmäßige Schreiben ist etwas, das ich üben und tun muss, das strukturierte Textarbeiten ist etwas, das ich lernen und vielleicht irgendwann einmal meistern muss. Doch diese Texte müssen keine Bauchnabelschau mehr sein, mussten sie noch nie. Waren sie dennoch viel zu oft. Bloggen ist ja auch Eitelkeitspflege.

Über die Jahre habe ich auch immer einen schleichenden Qualitätsverlust bei meinen Texten ausgemacht, eine Verflachung der Sprache, eine wachsende Beliebigkeit des Stils. So sehr das vielleicht auch objektiv stimmen mag, dokumentiert diese Entwicklung für mich vor allem eine abnehmende Selbstüberschätzung meinerseits bis hin zur Respektlosigkeit mir selbst und meinen Worten gegenüber. Das erleichtert positiv gesehen meine Neuerfindung und säkularisiert den Prozess des Schreibens an sich auch. Die negativen Folgen wiegen leider schwerer: durch zunehmenden Selbsthass erlegte ich mir ein Rede- und Schreibverbot auf, das letztlich zu meiner aktuellen Kreativitätsverweigerung führte. Für jemanden, der von nichts anderem als Worten leben wollte, dramatisch.

Das Siremon-Projekt unter diesen Vorraussetzungen irgendwie einzuschieben, abzuarbeiten gar, erscheint da nahe an unmöglich. Das macht es mir neben all den Plotlöchern und arbeitsunwilligen Protagonisten natürlich nicht leichter. Und dennoch kann ich es nicht vollkommen ablegen; egal wie oft ich das auch schon behauptet und versucht habe. Die Geschichte verlässt meinen Kopf nicht, so sehr ich auch versuche, nicht daran zu denken. Früher oder später kommt dann wieder ein Gedanke, der alles wieder an die Oberfläche meines Bewusstseins spült, so dass ich endlich wieder weiß, wie es weiter geht, ja weiter gehen muss. Siremon erschafft sich selbst aus mir, und ich wünschte, es schriebe sich auch so selbsttätig auf, wie es sich manchmal mitten in mein Blickfeld schiebt.

Was also bleibt, sind diese Restposten, die keine Restposten sind, sondern lange ruhende Saat, die aufgeht wie Unkraut auf einem verlassenen, nicht mehr bestellten Feld.
Meine einzige Hoffnung ist die auf eine unerhoffte Ernte.

Aus.

Dieses Gesülze, dass ich ja noch gut dran bin, so lange ich meine Niederlagen als Erfahrungen verbuchen kann, habe ich ja schon so sehr verinnerlicht, dass ich gar nicht mehr merke, wie sehr es mir eigentlich auf den Sack geht, keine Ahnung zu haben, was ich eigentlich mit eminem Leben tun will.
Immer noch. Immer noch ist es dieses “Was will ich denn mal tun?”, als ob es nicht schon so weit wäre, dass ich etwas mit meinem Leben angefangen hätte. Ich bin in mir selbst so blockiert, dass ich es gar nicht mitbekomme, wie ich mein Leben Tag für Tag damit vergeude, herauszufinden, was ich denn mal mit mir mache, wenn ich endlich aufhöre, mich zu vergeuden. Alles geht an mir vorbei, und ich bemerke es nicht, spiele mein ignorantes “zu gut für die Welt”-Spiel einfach weiter, während draußen die Sonne scheint oder der Regen alles überspült. Mir kann es ja gleichgültig sein, ich habe mich ja hier mit meinen Depressionen eingerichtet, als ob es kein Morgen, keinen Tag, überhaupt nichts mehr geben müsste.

Wieder habe ich in meinen alten Texten rumgekramt, habe mich leichtfüßig und witzig und pointiert gefunden, nicht so deprimierend schwafelhaft wie mittlerweile, wo ich nur noch Worthülsen und stakkative Pleonasmen hochwürge, die halbverdaut in meinem von allem brauchbarem Vokabular befreitem Hirn rumdümpeln. Ich hatte schon alles gesagt und konnte nicht loslassen. Kann es immer noch nicht, denn was ist das denn hier schon wieder, wenn nicht der verzweifelte Versuch, eine Normalität aufrecht zu erhalten, die vor zehn Jahren noch angebracht gewesen wäre, nun aber vollkommen obsolet, weil uninteressant ist?

Es geht nicht länger, ich kann mich damit auch nicht länger belügen. Dieses Kapitel, und sei es noch so lang und langatmig, ist einfach nichts mehr für mich. Wir sind so sehr auseinandergewachsen, die Wortwerdung und ich, dass es nichts als Überdruß bringt.

Der Berg wird nicht kleiner, nur weil Du oben stehst

Vielleicht könnte ich das endlich mal zugeben. Dass es mir bei aller Kokettiererei mit dem Leid und Selbstmitleid, bei aller Schaumschlägerei um fatalistische Abschiede und reuige Neubeginne, bei aller Lust am Dokumentieren des vermeintlichen eigenen Untergangs auch ein kleines bisschen darum geht: oben zu stehen.
Eigentlich schließe ich das ja für mich kategorisch aus, den Erfolgswillen, den Ehrgeiz, eine materielle Motivation. Und doch will ich es fühlen, sehen, begreifen: das Oben-sein.

Der Weg, das lernt man beim Wandern (selbst wenn man es schon zu wissen glaubte), der Weg also ist das Ziel. Es geht nicht um einen Endspurt, nicht um das Ankommen, das Überschreiten einer imaginierten Ziellinie, es geht einzig ums Gehen. Einen Fuß vor den anderen zu setzen, auch wenn der Oberschenkel vor Erschöpfung brennt, weil er die letzten Stunden nichts anderes getan hat, als einen Fuß vor den anderen zu setzen. Den Körper einen Schritt nach dem nächsten tun zu lassen, auch wenn das Gewicht des Rucksacks zum Stehenbleiben, zum Pausieren, zum Verharren auffordert. Gegen das Selbstmitleid, gegen den Selbsthass, gegen das Unverständnis anlaufen, was man sich eigentlich dabei gedacht habe, eine Zehntagestour laufen zu wollen, so untrainiert, so unvorbereitet, so naiv, wie man war. Und doch ist da dieser Weg, der nicht kürzer wird. Der Berg, der nicht kleiner wird und nicht näher kommt. Es sind einzig und allein die Schritte, die man macht, die noch zählen. Und ein einziger Schritt geht auch noch, dann vielleicht noch ein weiterer, und dann irgendwann, wenn man nicht mehr auf seinen Atem achtet und nicht auf das viel zu hohe Gewicht auf dem Rücken, dann ist man irgendwo anders. Auf einem Grat, einem Gipfel, an einem vermeintlichen Ziel, das doch nur ein Zwischenhalt ist, ein Ort für eine Pause, vielleicht ein Ort zum Übernachten, auf jeden Fall aber ein Ort, der wieder nur einen Punkt für einen neuerlichen Aufbruch darstellt.

Darum zählt auch ein Gipfel nichts. Auch wenn es der vierte Gipfel der Tour und der höchste ist, vielleicht auch der mit der besten Aussicht auf den Bodensee. Auch das erste Kreuz, der letzte Grat, sie alle zählen nicht, denn vor mir liegt nach einem Aufstieg immer wieder nur ein Abstieg. Zum Beispiel: der Hohe Freschen und der davor liegende Binnelgrat.
Zu Beginn des Binnelgrats steht ein Schild vor dem Wanderer, das über den vorausliegenden Weg sagt, man solle ihn möglichst nicht gehen. Man könne passieren, wenn man erfahren, schwindelfrei, trittsicher sei. Solle es aber eigentlich nicht, gefährlich bleibe es allzumal. Eine Wahl haben wir aber nicht, denn es ist nun schon 15 Uhr, die einzige Unterkunft, die wir in den nächsten drei Stunden erreichen können, liegt am Ende des Weges, den wir noch zu gehen haben, eine Umkehr kommt also nicht in Frage.
Hinter dem Schild allerdings liegt ein Weg, der schmal ist, an beiden Seiten schroff ein- oder zweihundert Meter abfällt, und in sich selbst auch leicht schief verläuft. Später führt er durch ein auch nicht viel breiteres, dafür aber krautig überwachsenes Hochplateau, dann an einem Steilhang empor, in engen, stahlseilgesicherten Serpentinen an den Berg gepresst, bevor jäh das Kreuz in Sicht kommt, dann eine letzte Kehre, bevor ich mich über den Rand nach oben ziehe. Und an der Südkante einer riesigen, nach Norden hin sanft abfallenden Ebene stehe, wo irgendwo in der grasigen Weite das Freschenhaus steht, unsere Unterkunft für die folgende Nacht.
Unfassbar finde ich das, und gleichzeitig überschwemmen mich zweierlei Emotionen: das Glücksgefühl des Aufgestiegenen, Emporgekommenen, der eine Leistung erbracht hat, die weit jenseits seiner Vorstellungskraft stand; und die Enttäuschung über einen so scheinbaren Triumph, der nur die unnötige Mutprobe ist, an einer Abbruchkante entlang einen motorisiert gut erfahrbaren Berg zu erklettern. Eitel finde ich mich da und eitel auch mein Streben, nach oben zu kommen, zu einem Oben, einem Gipfel hin, der keiner ist, sondern nur erhöhte Landschaft. Eitel finde ich mich und auch ein bisschen dämlich, dass ich einem Aufstieg, den schon so viele andere vor mir gemeistert haben, so viel Bedeutung beimesse.

Und dann wieder – nicht aus der Distanz der Heimat und auch nicht aus der Entfernung der vergangenen Tage aus besehen, sondern einzig und allein aus einer größeren Nähe bei sich selbst heraus – ist die Bedeutung gerechtfertigt, die Euphorie angemessen, ist die Leistung – so selbstmörderisch, selbstvergessen, selbstüberschätzend sie war – eine beachtenswerte Leistung. Vielleicht nicht für das olympische Kommitee oder die milchschnitteverliebten Huber-Buam. Vielleicht nicht für den Rest der Welt, aber beachtenswert doch für mich. Denn ich habe mich auf den Weg gemacht und ich bin die Schritte gegangen, die nötig waren, und ich habe die Kraft aufgebracht, zu tun, was notwendig war, um mein Ziel zu erreichen, das ich nicht definieren konnte, bevor ich es erreicht hatte. Es war meine Leistung, und ich finde sie beachtenswert, denn sie zeigt mir vor allem eines: dass ich trotz allen diesgerichteten Behauptens nicht verlernt habe, ein Ziel zu haben und zu verfolgen, und sei es nur aus einem Mangel an Alternativen heraus. Dass es sinnvoll ist, mich anzustrengen, mich zu fordern. Dass es aber vor allem aber nicht sinnvoll ist, so zu tun, als wüsste ich mehr als eine grobe Richtung, wenn ich irgendwohin aufbreche. Ich kenne das Ziel nicht, ich kenne nicht den Ausgang eines Plans, ich weiß nur den Weg dorthin, auf dem es keine Abkürzung gibt: einen Fuß vor dem anderen, einen Schritt nach dem vorigen, immer voran auf dem Weg, der mal aufwärts, mal abwärts führt, immer mal wieder auch Pausen erfordert, um mich zu orientieren, und vielleicht auch mal erlaubt, die Aussicht zu genießen.

Vielleicht muss ich dies eine aber tatsächlich zugeben, diese Erkenntnis, die ich in den Bergen hatte, und die mir vielleicht auch in meiner bergelosen Heimat helfen kann. Ein Weg ist vielleicht nur ein Weg, ein Gipfel nur ein Gipfel, ein Tal eben ein Tal. Doch alles, was ich erlebt habe, der gesamte bisherige Weg, ist notwendig gewesen, um mich zu dem vor mir liegenden Weg zu bringen.
Und auch wenn ich mir selbst immer wieder Erfolge madig mache und behaupte, weder Selbstbewusstsein noch Ehrgeiz zu besitzen, so ist doch der gegenteilige Fall die Wahrheit: selbstverständlich will ich nach oben und höher hinaus, selbstverständlich will ich wahrgenommen werden als Einzelstimme in der Kakophonie aller, selbstverständlich will ich etwas erreichen.

Das am schwersten zu Erkennende dabei aber ist: ich habe keinen anderen Weg dazu als zu schreiben. Ich kann noch so sehr behaupten, ich lebte meine Kreativität jetzt anders aus, im Theater, in meinem Brotberuf, in den Lügen, die ich erzähle; ich kann nicht anders, ich fühle mich niemals wirklich ausgefüllt, wenn ich nicht schreibe, wenn ich nicht Wort an Wort setze, Satz an Satz reihe und eine Geschichte erzähle, die mehr oder weniger wahr ist, und sei sie es nur für die Zeit, in der sie sich in meinen Worten formt.
Und das noch Schlimmere ist: jene eine Geschichte, die ich nun schon zum hundertsten, vielleicht tausendsten Mal für erledigt erklärt habe, jene Geschichte von dem Jungen voller Angst, der keine andere Wahl hat, als sich in dem Moment in den Abgrund zu stürzen, da er ihn zu verschlingen droht, sie hat mich auf der Wanderung hinauf und hinab begleitet. Diese Geschichte kann ich nicht einfach hinter mir lassen, nicht vergessen oder ignorieren. Ich muss sie erzählen, Wort für Wort, Schritt für Schritt.

Kurz vor dem freien Fall

In letzter Zeit – das geht nun schon seit ein paar Wochen, also ist es nicht nur in letzter Zeit, sondern eher ein chronischer oder sich chronifizierender Zustand – liegen meine Nerven knapp außerhalb meines Körpers. Es “blankliegen” zu nennen wäre untertrieben. Ich habe ernsthafte Probleme, mein Privatleben – also alles, was nicht mit einem meiner drei Berufe zu tun hat – zu regeln, vor allem eben diesen Urlaub, der übermorgen beginnt.
Der Freund macht sich Sorgen, ich weiß nicht, wie lange schon. Dass er es tut, weiß ich seit heute. Naja. Zugegeben: eigentlich weiß ich es schon länger, aber gesagt hat er es erst heute. Der Stress, sage ich mir, und eben jenen Stress werde ich jetzt aber auch mal endlich abbauen in unserer zweiwöchigen Wandertour. Nur laufen und nicht denken, sage ich mir, wird mir vielleicht endlich wieder die Ruhe zurückbringen, die ich an mir kannte, die ich aber momentan, also seit eben jenen paar Wochen, nicht mehr finden kann.

Zahnarzttermine, an zwei aufeinanderfolgenden Tagen. Kein Problem, denke ich letzte Woche noch, denke ich vorgestern noch, 9.8. und 10.8., jeweils um 10 Uhr. Stelle ich letzte Woche fest, stelle ich diese Woche fest, gestern noch bestätigt mir ein Blick: Donnerstag zehn Uhr, Freitag zehn Uhr.
Jemand muss den Zettel ausgetauscht haben, denn als ich heute überpünktlich (das kennt man von mir ja nicht, es hätte mich also schon stutzig machen müssen) der Sprechstundenhilfe meine Anwesenheit bekanntgebe, bremst sie mich aus: “Ihr Termin war um neun Uhr.”

Ich verstehe mich derzeit nicht. Ich weiß nicht, was mit mir los ist, denn so kenne ich mich nicht. Als einzige Erklärung habe ich meine fünf Parallel-Leben, die mich langsam überfordern: Käseverkäufer, Ernährungsberater, Kochlehrer, Schriftsteller, Hausmann; fünf Leben, die mir vor allem auch keinen Atem lassen, mich auf das zu konzentrieren, was ich als dringlichstes Ziel meines aktuellen Lebensjahres sehe: mich selbst zu sortieren und endlich all das auszugeizen, was mich aufhält, was mich desinteressiert, was mich an Verwachsungen in meinem Leben begleitet. Fünf Leben, die nichts oder nur wenig mit dem einen Leben zu tun haben, das ich eigentlich führen wollte.

Ich schlafe auch nicht mehr durch. Vielleicht liegt es daran. Vielleicht. Vielleicht auch nicht, denn vielleicht schlafe ich auch nicht mehr durch, weil ich so dünnhäutig geworden bin. Habe ich in meiner letzten WG selbst dann noch bei offenem Fenster durchgeschlafen, wenn die Notarztwagen nachts um drei mit Martinshorn am Haus vorbeirasten, wache ich jetzt schon auf, wenn die ersten Hummeln die Lavendel auf dem Balkon anbrummen.

Und dann wieder ertappe ich mich dabei, im Laden vor einem Regal zu stehen, Marmeladengläser oder Fleischkonserven oder Vollkornmehl oder die Myriaden von subtil unterschiedlichen Nudelsorten anzustarren und mich zu fragen, warum ich schon fast zweieinhalb Jahre in einem Laden arbeite, in dem ich von Anfang an zur Stagnation, wenn nicht Regression verdammt war, in dem ich nichts lernen konnte, nichts lernen wollte, in dem ich allein gelernt habe, meine Arroganz wenn schon nicht abzulegen, dann doch wenigstens zu erkennen. (Das ist meine letzte Ausrede: dass ich Demut lernen musste, dass ich meine Arroganz verlieren musste, dass ich an zu überwindender Hybris litt. Und doch habe ich das Gefühl, es sei immer noch arrogant zu denken, zweieinhalb Jahre in einem Dienstleistungsberuf könnten aus mir einen besseren, angenehmeren, weniger arroganten Menschen machen, als könne mich das bewusste Arbeiten unterhalb meines Ausbildungsniveaus zum Salz der Erde machen.)

Zu viele Gedanken sind es, die ich habe, die mich umtreiben, und keinen davon kann ich recht in Worte fassen. Alles maändert in mir, alle Impulse meiner offen liegenden Nerven überreizen mich, versengen meine Synapsen und zerstören langsam meinen Sinn für Ordnung und Orientierung. Ich weiß nicht mehr wohin, alles was ich will, alles was ich weiß, ist: fort.

Die Wolken ziehen nicht weiter

Alles ist erstarrt, die Zeit, die Wolken, die Sonne, das Bild bleibt ewig das selbe. Ich stehe auf, ich gehe zu Bett, ich laufe durch stumme Straßen, durch den Park, wo die ersten Blätter im Fall gefangen sind, unfähig, je den Boden zu erreichen. Die Menschen um mich dagegen sind so schnell, so viel schneller als ich, ich nehme nur Schatten und Schemen wahr, ihre Stimmen so leise, dass ich sie nicht mehr höre, alles rast und rennt, nur ich verharre in jener Zwischenzeit, die nicht natürlich und nicht menschlich ist. Die Tage dehnen und strecken sich, ohne Horizont gähnen sie mich morgens an, nur um Sekunden später das Nachglühen des Sonnenuntergangs verbrennen lassen. Die Sterne stehen still, doch der Mond wandelt seine Phasen innerhalb von Stunden. Ich stehe auf, ich gehe zu Bett, es ändert nichts, unterscheidet nichts, ich bin wie einzementiert in mein Leben, das sich nicht verändern will. Und doch ist da kein Zement, ist da nur die Angst vor dem Unbekannten, vor dem Nicht-mehr-ich-selbst-sein, vor der großen Veränderung, die ich doch so sehr erhoffe.

Im Gespräch mit Kunden spreche ich rasch über Politik, denn das ist ein Feld, das ich kenne: die Aufregung, den Willen selbst des konservativen Bio-Bürgertums zur Revolte, zum Umsturz. Wie sie alle darauf warten, dass endlich ein Retter kommt, einer, der endlich mal sagt, was passiert, egal wie unangenehm diese Wahrheit sei, die aber wenigstens ein einziges Mal die Wahrheit ist. Sie alle sehnen sich danach, dass es uns endlich schlecht genug geht, dass wir nicht mehr mit Scheindebatten die Symptomatik verkleistern, sondern endlich an der Wurzel des Problems arbeiten: dem Verlust an Gemeinschaft, der Vereinzelung des Menschen im Staat, der Entfernung von Regierung und Regierten, dem ewigen Ich-Primat in Zeiten des verblassenden Gemeinsinns. Sie alle sehnen sich danach, durch die Wahrheit von ihren Lügen, auch von ihren Selbstlügen erlöst zu werden. Sie alle, denke ich, sage ich, schreibe ich, und meine doch nur mich. Ich habe es satt, mich selbst mit Vorwürfen und Entschuldigungen zu überhäufen, ich habe es so satt, meinen Mund zu halten aus Sorge, irgendjemand könnte meinen wahren Gedanken zu nahe kommen.
Und das nicht einmal aus Sorge, dafür abgelehnt zu werden, nein, viel schlimmer: ich habe Angst, jemand könnte auf den Gedanken kommen, mich meiner Gedanken wegen zu mögen.

“Es ging immer nur um Dich, Kirren! All die Spiele, die Marathorn trieb, alle Fäden, die er zog, alles tat er immer nur für Dich!”
“Arket, das ist doch lächerlich. Was ist an mir so Besonderes, dass er…”
“Nichts! Du bist Nichts! Du bist ein unfähiger Magier, ein ängstlicher Mensch, ein Nichtsnutz. Und doch hat Marathorn in Dir etwas gesehen, das niemand sehen konnte.”
“Du täuschst Dich, das kann nicht sein.”
“Weißt Du, weswegen ich mit Dir gegangen bin? Warum ich Dich beschützt habe, als die Soldaten uns angegriffen haben?”
“Weil Du mein Freund bist?” Kirren sprach das so leise aus, als ahnte er, dass dies nicht Arkets Antwort sein würde.
“Weil Marathorn es mir befohlen hat. Weil Marathorn schon seit Jahren ahnte, dass etwas geschehen sollte, habe ich immer zu Dir gehalten. Er hat mir Versprechungen gemacht dafür, er hat geschworen, es gelte, nicht nur Dich zu beschützen, sondern uns alle, doch ich glaube das nicht mehr.” Arkets Stimme wurde plötzlich ruhiger, doch sein Atem verriet, dass seine Wut nicht geringer geworden war, im Gegenteil konnte Kirren die Hitze, die langsam in Arket aufstieg fast schon selbst spüren.

Die Worte fließen nicht mehr, ich muss sie mir mühsam aus der Haut schneiden, die Stimme in meinem Kopf erzählt nicht mehr, spricht nicht mehr. Ich dachte, ich hätte den Zensor, der mich schweigen lässt, schon vor langer Zeit überwunden, dass all die Wahrheiten, die ich schon für Andere aufschrieb, ihn endlich hätten machtlos werden lassen, doch ich habe mich getäuscht.
Tatsächlich bin ich in noch tieferes Schweigen verfallen, habe ich mich noch mehr in meiner Wortlosigkeit vergraben, habe nach all den offensichtlichen Wahrheiten aufgehört, irgendetwas zu erzählen, als gäbe es nichts mehr zu sagen. Doch nur, weil ich keine Worte dafür habe, heißt es nicht, dass ich nicht sprechen muss.

Die Wolken stehen wie gemalt an einem stetig sich wandelnden Himmel, die Sonne zieht rückwärts ihre Bahn zwischen Sternen, die schon verloschen waren, bevor ich erstamls meine Augen öffnete. Ich gehe zu Bett, ich stehe morgens auf, neue Tage beginnen, alte vergehen mit dem Abendrot zu Nichts als einer weiteren Erinnerung, die ich nicht haben werde.
Ich bin allein mit meinen verrinnenden Worten, mit meinen verblassenden Träumen, mit meinen Wahrheiten und meiner Angst. Ich bin allein in einem Leben voller Menschen, ich sehe sie sich verändern, wachsen und sterben, doch nehme ich keinen Anteil, interessiere ich mich nicht. Sie alle sind wie ich, wir sind alle eins, alle sind wir allein, einsam.

Die Wolken ziehen nicht weiter, der Tag wird nicht enden, keine Nacht wird mehr kommen.

Zur Umkehr

Und dann kommt doch wieder der Moment, da man nicht länger still sein kann; da alles Blut in den Ohren so laut rauscht, dass man es nicht mehr ertragen kann, nicht zu sprechen; da jeder Versuch, nicht aufzufallen, schon fast auffällig hinfällig ist. Anders kann ich nicht mehr, ich will und darf nicht mehr nicht sein, nicht mehr mich einhüllen in jenes Selbstmitleid, dass da Kann-Nicht, Soll-Nicht, Geht-Nicht heißt und mich noch stärker paralysiert als alles Will-Nicht vorher.

Ich komme also zurück in mein Leben, das nicht auf mich gewartet hat, ich sehe das Chaos, das Wind und Wetter, Angst und Zeit in meiner Abwesenheit angerichtet haben, und ich verliere, obwohl mehr Arbeit auf mich wartet, als wohl in einem Menschenleben erledigt werden kann, doch nicht den Mut, nicht die Hoffnung. Ich komme zurück, denn ein anderer tut es nicht. Ich habe diese eine Chance, ich werde sie – wieder einmal – nutzen. Denn es ist nie zu spät, seine Meinung zu ändern und seine Angst zu bekämpfen.