Der kleine Bruder. Postea.
Neuerdings schlafe ich wieder schlechter.
Seit ich meine Entscheidung getroffen habe, das Schreiben aufzugeben, seit ich meine Entscheidung getroffen habe, ein anderes Leben zu führen, seit ich alles auf den Prüfstand gestellt habe, schlafe ich wieder schlechter. Morgens werde ich kaum wach, den halben Vormittag sitze ich apathisch am Schreibtisch, gegen Mittag gähne ich das letzte Mal, bevor mich am späten Nachmittag wieder die Schläfrigkeit einer unerholsamen Nacht einholt, die mich bis zu dem Zeitpunkt, da ich im Bett liege, nicht wieder loslässt. Dann und nur dann bin ich für zwanzig Minuten wach, in denen ich mich frage, ob ich nicht doch zu früh ins Bett gegangen bin, ob ich nicht doch noch etwas sinnvolles hätte tun können, bevor ich dann in das bewusstseinsfreie Koma falle, aus dem ich am nächsten Morgen wieder emporsteige wie aus einem tiefen Meer.
Es ist anders als damals, als mich die Nachtpanik auch dann nicht zur Ruhe kommen ließ, wenn es nichts mehr zu tun gab. Über die gesamte letzte Phase meines Studiums zwischen Diplomarbeit und Abschlussprüfungen hinweg lag ich nachts wach, starrte an die Decke und dachte an das, was vor mir lag: Entscheidungen, die zu treffen waren, Menschen, die angerufen werden mussten, Textstellen, die noch einmal gelesen werden sollten; eine Zukunft, die ich mir erbauen wollte. Ich konnte wochenlang nicht durchschlafen, weil ich Angst vor dem hatte, was noch kommen würde, kommen müsste, kommen könnte. Ich hatte Angst davor, nach meinem Studium noch immer so unorientiert zu sein wie während all der Jahre, die ich einem Fach widmete, für das ich mich nur an guten Tagen erwärmen konnte. Ich hatte Angst, zu Recht hatte ich Angst, denn was nach meinem Abschluss kam, diese Leere und das Fallen durch die Stille immer gleicher Tage, diese Wut und Selbstzerfleischung waren schlimmer als alles, was ich an meinen schlimmsten Tagen befürchtet hatte. Ich konnte damals nicht schlafen aus Angst, der nächste Tag würde anbrechen, an dem ich wieder nicht alles von dem schaffen würde, was ich mir vorgenommen hatte.
Ich konnte nicht schlafen damals. Heute werde ich nicht mehr wach.
Ich bin froh, sagte ich gestern zu einer Freundin, dass ich momentan so viel arbeite. Seit der Vorweihnachtszeit habe ich kaum länger als zwei Tage am Stück freigehabt. Was daran gut sei, fragte sie. Und ich antwortete: Dass ich nicht nachdenken muss, was kommt. Ich könnte mich nicht für eine Richtung entscheiden, und immer nur halbe Tage zu haben, um ein ganzes Leben neu zu sortieren, ist nicht genug. So muss ich gar nicht erst anfangen, so kann ich einfach so weitermachen, wie alle Menschen immer nur einfach so weitermachen in der Hoffnung, dass der nächste Tag auch keine Zeit oder Kraft lässt, sich über die Unordnung zu ärgern, sich Gedanken zu machen über die Alternativen oder den Weg dahin. Der Tag vergeht unter dem stampfenden Rhythmus der Arbeit, die ja nicht weniger wird, während man sie erledigt.
Was daran gut sei, fragte sie wieder. Alles, sagte ich mit der Andere befremdenden Unbetontheit, in der lebenswichtige Erkenntnisse aus meinem Mund fallen, alles und nichts. Ich kann bei der Arbeit die Augen davor verschließen, dass meine Entscheidung gegen das Schreiben mich eine Welt gekostet hat, in die ich über Jahre Kraft und Kreativität gesteckt habe, und dass ich jetzt, wo ich diese Entscheidung getroffen habe, einfach nicht weiß, was ich mit all der freien Zeit anfangen soll. Ich kann bei der Arbeit ausblenden, dass ich nicht weiß, wohin ich nun gehe, da ich ja nicht mehr stehenbleiben will.
Was also gut daran sei, musste sie ein drittes Mal nicht fragen. Mein Blick ging weit genug ins Leere, hatte keinen Punkt mehr, an dem er sich festhalten konnte, fiel in die offene Weite der Welt, die neuerdings so offensteht wie lange nicht mehr. Ich starrte in diese Leere und spürte wieder die Müdigkeit in mir aufsteigen, die ich nun schon so gut kenne, seit ich meine Entscheidung getroffen habe. Die ich kennengelernt habe in der Zeit, da ich wieder schlechter schlafe.
Pascal Möpenauer: Und wieder kommt die Möp.
Die einzige Wahrheit. Ein Axiom zum Selberbasteln.
Sherry sucht hier nach der letzten Wahrheit und jenen, die nicht scheuen, über die Grenze des Denkbaren zu denken. Ein versuchter Grenzübertritt.
Götter, Wahrscheinlichkeiten, Weisheiten, Wahrheiten. Der menschliche Geist hat sie alle erfunden, um sie zu ergründen. Und wird letztlich nicht anders können als zuzugeben, dass sie ohne den Menschen nicht existierten.
Es gibt eine Realität, und es gibt Meinungen darüber, die Wahrheit genannt werden, doch erstere ist einmalig und letztere immer relativ und dadurch Legion. Dies ist so, weil kein Mensch die subjektive Realität, also die individuell wahre Ansicht vom Sein aller Dinge eines anderen Lebewesens, ja nicht einmal eines anderen Menschen, und sei es ein eineiiger Zwilling, teilen könnte. Wir können versuchen, die Welt aus der Sicht eines Schmetterlings darzustellen, doch auch das wird nur unsere Interpretation der tatsächlich vom Schmetterling empfundenen Realität sein, die der absoluten Realität selbst nicht entspricht.
Für die meisten Menschen ist dieser Gedanke zu beunruhigend, weil er uns allen die Fähigkeit abspricht, wirklich über unser Leben, wirklich über uns selbst, wirklich über irgendetwas zu verfügen, weil wir immer etwas übersehen. Übersehen müssen, denn obwohl unser Geist hochrezeptiv ist, kann er nur erkennen, was zu erkennen er geschult ist. So wie wir aber nicht unseren eigenen Hinterkopf ohne Hilfsmittel oder Wahnsinn erkennen können, stößt selbst die neugierigste Betrachtung an ihre Grenzen.
Auf der Basis dieser unvollständigen Wahrnehmung entstanden menschliche Konzepte wie die Wahrheit, die Weisheit, die Wahrscheinlichkeit. Vieles von dem, was wir nicht wahrnehmen können, sprachen frühere Menschgenerationen dem Übernatürlichen zu, dem sie die Form von Göttern und schließlich, im Laufe der fortschreitenden Selbst-Erkenntnis, die Form eines einzigen Gottes gaben, den sie später wiederum mit den von ihnen erfundenen Mitteln der Wissenschaft obduzierten.
Das Möbiusband der subjektiven Realität macht dies gleichzeitig wahr und unwahr. Wir erkennen mit der Hilfe unseres imperfekten Intellekts, dass unsere Erkenntnisfähigkeit auf den Horizont der begreiflichen Realität begrenzt und niemals darüber hinausreichend ist: Natürlich hat Gott uns den Geist gegeben, ihn zu dekonstruieren. Natürlich hat eine Reihe von Zufällen zu der Erkenntnis geführt, dass es Zufälle nicht geben kann in einer multifaktoriell variaten Realität, deren Faktorengesamtheit nicht erkannt werden kann. Das heißt nicht, dass sie keinen Regeln folgt. Wir können diese Regeln nur nicht überblicken oder definieren und bezeichnen sie daher als Wahrscheinlichkeiten.
Der Mensch hat sich durch die Ergründung dessen, was er als seine Realität wahrnimmt, selbst erschaffen. Das ist seine größte kulturelle Leistung. Dass jede darüber hinausgehende Erkenntnistheorie an sich selbst scheitern muss, liegt auf der Hand, denn zur Beschreibung eines Sachverhalts braucht es eine Metaebene, die es außerhalb der menschlichen Erkenntnisfähigkeit nicht für den Menschen geben kann. Vielleicht kann dereinst eine Art Metamenschheit beschreiben, wie unsere Wahrnehmung der Realität ausgesehen hat, aber selbst dann wird es eine Interpretation sein, die auf den erkennenden Erfahrungen der Metamenschheit mit unseren Zeugnissen beruht und daher ebenfalls nur eine subjektive Realität darstellen kann.
Wir sind, das ist die für die Menschheit unumstößliche Realität: Wir sind Menschheit. Und doch könnte ein einzelner Vertreter dieser Menschheit von sich behaupten, er sei der Einzige und sein Wahnsinn spiegele ihm die komplexen Vorgänge in der Welt nur vor. So wie ich nicht meinen eigenen Hinterkopf beobachten kann, kann ich nicht sagen, ob ich nicht jener Wahnsinnige bin, der sich seine Realität in jeder Sekunde neu aus dem erfindet, was bisher an erfahrener Wirklichkeit war, die ebenso auf Basis des bislang Erfundenen erfunden wurde. So könnte für mich und meinen Wahnsinn die Realität der Zeitpunkt zwischen zwei Illusionen sein, die ich Vergangenheit und Zukunft nennte.
Weisheit ist dies noch immer nicht, genausowenig wie Wahrheit. All dies ist eine wahre Lüge, eine interpretierte Erkenntnis des Unerkennbaren. Es ist wie die Erfindung Gottes durch den gottgeschaffenen Menschen: ein Axiom, unauflösbar, unerklärlich.
PS. von Boy on a Stick and Slither via Dee World Order

Möpkid: Iron
Nicht, nicht, nicht. Doch.
Durch einen Java-Virus mit der Frage konfrontiert, ob ich mein Blog wiederauferstehen lassen oder doch endlich das aufgeben soll, was mir so oft als notwendige Last erschien, habe ich mich (mal wieder) für ein Weiter-so entschieden. Schwach nenne ich das bei anderen, wenn sie Dinge, von denen sie nicht vollständig überzeugt sind, nicht lassen können. Schwach nennte ich das auch bei mir, wäre es nicht einer meiner wichtigsten Wesenszüge: Nicht-Loslassenkönnen, Nicht-Aufgebenwollen, Nicht-Endgültigentscheiden.
Eine Entscheidung zu treffen, und sei sie scheinbar noch so unwichtig, fiel mir noch nie leicht. Vielleicht ist es ein wesentlicher Wesenszug der Menschen, immer alles haben zu wollen und auf nichts verzichten zu können. Doch je mehr ich diesen Wesenszug bei mir selbst beobachte, der umso stärker wird, je älter ich werde, desto mehr befürchte ich, dass es jener ist, der alte Menschen, die jenseits des Lebenswerten stehen, dazu bringt, sich an ihrem letzten Bisschen Existenz festzuklammern wie ein Ertrinkender an der Hoffnung, doch noch gerettet zu werden, auch wenn das Wasser schon die Lunge füllt. Meine Großeltern haben so geklammert und auch die des Freundes und auch die meisten Menschen, die ich während meiner Zivildienstzeit im Krankenhaus beim Sterben begleitet habe. Sie alle hatten die Fäuste geballt, wie um das wenige zu halten, was ihnen noch geblieben war: den letzten Atem, das letzte Licht vor dem Dunkel, der letzte dann doch verklingende Ton. Sie alle haben gekämpft, als gebe es noch etwas zu gewinnen und nicht nur zu verlieren, wenn der Tod doch ein letztes Mal an dem fast vollständig vom Leben verzehrten Leib vorübergeginge. Als käme noch Leben in den schon halbtoten Leib.
Die Entscheidung, das Weblog zu reaktivieren, scheint trivial angesichts dessen. Es geht nur um geschriebene Worte, die wenige lesen und die kaum Einfluss haben auf das Denken und Tun anderer Menschen. Ich berichte nicht von Dramen oder Tragödien, nicht von Trauer oder Freude. Ich kann nicht mit Revolutionen aufwarten oder Reformen. Ich kann nur einen Einblick geben in das Leben eines Blockierten, in die Existenz eines Sich-Selbst-Blockierenden, der nicht loslassen, nicht aufgeben, nicht entscheiden kann, und der sich damit das Leben vom Leib hält.
Jack of all Trades
Die Entscheidung zu fällen, den Traum vom professionellen Schreiben aufzugeben, war einfach. Sie nicht als Niederlage zu begreifen, wird schwer werden, schwerer noch, da ich nicht weiß (und nie wusste), was sonst ich mit meinem Leben anfangen wollte. Seit dem Ende meines Studiums, das mir einmal Sinn, Struktur und Selbstdefinition gegeben hat, sind Jahre des schleichenden Verlustes vergangen. Viel ist von all dem Wissen nicht übrig außer der verblassenden Erkenntnis, dass ich schnell lerne und langsam vergesse, dass ich gut mit Menschen umgehen, sie trotzdem nicht leiden kann.
Was macht man damit? Wie kann man das nutzen, um nicht zurückzufallen in die Lethargie der Vergangenheit, die jeden Tag und jede Stunde lockt, ich könne noch immer umkehren und die Geschichte aufschreiben, die Visionen festhalten, die zu haben ich glaube und doch nur Schlaglichter eruptierender Kreativität sind?
Ich habe es versucht, habe jeden Tag ein halbes Fragment, drei oder vier Sätze geschrieben, nur um festzustellen, dass die Sätze, die ich in meinem Kopf trage, sich nicht in feste Buchstaben fügen wollen. Vielleicht habe ich immer noch zu viel Angst vor dem Scheitern oder vor dem Verlust. Vielleicht bin ich auch anderweitig blockiert. Unabhängig von Gründen scheitere ich aber immer wieder; das Bild, das ich malen will, erscheint nicht, die Worte, die ich finden will, rinnen mir wie Wasser durch die Finger. Mit jedem Misserfolg, habe ich gelesen, schwindet die Kraft für einen erneuten Versuch, das Monster zu bekämpfen. Von Sieg stand da nichts, und ich hoffe zwar einerseits, dass der Kampf alleine schon ein Sieg ist, befürchte andererseits aber, dass, wenn dem so sei, ich schon verloren habe. Verloren, aufgegeben, hinter mir gelassen, wer weiß schon genau, wann das Gehirn den nächsten Bruch im Lebenslauf zu einer aktiven Entscheidung umerinnert.
Was mache ich als nächstes, frage ich mich. Heute im Elektronikfachmarkt plötzlich vor Computerspielen aufgewacht ohne eine Erinnerung daran, was ich dort wollte. Wie ich mich nie daran erinnere, bewusst irgendwohin gegangen zu sein. Ich erinnere mich an die Orte, an denen ich war, ich erinnere mich verblüffend gut an Gesichter und nie an Namen, ich erinnere mich manchmal sogar an Dinge, die erst noch geschehen müssen. Und doch kann ich keine einzige Entscheidung von mir als solche wiedergeben. Nie ist etwas passiert, weil ich es bewusst wollte.
Dinge geschehen, und ich ahne, dass ich am Geschehenlassen teilhabe, nur wie und wann und wo, das habe ich nicht erlebt.
Kreativ will ich sein, ein Schaffer, Erschaffer. Egal, was wird, immer werde ich Dinge sehen, Momentaufnahmen machen; und was immer wird: eine Collage, die Neues erzeugt aus sich selbst, aus mir und meiner Umgebung. Da die Realität formbar ist, erschaffe ich sie selbst aus den Splittern dessen, was andere sehen. Design nennt man das wohl oder Erfindungsgabe, Schöpfung oder Chaos aus Ordnung aus Chaos. Lifecycle mechanisms.
Wie schön wäre es, selbst ein Mechanismus zu sein, kein Wesen mit haltlosem Willen, der zwar relativ in seiner Freiheit, aber absolut in seinem Freiheitswillen ist. Wie schön wäre es, einfach zu funktionieren, nach Regeln, nach Programmen, nach Standards; wie schön, funktionierte man dank Rädchen und Bändern, Schaltkreisen und Lötstellen. Ja, das Gehirn ist ein Riesencomputer, das Programm läuft und läuft die ganze Zeit und der freie Wille ist ein Theaterstück für den Geist, der nicht denken soll, es gebe ihn nicht; der Geist darf das nie erfahren. er zerbräche daran. Critical Error. Ausnahmefehlstelle. Identifikatorischer Nullpunkt. Selbstverständnisimplosion.
Kreativ also will ich sein, kann ja nichts anderes, schnitze in Gedanken ja schon wieder Möbel und entwerfe Stoffe, grabe im Geiste Gärten um und tapeziere Wände. Angst habe ich, dass ich nichts davon jemals mache, obwohl ich es könnte, entschiede ich mich nur für ein einziges. Aber was ist mit dem Anderen? Es gibt noch so vieles, was getan werden muss und möchte. So vieles was gelernt und vielleicht irgendwann vergessen werden kann. Vielleicht kann ich alles machen? Designer, Programmierer, Autor, Koch, Ernährungsberater, Gärtner, Verkäufer, Schriftsteller (ja, dann doch wieder), Biochemiker, Lehrer, Politiker, Psychologe, Künstler. Irgendwann auch einmal wieder Freund. Irgendwann wieder Lebenspartner
Jack of all Trades, so nennt man den Hansdampf, den Tausendsassa im Englischen. Einer, der vieles beginnt und nichts beendet, der vieles ein bisschen und nichts richtig kann. In allen Sprachen gibt es ihn, den Mann mit den tausend Messern, von denen keines schneidet, dem, der so vieles festhalten will, dass ihm alles aus den Händen fällt. Jack of all Trades, Master of None.
Es ist schwer, an einer Entscheidung festzuhalten, die so sehr nach Aufgeben aussieht. Und doch kann ich nicht mehr gegen mich kämpfen. Nicht so, mit der Aussicht auf den nächsten Misserfolg, auf die nächste Enttäuschung. Nicht jetzt, nicht in diesem Winter, nicht noch einen Winter. Ich fürchte mich vor dieser kommenden Zeit, mehr noch als ich mich bisher vor dem Winter gefürchtet habe, denn ich werde endgültig auf den Nullpunkt zusteuern, den ich vermeiden wollte. Die Ausnahmefehlstelle. Der Schmerz der absoluten Wahrheit. Aber welche Wahl habe ich schon?
Der Schmerz bringt die Menschen zu sich, habe ich in einem anderen Leben geschrieben; Schmerz ist ein Warnsignal, ein machtvoller Indikator für falsche Entwicklungen, er ist nicht allein schlecht oder zerstörend. Er kann uns auch leiten, wenn wir an Orten sind, wo wir nicht mehr sehen. Wenn wir nicht mehr wissen, wer wir sind. Wenn wir alles können, aber nichts wollen, muss vielleicht der Schmerz uns leiten.
Wachstumsschmerzen. Ende einer Ära.
Seit ich schreiben kann, schreibe ich. Gedichte, Fragmente, Aspekte meiner Tage und Nächte. Schreiben ist so sehr zu einem Teil meiner Person geworden, dass ich nie daran gezweifelt habe, zum Schreiben geboren zu sein, zu nichts anderem geeignet als Schriftsteller zu sein.
Die Erkenntnis, dass eine solche Grundsicherheit, ein so wichtiger Aspekt meiner Identität falsch ist, hat mich erschüttert, so sehr, dass ich allem Alten, das im Schlaglicht der neuen Perspektive fremd und unvertraut aussah, entfliehen wollte. Ich wollte fort, nur fort, ohne Ziel, nur irgendwohin, wo die einstige Sicherheit noch gültig sei.
Doch so einen Ort gibt es nicht. Kann es nicht geben. Ich hätte die Wahrheit nur vor mir verstecken, mich an mir selbst aufreiben und den Impuls der Erkenntnis unterdrücken können, um dann noch mehr Jahre später festzustellen, dass ich den größten Teil meiner Kraft auf einen Traum verwendet hätte, dem ich entwachsen war.
Autor zu sein, heißt Geschichten erzählen, unterhalten zu wollen. Schreiben, richtiges Schreiben ist harte Arbeit; ein Schriftsteller, noch dazu einer, der Erfolg haben will, muss konzentriert an seinen Texten arbeiten, selbst wenn er keine Lust darauf hat, selbst wenn er angeschlagen, müde, traurig, abgelenkt, uninspiriert ist. Er schreibt nicht aus einer Laune oder Inspiration heraus, sondern weil er dafür und davon lebt.
Ich kann das nicht, ich habe das nicht gelernt, ich weiß auch nicht, ob ich das wirklich lernen will oder kann. Ich bin notorisch unkonzentriert, unfokussiert, kein konsequenter Schreiber, kein disziplinierter Mensch. Ich schreibe inspirations-, situationsgetrieben, brauche den Schreibfluss, aus dem heraus ich erst schreiben kann. Und wenn sich dieser Zustand nicht einfindet, dann bin ich zwar nicht glücklich, schreibe aber eben auch nicht. Richtige Geschichten habe ich auch nie geschrieben, immer nur Erkenntnisse, Erlebnisse, Meinungen, Momentaufnahmen, Fragmente und Aspekte meines Lebens festgehalten. Und auch, wenn ich mit Sprache gut umgehen kann und ich wahrscheinlich auch einen eigenen Schreibstil habe, reicht das doch nicht für ein Leben als Schriftsteller, es qualifiziert nicht für einen Beruf, der mir so lange als mein natürlicher Lebensweg erschien.
Die Erkenntnis ist schmerzhaft. Und beängstigend. Aber eben auch befreiend. Denn dass ich kein Schriftsteller bin, heißt ja nicht, dass ich das Schreiben aufgeben muss. Die Erkenntnis nimmt mir lediglich den Druck, mit dem, was ich schreibe, erfolgreich zu sein. Gefühlt habe ich diesen Druck nämlich immer, Erfolg hatte ich dagegen nie. Denn wie auch, wenn ich nur für meinen Selbsterkenntnisgewinn schreibe und nicht für den Erkenntnisgewinn potentieller Leser. Das Schreiben hat mir viel Kraft gegeben, hat mich emotional und psychisch stabilisiert und weitergebracht, es hat mich Ordnung in meinem Chaos finden lassen. Und es hat mir zuletzt eben auch gezeigt, dass ich mich mit meinen Traum vom Schriftstellersein lange Zeit davon abgehalten habe, meinen eigentlichen Weg zu gehen. Ich habe lange Zeit gedacht, ich sei angekommen. Dabei bin ich nur stehengeblieben.
Nun gehe ich weiter.
The Black Atlantic: Fragile Meadow
Anlassbezogen doch noch ein Lied.
Anmerkung zum Quasiprojekt Adventskalendermusik
War mir vorher nur passiv bewusst, dass man sich durch das Einbinden von Musikvideos natürlich auch Probleme einheimsen kann, am offensichtlichsten natürlich das Abschrecken von Lesern ohne Breitbandverbindung. Neben anderem, das erst noch geprüft werden muss.
Solange sich mein schriftlicher Output also nicht erhöht, setze ich den Adventskalender und auch die Musikvideos bis auf weiteres aus.