Und noch ein wenig später

Seit ich gekündigt habe, seit ich dieses neue Kapitel in meinem Leben aufgeschlagen habe, das da nicht einfach nur zermürbende Arbeitslosigkeit sein soll, strebe ich mehr als bisher auch eine bewusste Neuorientierung an. Also versuche ich aus der vermeintlich arbeitslosen Zeit einen aufgabenerfüllten Alltag zu stricken, mit dem ich zufrieden sein kann, wenn ich abends ins Bett gehe. Eines habe ich im Unterschied zu meinen vorigen Zeiten der Arbeitslosigkeit dabei schon erkannt: dass ich keinem sozialversicherungspflichtigen Job nachgehe, heißt nicht, dass ich keine Aufgabe im Leben hätte. Tatsächlich habe ich mich mittlerweile schon so weit geordnet, dass ich das, was ich früher nur insgeheim lieber als alles andere gemacht hätte, auch tatsächlich vor alles andere stelle. Nach einer überraschend kurzen Umgewöhnungsphase, die ich (ungewöhnlich offen für meine früheren Verhältnisse) Anderen gegenüber als “mittlere Lebenskrise” vorstelle, habe ich mich in einen neuen Trott eingeordnet: Ich stehe um 6 Uhr 30 auf, sitze ab 7 Uhr am Schreibtisch und werkele bis 18 Uhr 30 vor mich hin. Bis Mitte Dezember bestand das Werkeln überwiegend aus Mikroblogging bei tumblr, bis die Sinnlosigkeit dieses Unterfangens selbst mir klar wurde. Seither konzentriere ich mich wieder zunehmend auf die Geschichte, die ich rund um den Jungen am Abgrund einmal entwickelt habe. Und obwohl ich immer noch keine richtigen Ergebnisse habe, keinen neuen zusammenhängenden Text, habe ich mittlerweile vieles Neue entdeckt, habe Hintergründe ausgearbeitet, die mir gefehlt haben, habe dem Plot Raum zur Entwicklung gegeben. Und doch bin ich nicht zufrieden mit meinem Fortschritt. Und dank Günter weiß ich auch wieso.

Günter hat in den Kommentaren zu Noch später gefragt, was ich erfahren möchte, was ich für mich mit “Was will ich erreichen?” übersetze. Wahrscheinlich hat er nicht bezweckt, mich mit seiner Frage zu verunsichern. Tatsächlich aber habe ich die letzten Tage kaum ein Wort zu Papier gebracht, weil an der Frage, wozu ich das eigentlich mache, kein Weg vorbeiführte. Es ist die Frage nach dem Sinn meines Tuns. Also nicht die Frage, die bisher meine war: Was will ich?
Denn was ich will, ist mir schon lange genug klar: Schreiben. Nicht mehr, nicht weniger. Wenn ich den ganzen Tag Wort an Wort gereiht habe, bin ich glücklicher als bei so ziemlich allen anderen Tätigkeiten, die ich im Leben ausprobiert habe. Das erklärt eine Menge, auch die Zweck- und Ziellosigkeit, mit der meine Texte in meine verschiedenen Blogs geflossen sind.
Es wird auf Dauer aber nicht genug sein, denn die Frage, was ich will, verknüpft sich, wenn ich mal über den engen Radius dieses einen Wortes “SChreiben” hinausgehe, schnell mit der Frage, warum ich das will. Was also will ich mit dem Schreiben erreichen? Spontan habe ich geantwortet, ich wolle mich selbst (und vielleicht die Welt) verstehen. Doch die Frage und meine unzureichende Antwort haben mich nicht in Ruhe gelassen. Denn im Grunde müsste ich, um zu schreiben, nicht veröffentlichen. Ich hätte keines meiner Blogs beginnen müssen, ich hätte weiterhin Ordner um Ordner mit ungelesenen Texten füllen können. Und doch habe ich mich anders entschieden. Tatsächlich will ich veröffentlichen, tatsächlich will ich gelesen werden und natürlich will ich auch Zuspruch und Aufmunterung erfahren. Dafür reicht aber das stiefmütterlich behandelte Blog nicht aus, dafür braucht es größere Anstrengungen und vor allem eine neue Form des Schreibens und Veröffentlichens.

Darum beende ich meine Selbsterkundungsreise an einem Punkt, von dem ich eine gute Aussicht habe auf das, was ich kann und bin. Ich kündige hiermit etwas an, auf dessen Einlösung wir alle wahrscheinlich einige Zeit warten müssen: die Umstrukturierung dieser Seite weg von einer pseudo-literarischen Konkurrenzveranstaltung hin zu einem Werkzeug für die Erstellung des Buchs. Wie das konkret aussehen kann und wird, weiß ich noch nicht, vielleicht führt die Konzentration auf die Geschichte auch zu einem kompletten Verzicht auf diesen Schauplatz. Wenn ich dadurch das Buch fertig bekomme, ist es das wert. Falls ich an mir scheitern sollte, kehre ich zurück.

Noch später

Das dritte Mal seit meinem Studium bin ich arbeitslos. Ich habe nach dreieinhalb Jahren als Käseverkäufer im Biomarkt gekündigt. Wenn ich das erzähle, schwanken die Menschen zwischen zwei Fragen: Warum? Was jetzt?

Gekündigt habe ich, weil ich weder die Kundschaft noch die Geschäftsführung länger ertragen habe. Kunden, die immer wieder komplexe Beratung wünschen, aber dann doch nur jungen Gouda kaufen, sind nicht das Zielpublikum für einen Ernährungswissenschaftler. Und eine Geschäftsführung, die so lange bremst und blockiert, bis man selbst die Lust auf Veränderung verloren hat, bekommt sicherlich auch nicht den Preis für den Arbeitgeber des Jahres. Gekündigt habe ich vor allem aber, weil ich mich über mich selbst geärgert habe. Über mich und meinen Masochismus, dieses Spiel, immer mal wieder mit einem Versprechen auf Änderung hingehalten zu werden, nur um dann doch wieder enttäuscht zu werden, so lange mitzumachen.
Als sich die Zeichen meines Unmuts selbst von der Geschäftsführung nicht mehr ignorieren ließen, gaben sie endlich nach. Aber zu spät: ich hatte keinen Funken Motivation mehr übrig. Ich habe versucht, mich irgendwie einzubringen, aber wusste nicht mehr, wozu das überhaupt gut sein sollte. Also habe ich gekündigt, wenngleich ich mich sicherlich auch wegen Burnouts hätte krank schreiben lassen können.

Gekündigt habe ich natürlich auch, damit ich mich wieder mehr um meine Projekte kümnmern kann. Doch seit ich nicht mehr zur Arbeit gehen muss, sitze ich hier und denke: gleich fange ich an. Gleich, nachdem ich das Bett bezogen habe. Gleich, nachdem ich dieses Musikvideo gesehen habe. Gleich, nachdem ich alle Harry-Potter-Hörbücher gehört habe. Gleich, nachdem ich den ganzen November lang aus dem Fenster gesehen habe.
Glücklicherweise muss ich nichts tun. Der Freund und ich haben geheiratet, ich bin über ihn familienversichert, und er sagt: “Solange Du glücklich bist, musst Du nicht arbeiten. Wenn Du aber das Gefühl hast, dass Dir arbeiten besser bekommt als Arbeitslosigkeit, dann geh arbeiten.”

Aber was ist Glück? Ich weiß, dass ich es im Sommer hatte, ich habe darüber geschrieben, also muss es wahr sein. Ist Glück, den ganzen Tag zuhause zu sitzen, auf tumblr Bilder an sich vorbeiziehen zu sehen und zu denken: gleich werde ich kreativ? Ist Glück, am Fenster zu stehen und auf die hektischen Menschen zu schauen, die alle noch unglücklicher aussehen als mein Spiegelbild? Ist Glück, alte Texte als Beweis von Kreativität zu lesen?
Ich habe eine Ahnung davon, was ich tun will, aber ich bekomme keine Priorität hin, ich finde nicht einmal mehr meinen alten pathetischen Tonfall wieder. Selbst eine Geschichte wie “Später” könnte ich derweil nicht schreiben. Ich bin vollkommen unkonzentriert, unpriorisiert, getrieben allein von dem Verlangen, am Ende eines Tages nicht einfach nur nichts getan zu haben.

Ich versuche derweil zurückzukommen in einen Trott, der mich zum Schreiben bringt, der mir meine Stimme wiedergibt, der mich die Geschichte wieder fühlen lässt. Wie lange das dauert? Wir werden sehen.

Später

Später, einen Tag, einen Monat, ein Jahr später. Die Zeit verliert sich im Starren aus Fenstern, im Hoffen auf Wunder. Die Zeit ist vergangen vor Langeweile. Sie wartet nicht mehr darauf, dass Du erwachst, die Augen öffnest, siehst, was vor Dir liegt. Die Zeit ist fort. Zurück bleibst Du mit leeren Händen, leerem Herzen. Nichts kehrt je zurück, denkst Du und weißt, dass es stimmt und doch nicht stimmt. Wie alles eine Wahrheit ist und gleichzeitig eine Lüge. Deine Wahrheiten sind Nebel, der aus fernen Bäumen steigt. Deine Lügen sind sinnloses Paddeln in der Mitte des Meeres. Der nächste feste Boden, die einzig erreichbare Wahrheit ist der Grund unter Dir und den wirst Du nicht lebend erreichen. Verloren bist Du. Schlägst nur aus Trotz noch mit den Beinen. Gib auf, lass Dich sinken, atme aus, sieh den Luftblasen zu, die von Dir fort, von der Dunkelheit fort aufsteigen ins ferner werdende Licht. Nichts kehrt zurück, ist der vorletzte Gedanke. Der Schmerz in den Lungen überwältigt Dich, und dann ist da – ganz kurz, zu spät – die alte Angst, die Dich am Leben halten will. Du öffnest den Mund. Wasser, salziges, kaltes Wasser füllt Deinen Rachen, Deine Lungen. Das letzte, woran Du denkst, ist der Geschmack von Tränen.

Du hast wieder geweint im Schlaf. Die Kissen aus dem Bett geworfen. Dein Körper verfangen in der Decke. Alles tut weh. Jede Bewegung. Das Licht. Die Laute der Straße, Autos, Menschen, Baustellenlärm. Alles beißt sich in Deinen Körper. Schließt Du die Augen, spürst Du noch die Wellen wogen in Deinen Lungen. Spürst das lichtlose Dunkel, in dem irgendwo richtiger, fester Grund sein muss, unzählige Faden tief. Du kannst nur liegen, an das Wasser denken und an die Angst, niemals mehr irgendwo anzukommen, da Du atmen kannst, leben kannst ohne den Geschmack von Salz auf den Lippen. Dann steigt erneut alles empor in Dir. Die Wellen werden wütender Sturm und ziehen Dich wieder hinab. Du kannst nicht anders als versinken.

Später, Jahre später, Tage später, immer noch tanzen Flecken vor Deinen Augen, wenn Du den Kopf zu schnell drehst. Jemand spricht. Du stehst Du am Fenster. Siehst hinaus. Willst das Dunkel nicht mehr spüren, auch wenn es Dich Deinen Grund kostet. Die Narben auf Deinen Armen, wo das Meer herausbrach, sind noch nicht verheilt. Die Stimme sagt wieder etwas. Du siehst aus dem Fenster. Legst Deine Stirn an das Glas. Kaltes Glas, das unter Deiner Berührung langsam warm wird. Nicht unangenehm ist das, aber kalt war besser. Kalt ist immer besser.
„Was sehen Sie?“ Die Stimme gibt nicht auf. „Menschen. Meer. Autos.“ Vor dem Fenster ist leerer Park. Herbst hat die Blätter von den Bäumen genommen. Du siehst nicht hin. Schließt Deine Augen. Versuchst irgendetwas zu fühlen, das nicht Glas ist, aber da ist nichts. „Was sehen Sie wirklich?“ Als ob das jemanden interessierte. Als ob das wichtig sei, als ob irgendetwas wirklich sei. „Ich weiß, Sie glauben, ich wäre hier, um Sie zu quälen, zu überwachen oder um herauszufinden, ob Sie verrückt sind. Ob wir Sie hierbehalten sollen.“ Die Stimme wird leiser, geht im anschwellenden Rauschen des Meeres unter. Du spürst das Ziehen Deiner Fingerspitzen am Schorf der Wunden. „Ich bin hier, um Ihnen zu helfen.“ Wo ist der tiefe, dunkle Grund? Du fällst. Das Meer ist dunkler diesmal, nicht graugrünes Blau, sondern rostiges Braun. Herbst, denkst Du noch, dann fließt wieder Schwärze über Deine Augen und trägt Dich fort.

„Wie geht es Ihnen heute?“ Es ist ein Mann. Jetzt erst, Wochen später siehst Du, es ist ein Mann. Er hat kurzes braunes Haar, an den Schläfen leicht grau. Falten um die Augen, die er sich ins Gesicht gegraben hat, damit Du denkst, er lache viel und sei freundlich. „Sie sind ein Mann.“ Er lächelt nicht, sagt nichts, wahrscheinlich wusste er es schon. Er schreibt etwas auf. „Beantworten Sie bitte die Frage. Wie geht es Ihnen heute?“ Er schreibt alles auf. Wenn Du nichts sagst, schreibt er eben das auf. Um sich nicht zu langweilen vielleicht. Um das Kratzen des Stiftes auf dem Papier zu hören und nicht das Brüllen des Sturms in seinem Kopf. „Hören Sie das auch?“ Er antwortet nicht. Vielleicht hört er den Sturm nicht, nicht Deine Frage. Vielleicht ist das Kratzen des Stiftes lauter als Deine Stimme. Vielleicht interessiert er sich auch nicht für Dich. „Wie geht es Ihnen heute?“ Seit Wochen geht das so. Du legst Dein Gesicht in Deine Hände. Kalt sind sie. Eiskalt wie das Meer. Bevor die Handflächen Deine Augen bedecken, fangen die Narben Deinen Blick. Rote lange Striemen. Du hältst die Luft an. Spürst, wie Übelkeit in Dir aufsteigt bei der Erinnerung an das Weiß der Knochen unter der Haut. Das Weiß, das so lange zu sehen war, bevor Blut floß, Minuten, Stunden, Jahre vielleicht. Das Weiß hat sich in Deine Netzhaut gebrannt. Selbst jetzt, da Du die Handflächen gegen die Augen drückst, siehst Du es vor Dir, bar allen Fleisches. Das Weiß vor dunklem Grund. Dann wirst Du ohnmächtig.

Später lassen sie Dich gehen. Das Rot der Narben ist ausgeblichen. Das Tosen der Brandung ist dem Schlagen Deines Herzens gewichen. Du hast ihnen von Deiner Leere erzählt. Vom Dunkel, das in Dir schläft. Du hast behauptet, das Meer zähmen zu können. Hast gesagt: „Ich will leben.“ Hast gespürt, dass es eine Wahrheit ist, vielleicht Deine. Sie haben Dir geglaubt. Der Mann mit den grauen Schläfen hat es aufgeschrieben.
Irgendwann glaubst auch Du die Lüge. Willst sie glauben. So wie die Menschen an dem Ort sie glauben wollen, wird Dir klar. Sie wollen sie wie ihre eigenen Lügen glauben, damit sie glücklich sein können. Was ist das für ein Leben, denkst Du. Zu wissen, dass nichts wiederkehrt. Trotzdem weiterzugehen, das Dunkel im ungeschützten Rücken. Zu hoffen, dass die wiederkehrende Flut Dich nicht doch noch verschlingt. Aber wenn es macht, dass sie aufhören, Dich zu fragen, wie es Dir geht, dann überzeugst Du sie davon, dass alles gut ist, dass das Meer sanfter geworden ist, dass der ferne Grund nicht mehr an Dir zieht. Eine schöne Vorstellung ist das. Eine schöne Vorstellung, die Du da gegeben hast. Fehlt nur der Applaus. Fehlt nur der sich senkende Vorhang.

Später, Sekunden oder Monate später wird es zum wiederholten Mal Herbst. Du hast eine Arbeit gefunden, die nichts in Dir berührt. Menschen sind da, die kommen und gehen, mit Dir sprechen wie mit Haustieren oder Kindern. Wie sie alle gedankenlos reden und nichts sagen. Du packst Deine Sachen. Willst fort von den Menschen, die so sehr überall sind. „Was machst Du heute abend noch?“ Die Frage erschreckt Dich, keiner der Menschen hat bislang so mit Dir gesprochen. Als ob wichtig sei, was Du antwortest. Dass Du antwortest: „Nichts. Nach Hause. Schlafen.“ Du ziehst die Jacke an. Schulterst die Tasche. Gehst, doch der Mensch kommt mit. „Ich dachte. Vielleicht möchtest Du. Könnten wir. Vielleicht. Was meinst Du?“ – „Was meinst Du?“ Es interessiert Dich nicht. Du willst nach Hause, willst das erste Mal wirklich nach Hause. Während der Mensch immer noch spricht, läufst Du schneller. Änderst die Richtung, nur fort vom Menschen, doch der Mensch folgt. „Warte, ich bringe Dich heim. Wo wohnst Du?“ Du drehst Dich nicht zum Menschen um. „Nein. Danke. Nirgends.“ Du rennst bald. Spürst Deinen Puls. Dein Herz. Deine Lungen. Du fliehst weiter. Schließlich, endlich, bist Du wieder allein, weißt nicht wo, irgendwo, auf der falschen Seite der Gleise. Du hörst das Rauschen wieder. Angst vor dem Dunkel steigt auf, doch es ist nur der Zug, der bald den Bahnhof erreicht. Dein Zug. Du fängst wieder an zu laufen. Du rennst wieder, Du rennst quer über die Gleise.


Die Geschichte “Später” habe ich bei “Zehntausend” eingereicht, einem Schreibwettbewerb des Deutschen Schriftsteller Forums. Der Beitrag musste sich unter dem Motto “Über die Gleise” mit einem Zitat von Thomas Bernhard befassen: “Die Wahrheit, denke ich, kennt nur der Betroffene, will er sie mitteilen, wird er automatisch zum Lügner. Alles Mitgeteilte kann nur Fälschung und Verfälschung sein, also sind immer nur Fälschungen und Verfälschungen mitgeteilt worden.”

Die Wahrheit

Ich habe dieses Projekt gestartet – oder vielmehr als Einzelprojekt aus meinem restlichen Leben herausgeschnitten – als Versuch, nichts als die Wahrheit zu sagen. Ich habe Angst davor, immer schon habe ich Angst vor der Wahrheit gehabt, vor jeglicher Art der Konfrontation damit. Und gleichzeitig nichts so sehr gehasst wie Unehrlichkeit und Lügner. Vielleicht wurzelt darin ein Stück meines Selbsthasses, immerhin bin ich ein ganz guter Lügner. Bilde ich mir zumindest ein. Vielleicht belüge ich auch nur mich und merke es nicht.

Tatsächlich ist dieses Projekt zum Scheitern verurteilt. Nicht so sehr, weil ich keine Ehrlichkeit aufbringen könnte, nicht so sehr, weil ich Angst vor der Verantwortung habe, die sich aus Ehrlichkeit heraus ergibt, Verantwortung, aus der ich mich sonst durch Lügen entzogen habe. Nein, das Projekt anderswolf.de kann nicht außerhalb des Kontextes stehen, der mein restliches Leben ist. So sehr es mich Kraft gekostet hat, vor meinem Coming Out ein Doppelleben zu führen, so sehr es mich auch jetzt wieder schwächt, bestimmte Teile meines Lebens vor bestimmten Menschen zu verbergen, so sehr beeinträchtigt es meine Fähigkeit, meine Zukunft zu gestalten.
Ich habe in den letzten Monaten im Zusammenhang mit Siremon eine erstaunliche Entdeckung gemacht. Ich habe ein paar Wochen lang geschrieben wie ein Wahnsinniger, als gäbe es nur noch diese eine Chance und Gelegenheit, die Geschichte aus mir herauszubringen. Und dann, am Ende dieser paar Wochen, versiegte dieser Quell so plötzlich wie er gekommen war. Ich sehe die Geschichte auch kaum mehr in meinem Kopf. Ich weiß nicht mehr, wie es weitergehen soll. Ich hatte das alles schon mal geplant, und trotzdem ist es fort. Ich habe meine Aufzeichnungen, sicher, aber es fühlt sich an wie eine fremde Geschichte. Ich bin mit dem Abschluss des ersten Teils einfach als Autor ausgefallen, als ob es jetzt an jemand anderem wäre, Kirrens Erlebnisse weiterzuerzählen.
Ich ahne, dass dieser Andere auch ich bin, allerdings ein anderes Ich, das erst noch entstehen muss, ein Ich, das nicht mehr fragmentiert und aufgeteilt ist in verschiedene Lebensbereiche, die sorgsam voneinander getrennt werden müssen.

Denn das war mein Gefühl der letzten Jahre: dass ich nicht gleichzeitig der Autor sein konnte und der Käseverkäufer, der Webdesigner und der Koch, der Lehrer und der Ernährungsberater. Und jetzt bin ich auch noch Schauspieler und Organisator, Moderator und Promoter. Ich habe viele Facetten, die ich nicht genau zusammenbringe, und das macht mich manchmal fast wahnsinnig, denn ich kann kein Gesamtbild daraus erstellen, kein Mosaik, das mit ein bisschen Abstand ein erkennbares Motiv ergibt. Dass ich meine Wortarbeit so säuberlich von meinem Broterwerb trenne, lässt mich fast verzweifeln.

Fast.
Denn überraschenderweise mache ich derzeit eine Erfahrung, die ich noch nie hatte. Ich plane nicht, ich ziele nicht, ich lebe einfach nur. Ein bisschen irritiert mich das, denn ich hatte immer das eine oder andere Ziel, den einen oder anderen Plan, den ich verfolgt habe. Momentan lebe ich nur im Moment, ich achte kaum auf die Zeit, sondern tue einfach die Dinge, die ich will. Das sind überraschend wenige, doch manchmal auch überraschend konkrete Aufgaben, die schon ziemlich lange herumliegen.
Manchmal habe ich das Gefühl, dass mich diese Sorglosigkeit sorgen sollte. Und dann wieder denke ich mir, dass ich mich mein ganzes Leben gesorgt habe. Als ich keine Freunde hatte, als ich keine Ziele hatte, als ich keine Arbeit hatte, als ich nichts anderes als Stress hatte. Ich habe immer Angst vor der Zukunft gehabt. Angst vor allem, was geschehen könnte, Angst vor allem, was nicht geschehen könnte. Momentan habe ich diese Angst nicht, sondern nur die Gewissheit, dass alles geschehen kann, und dass ich Teil von all diesen Geschehnissen sein werde. Und dass ich mit allem, was da kommt, umgehen können werde. Ich ruhe momentan in mir, ich habe eine Zuversicht, die ich so nicht kenne und auch nicht auf irgendetwas zurückführen kann. Glücklicherweise auch nicht muss. Ich weiß, dass ich durch die Ergründung dieser Sorglosigkeit kein besserer, glücklicherer oder stärkerer Mensch werde. Es erscheint mir nutzlos. Noch nicht mal schädlich, einfach nur nutzlos. Warum also sollte ich das tun.

Natürlich habe ich immer noch keine Lust, länger in meinem Brotberuf zu arbeiten. Natürlich will ich da irgendwie raus. Aber ich habe Abstand dazu gewonnen. Ich rege mich nicht mehr darüber auf. Ich versuche, diese heitere Gelassenheit auch im Laden zu spüren und nicht den Stress, den ich mir sonst immer gemacht habe, an mich heranzulassen. Momentan geht das. Ich finde das gut.

Was aber nun das Projekt anderswolf.de angeht, weiß ich nicht, was kommen wird. Ich weiß, dass ich irgendwas kreatives tun will und werde, ich ahne, dass das nicht alleine Worte sein können und werden. Ich bin gespannt und werde es weiterverfolgen. Meine alternativen Kreativitätsoutlets wie tumblr oder soundcloud sind Inspirationsquellen, etwas vollkommen anderes zu machen. Ich ahne, dass etwas geschehen wird, das alles verändern kann, und dass es bald geschieht. Doch ich weiß nicht, inwieweit dieses Projekt in seiner ursprünglichen Intention als Wahrheits- und Geschichtenportal da noch seinen Zweck erfüllen kann.
Ich werde sehen.

Der dunkle Ort

Als Kind hatte ich einen wiederkehrenden Traum, der mich durch meine Grundschulzeit hindurch begleitete. Später, als ich das Gymnasium besuchte, war er nur noch ein Schatten seiner selbst, eine ferne Erinnerung, die mich nur streifte, wenn ich große Angst hatte.
Ich träumte, ich sei ein Baum, eine gerade verwurzelte Pflanze, ein Keimling, der sich gen Sonne und Himmel streckt. Ich weiß nicht, wann ich das erste mal davon träumte, es gehört zu den ersten und stärksten Erinnerungen, die sich nicht wie andere Erinnerungen der Kindheit mit Fotos belegen lassen. Vielleicht steckt diese Erinnerung, dieser Traum darum so tief in mir: weil es keinen anderen Beweis für seine Existenz gibt als mein Wissen, mein Fühlen, dass es wahr ist, was dieser Traum erzählt. Der junge Baum, der ich war, steht allein auf weiter Ebene, als es anfängt zu regnen, dicke Tropfen, schwer wie Planeten und schwarz wie sternlose Nacht. Sie fallen herab aus dem lichten Himmel, ohne Vorwarnung; aus Höhen ohne Wolken, die es angekündigt hätten, geht ein Schauer aus Dunkel hernieder und reißt die Ebene um mich in Stücke, prasselt auf den Baum, der ich war, ein. Und die Tropfen, die wie Teer an mir kleben, verhöhnen mich, machen sich lustig über meine Angst, über meine Tränen, über meine Sorge, dass ich mit allem, was ich bin, untergehen könnte, vergehen könnte unter diesem Welt- und Wolkenbruch.

Den Traum konnte ich besser verkraften als die Stimmen, die mich aus dem herabstürzenden Himmel in den Tag hinein verfolgten. Auf meinem Schulweg hörte ich sie noch, spürte ihren Spott und konnte ihre Schadenfreude fühlen, wenn sie meine Gedanken echoten und ins Lächerliche verzerrten. Es gibt sicherlich eine psychologische Bezeichnung dafür oder zumindest eine Erklärung, was mein Unterbewusstsein tat, als es all meine Gedanken mit Häme verätzte. Ich versuche heute, in dieser Vergangenheit den Beginn für die Zensur meiner Gedanken vor mir selbst zu suchen; ich hatte Angst zu denken, da alles, was ich dachte, flammenden Widerhall fand.
Die Stimmen, die ich im Traum wie im Wachen hörte, die mich nachäfften und verhöhnten, waren natürlich selbst nur Echos wie der Traum vom schwarzen Regen selbst auch. Kein Kind kommt auf die Welt mit einer solchen Störung. Selbst wenn das Gehirn sich fern der Norm entwickelt, so gibt es doch in der Regel Auslöser, Momente, die eine erratische Wahrnehmung initiieren, und sei es bloß, dass sie dem betroffenen Kind verdeutlichen, dass es anders tickt als die Anderen. Nicht anders war es bei mir.

Ich gebe meinen Eltern keine Schuld dafür, dass sie mit ihrer Entscheidung, aufs Land zu ziehen, wo sie bis zu ihrem Fortgang vor zehn Jahren Fremde blieben, auch mich zum Außenseiter machten; sie konnten es nicht ahnen. Sie kamen aus einer Stadt im Norden, ich wuchs auf in einem Ortsteil einer südlichen Dorfgemeinde. Weder verstanden meine Eltern in den ersten Jahren, wie die Landbevölkerung tickt, noch hatten die Ortsansässigen Interesse, die Zugezogenen näher kennenzulernen, geschweige denn zu integrieren. Während Eltern demgegenüber eine gewisse Professionalität an den Tag legen können, sind Kinder da offener, direkter, grausamer.
Ab meinem ersten Tag im Kindergarten wurde ich von den anderen Kindern, deren Mütter bereits miteinander aufgewachsen waren, kritisch beäugt, sie erkannten das Fremde an mir, das eigentlich nur ein Nichterkennen war. Wir trugen diese Stempel auf beiden Seiten, ich hatte kaum Berührungspunkte mit den anderen Kindern, die größtenteils auch noch aus einem anderen Ortsteil der Dorfgemeinde kamen. Manches verwächst sich im Laufe der Zeit, manches wird weniger wichtig. Dass ich der Jüngste, der Kleinste, der Stillste in der Gruppe war, wurde mit der Zeit weniger wichtig als das Eine, das immer gleich blieb: ich war anders, fremdelte selbst nach Jahren noch. In der Grundschule wuchs die Distanz auf kognitiver Ebene. Meiner Armut an Freunden verdanke ich meine Liebe zum Wissen. Als jüngerer Bruder profitierte ich bereits im Kindergarten von den Lernerfolgen meiner Schwester, die mit mir Schule spielte. Sie brachte mir das Schreiben bei, während die anderen Jungs lernten, wie man mit einem Fußball umgeht. Ich konnte Bücher lesen, während die anderen Kinder sich gerade noch durch das Alphabet quälten. Ich wurde zum Liebling der Lehrer, während andere Schüler bereits in der ersten Klasse um ihre Versetzung fürchteten. Meine Gene taten das Übrige: ich bekam eine Brille.

Was wird aus dem Kind, das ohne Freunde zuhause sitzt und Bücher liest, wenn es schlechte Augen bekommt? Der kleine dicke Junge mit der Brille. Der “Herr der Fliegen” kennt ihn als Piggy und sieht ihn aus seinen madenzerfressenen Augenhöhlen im Kampf der Stärkeren alles verlieren, was er hat, sein Leben inklusive. Der Archetyp des Außenseiters hat es nicht leicht; manchmal, wenn aus genügend großer Angst Aggressivität erwächst, kann er sich zum Anführer der Unterdrücker emporschwingen, doch meistens bleibt er allein. Kinder sind grausam, und sie wissen nicht, dass es anders sein könnte. Sie geben dem andersartigen Kind bösartige Namen, jagen es schreiend über den Schulhof, schneiden es aus Bosheit oder Angst vor Ansteckung, weiden sich an seinen Tränen, die es zu verbergen sucht, um nicht zu zeigen, wie viel Macht die Gruppe hat und wie wenig das andersartige Kind.
Ich erinnere mich an wenig aus meiner Schulzeit, teilweise sind absurde Erinnerungen darunter, die schöneren haben meistens mit Lehrern oder anderen Erwachsenen zu tun. Doch auch eine besonders dunkle ist darunter, die aus dem Keller der Schule einen weiteren schwarzen Ort macht. Die Erinnerung daran ist allerdings verschwommen und unvollständig, und ich weiß nicht, was ich von ihr halten soll, da ich nicht weiß, wo sie endet. Ob das Ende meiner Erinnerung das Ende dessen ist, woran ich mich erinnern könnte.

Als der Lehrer verhaftet wurde, weil er Schulkinder mit in sein Haus genommen hat, um sie dort sexuell zu belästigen, waren alle Eltern beunruhigt. Obwohl ich ihn nur ein Jahr lang im Kunstraum im Keller gesehen hatte, fragten mich meine Eltern aus.
Wie kann dieses Gespräch stattgefunden haben? Ich erinnere mich nicht gut. “Hat er etwas gemacht?” fragten sie, und ich weiß nicht, ob ich als Achtjähriger verstand, was “etwas” hätte sein können. Was ich wusste: der Lehrer mochte mich. Ich war das Kind, das den gleichen Vornamen hatte. Eventuell erkannte er die künstlerische Ader, die in meiner Familie vererbt wird wie die Kurzsichtigkeit. Vielleicht erkannte er, dass der Außenseiter niemanden hatte, um zu verraten, wenn der Lehrer “etwas” tun würde. Ich erinnere mich daran, während einer Stunde auf seinem Schoß gesessen zu haben, und ich erinnere mich daran, dass er mich sein Lieblingskind nannte. Und während allein dass schon Grund genug für die anderen Kinder gewesen wäre, mich noch mehr zu hänseln, weil ein Lehrer mich anderen Schülern offensichtlich vorzog, kann ich nicht ermessen, welchen Einfluss dieser Mann tatsächlich auf mein Leben hatte.

Ich weiß nicht, ob und wenn, in welchem Maß ich vom Kunstlehrer missbraucht worden bin. Ich sehe das auch nicht als den dunkelsten Ort, an dem ich je war. Jahre später, Konfirmandenunterricht: derselbe Raum, dieselbe Schülergruppe, jetzt 13 bis 14 Jahre alt. Der Raum selbst weckt keine bösen Erinnerungen, die Menschen darin auch nicht. Wir haben keinen Umgang miteinander, meine Arroganz als einziger Gymnasiast unter Hauptschülern verbietet es mir. Ich bin besser, das spüre ich und lasse es die anderen wissen. Habe das vielleicht damals schon gemacht. Vielleicht, das argwöhne ich lange nach der Konfirmation, wiederum Jahre später, habe ich damit mein Außenseitertum befeuert, vielleicht, wenn schon nicht hervorgerufen, dann doch kultiviert.
Die Wiederbegegnung mit dem Raum, in dem Kinder missbraucht wurden, löst nichts aus, vielleicht saß ich tatsächlich nur auf dem Schoß, bis ich zu schwer wurde. Ich hatte damals schon einen Panzer um mich gelegt, der mich nicht leicht zu ertragen machte.

Dunkler als die Träume, dunkler als die ätzenden Stimmen, dunkler als der Kunstraum, dunkler als alle Nächte, die ich mich in den Schlaf weinte aus Angst vor dem nächsten Morgen in der Schule, dunkler als all das war meine Seele. Ich hasste mich dafür, was ich anderen erlaubte, mir anzutun. Ich hasste mich dafür, dass ich mich nicht wehrte. Ich hasste mich dafür, lieber wegzulaufen als mich meinen Verfolgern entgegenzustellen. Ich hasste mich dafür, der Angsthase zu sein, den alle anderen in mir sahen. Ich hasste mich dafür, dass ich mich auch Jahre später, als ich schon nicht mehr das Kind der Zugezogenen im Dorf, sondern ein fremder Schüler unter vielen einander fremden Schülern im städtischen Gymnasium war, abgrenzte, meine Arroganz kultivierte, mich immer tiefer in mich zurückzog, um meine Opferrolle behalten zu können. Ich hasste mich dafür, dass ich selbst dann schwach sein wollte, als ich mich anstrengen musste, schwach zu sein. Ich hasste mich dafür, dass ich mich nicht einfach nur zuhause, sondern tief in Büchern versteckte. Ich hasste mich dafür, dass ich meine gesamte Jugend an mir vorbeiziehen ließ, nur um weiterhin zu erleben, was ich kannte: Alleinsein, Einsamsein. Ich hasste mich dafür, dass ich mir selbst meine Kindheit und Jugend stahl, dass ich mich selbst dadurch missbrauchte.

Erst als ich 17 war, zehn Jahre Einsamkeit später, erkannte ich das. Erst damals, als ich von Freunden, über deren Herkunft ich mir bis heute Umklaren bin, angenommen wurde, wie ich bin, entkam ich meiner inneren Hölle. Dafür musste ich nicht kämpfen. Ich musste einfach nur loslassen, nicht mehr daran denken. Ich ging aus, ich nahm ab, ich wurde ein anderer Mensch, aus heutiger Sicht fast über Nacht. Ich kann nicht sagen, was geschah, es wurde plötzlich alles leichter, alles, was mich vorher ausgemacht hatte, brach auseinander, und es war mir egal. Ich sah nicht mehr zurück, ich nahm mit mir, was mit mir gehen wollte.
Ich erkannte das, was meine Freunde in mir sehen konnten, lernte mich ebenso einfach anzunehmen mit allen Fehlern, vor allem aber mit allen Stärken. Ich lernte mich lieben. Das war das schwerste, aber auch das Schönste. Die Liebe und die Leichtigkeit, mit der ich mein Leben lebte.

Die Angst vor dem Dunkel hat mich nicht verlassen. Auch die Sehnsucht danach nicht. Über Jahre hinweg hat es keine Rolle gespielt. Erst gegen Ende meines Studiums, weitere zehn Jahre danach, als ich in mein Jahr der Arbeitslosigkeit fiel wie in eines der Löcher, das der schwarze Regen in die weite Ebene gerissen hatte, spürte ich das Dunkel wieder in mir, erkannte die Narbe, die auf meiner Seele geblieben war. Ein Jahr ist viel Zeit, um eine Narbe wieder zu einer blutende Wunde zu öffnen.
Manchmal kann das sinnvoll sein. Manchmal kann man, gräbt man nur tief genug, Splitter und Scherben aus dem Gewebe ziehen, die auf lange Sicht die Gesundheit gefährdet hätten. Manchmal kann man unter großen Schmerzen die Beweglichkeit von Gelenken wiederherstellen. Manchmal ist es das Opfer wert, den Schmerz, das scheinbar endlos fließende dunkle Blut. Manchmal. Nicht immer.
Seit bald sechs Jahren laboriere ich an dieser Wunde wie an einer Kriegsverletzung. Posttraumatische Belastungsstörung nennt man das wohl. Und es wird nicht besser.
Oder vielleicht doch, immerhin erkenne ich langsam Muster in meinen Alpträumen, weiß mittlerweile, dass ich mich von meinen Freunden bewusst abschotte, statt immer noch zu vermuten, dass sie still an jenen unbekannten Ort zurückkehren, aus dem sie einst hervortraten. Ich akzeptiere, was ich in den Folgejahren von 17 intuitiv begriff: dass ich verantwortlich bin für mein Glück wie für mein Unglück. Ich begreife, dass meine Sucht nach intellektueller Betäubung und strategischer Selbstunterforderung einen ebenso primitiven wie effektiven Selbstschutz davor darstellt, mich mit mir selbst auseinanderzusetzen.

Ich bin an einem Grenzpunkt angekommen. Ich kann nicht weitermachen wie bisher, das ist die beste Erkenntnis. Ich kann nicht weiter ignorieren, was alles in meinem Leben nicht funktioniert und nicht passiert. Wichtiger: ich will es nicht. Meine Gesundheit leidet massiv. Alle subtilen Zeichen konnte ich ignorieren, die Unzufriedenheit, die eingeklemmten Nerven, die Rücken- und Schulterschmerzen, der unregelmäßige Herzschlag, der niedrige Puls, die Schlaflosigkeit, die Schlafattacken, die Erschöpfung. Letztlich habe ich mir einfach die Zähne an mir selbst ausgebissen. Mein Zahnarzt sagt, die Zahnfüllungen, die er letzten Herbst erneuert hat, sähen aus, als wären sie fünf Jahre im Krieg gewesen. Fast sechs, könnte ich ihn korrigieren.
Einer meiner Zähne ist jetzt gesplittert, von der Krone bis zur Wurzel aufgerissen wie ein Baum nach einem Blitzschlag. Er wird gezogen werden, ich bekomme ein Implantat, über das ich Witze mache, weil es aus der Schweiz kommt: ich hoffe, dass es so viele Funktionen haben wird wie ein Taschenmesser. Als ob es nicht eigentlich tragisch wäre, was mir anzutun ich offensichtlich bereit bin, nur um zu verdrängen, wie hoffnungs- und vor allem orientierungslos ich durch mein Leben wanke.
Statt mich konstruktiv damit auseinanderzusetzen, was ich wirklich kann und will, strenge ich mich an, schwächer zu sein, als ich es bin. Statt das Buch zu schreiben, das davon handelt, wie Kirren seine Angst und sein prophezeites Schicksal überwindet, vergrabe ich mich in Büchern und Coming-of-Age-Blogs. Statt mir zu gestatten, mich und andere zu lieben, betäube ich mich mit Pornographie. Statt stolz auf meine über elf Jahre Beziehung zum Freund zu sein, bin ich schon gehemmt, meinen Kolleginnen gegenüber zu erwähnen, dass ich überhaupt eine habe, geschweige denn eine schwule Beziehung. Statt meine Ideen und Fähigkeiten sinnvoll auf die Erfüllung wenigstens eines meiner vielen Träume zu konzentrieren, verschwende ich Kraft dabei, auf vielen Baustellen Stückwerk abzuliefern.
Und ich trauere. Vor allem um die Zeit, die vergangen ist. Als ob sie dadurch wiederkäme oder anders verbracht worden wäre. Auch schöne Momente bekommen den Anstrich des Selbstmitleids, dass all das Schöne nicht von Dauer ist, sondern verloren sein wird, weil ich es nicht halten kann. Statt in irgendwas eine Chance zu sehen, erkenne ich in allem nur die Mangelhaftigkeit, die Imperfektion. Und mich regt alles auf, nicht weil alles aufregend wäre, sondern weil ich mich aufregen will. Dass die Nachbarn den Müll nicht trennen, dass der Chef kein Chef ist, dass die Freunde ihre Mails auch nicht häufiger beantworten als ich meine. Dass nichts besser ist als das Mittelmaß, zu dem ich selbst auch fähig bin.

Ich habe mich lange geweigert, mich mit all dem auseinanderzusetzen. Mit all dem, was ich aufgeschrieben habe, um Sherrys Frage zu beantworten, was mich immer wieder einhole, und mit all dem, was ich noch nicht aufgeschrieben habe. Ich habe lange Zeit keinen Sinn darin gesehen und vor allem keine Hoffnung.
Vielleicht hatte ich auch einfach Angst, dass das Teilen dieser Dunkelheit zu etwas führen würde, was ich mir schon einmal vorgeworfen habe: dass ich meine Geschichte missbrauchte, um andere durch Mitleid an mich zu binden. Das habe ich früher getan, oder zumindest unterstelle ich mir das. Dass ich durch das Erzählen meiner Außenseitergeschichte Gefühle bei Anderen hervorgerufen hätte, die nichts mit der Person zu tun haben, die ich zum Zeitpunkt des Erzählens war. Und dass die Anderen nur deshalb bei mir blieben und mich nur deshalb mochten, weil ich diese traurige Geschichte erzählt hätte.

Jetzt, wo ich das so aufschreibe, fällt mir erst auf, wie bescheuert es ist. Als ob andere Menschen nicht selbst entscheiden könnten, wem sie ihre Zuneigung, ihr Vertrauen, ihre Liebe schenken. Wie anmaßend auch, dass ich glaube, meine Vergangenheit könnte stärker sein als der Wunsch anderer Menschen. Und wie naiv vor allem anzunehmen, ich wäre der einzige Mensch, der Leid erfahren hätte in seinem Leben.

Ich habe aus Angst geschwiegen, aus der Angst heraus, mich selbst zum Opfer zu machen. Statt zu erkennen, dass ich mich dadurch tatsächlich zum Opfer meiner selbst mache, habe ich mir verweigert, mir selbst zu helfen, indem ich mich mit meiner Vergangenheit auseinandersetze. In meinem Wunsch nach Leid habe ich die unglückliche Einsamkeit heilsamem Schmerz vorgezogen.
Jetzt, da ich an diesem Punkt, in diesem Absatz bin, wird mir erst klar, was ich da eigentlich getan habe, und wieviel mehr dysfunktional das ist im Vergleich zum Panzer, den ich in meiner Pubertät trug. Ich hatte gedacht, es besser zu wissen, dabei wollte ich nur blind und arrogant und alleine und einsam bleiben. Und ich habe all jene Menschen weit von mir gestoßen, die mir hätten helfen können, die mich kannten, als ich klein war, als ich Jugendlicher war, als ich anfing zu heilen. Als es dunkel wurde, 2007, da habe ich Stück für Stück abgeblockt, habe jede Nachfrage, jedes Wissenwollen ignoriert, habe bewusst Geburtstage, Verabredungen, Telefonate vorbeiziehen lassen, weil ich Angst vor den Antworten hatte, die mir die Menschen, die mich lieben, hätten geben können. Und der einzige Mensch, der nicht von meiner Seite wich, weil seine Liebe alle meine Versuche überwanden, ihn zu ignorieren oder fortzustoßen: ihn habe ich mit Schweigen und Aggression bestraft, mit Enttäuschungen und bissigen Seitenhieben. Ich verdanke ihm so viel und ich behandle ihn dafür so schlecht. Ich kämpfe immer wieder mit mir, ich bin mir immer wieder meiner Beziehung unsicher, weil ich ahne, dass er zu viel von mir weiß, als mir nicht helfen zu können, wenn ich ihn um Hilfe bäte. Aber er will nicht gehen, und ich könnte so ein glücklicher Mensch deswgen sein, wenn ich das nur sehen wollte.

Als der Freund vor eineinhalb Stunden schlafen ging, sagte er, ich solle noch aufbleiben und weiterschreiben. Es sähe aus, als hätte ich mir da was von der Seele zu schreiben. Ich glaube nicht, dass er den halben Nervenzusammenbruch meinte, in dem ich den letzten Absatz verfasst habe; aber er kennt mich wirklich so gut, dass er mir ansieht, wenn ich schreiben muss. Das ist eines der Dinge, die ich an ihm liebe.
Ich neige dazu zu glauben, dass ich ihn nicht verdiene. Dass ich zu selbstsüchtig, arrogant, destruktiv bin. Und auch hier überschreite ich meine Konpetenzen schon wieder. Es ist nicht meine Aufgabe, seine Gefühle zu interpretieren oder gar hervorzurufen. Auch wenn ich das offensichtlich als mein Lebensmotto sehe: Anderen die Art des Umgangs mit mir möglichst weit vorzugeben. Als ob sie dazu nicht selbst in der Lage seien.

Ich verstehe, dass ich beschädigt bin. Dass meine Wurzeln vernarbtem Grund entwachsen. Und jetzt, in diesem lichten Moment nach dem emotionalen Sturm, der meine Krone durchgerüttelt und einige knorrige Zweige herausgebrochen hat, weiß ich, dass ich dadurch stärker sein kann als ohne den erlebten Schmerz. Vorausgesetzt, ich kann den Schmerz, die Erinnerung, die Sehnsucht nach dem dunklen Ort loslassen. Dass es geht, weiß ich. Dass ich mich selbst lieben kann, weiß ich. Dass ich mir selbst vergeben kann, weiß ich. Ich muss es nur noch wollen.
Die Entscheidung sollte nicht schwer fallen. Es kostet so viel Kraft, nicht zu wollen. Es kostet so viel mehr Kraft, mich immer noch klein zu halten, mir selbst alles zu versagen, mir keine Liebe zu gönnen. Ich habe diese Kraft nicht mehr, ich gehe auf dem Zahnfleisch. Aber ich gehe voran. Den Grenzpunkt habe ich hinter mir gelassen, ich will nicht mehr zurück. Natürlich sieht das dunkle Land vertraut aus, aber das heißt nicht, dass es im Licht nicht auch schön sein könnte. Im Gegenteil dürfte die Sonne dort öfter scheinen.

Gejaule um Vergangenes

Die Vergangenheit frisst an mir wie ein wildes Tier. Und ich gebe mich dem hin, heiße das Alte willkommen, sich an meinem Leben zu laben, ich brauche es ja offensichtlich nicht. Meine Tage sind gefüllt mit Sinnlosigkeiten und Nichtstun. Da kann mich die Vergangenheit ruhig einholen, locker überrunden, ohne sich anstrengen zu müssen. Verlockend ist das ja schon, wenn das, was eigentlich vergangen ist, wieder vor einem liegt, einstellen muss man sich da auf nichts Neues, Unbekanntes, vielleicht Unbequemes.

Ich habe Angst vor dem, was andernfalls kommt. So sehr ich mich grundsätzlich nach Veränderung sehne, so sehr fürchte ich mich vor dem Blindsein für das, was kommen könnte. Und blind werde ich sein, ist ja jeder gezwungenermaßen. Ich fürchte diesen Kontrollverlust, so dumm das vielleicht auch ist. Denn wann habe ich jemals irgendwas in meinem Leben kontrolliert? Wann hätte das jemals in meiner Macht gestanden oder in der irgendeines Anderen?

Die Menschen sind da nicht alle gleich, habe ich gemerkt, ja selbst ich bin meinem Phlegma da nicht immer treu. Manchen Tages bin ich so aufbruchsfreudig, ja fast schon umtriebig, dass ich achtzig Dinge gleichzeitig anfange, anderntags schaffe ich es gerade mal aus dem Bett unter die Dusche, wo ich anscheinend Stunden verbringe, denn obwohl ich weit vor Mittag aufgestanden bin, geht die Sonne schon fast wieder unter, wenn ich mich abgetrocknet habe. Und dann wieder mag die Zeit manchmal nicht vergehen, egal wie sehr oder wie böse ich sie anstarre.

Überlegt habe ich, die alten Texte aus dem ersten Blog von vor über zehn Jahren hierher zu importieren. Nicht dass das technisch ohne Weiteres möglich wäre, im Gegenteil. Vorausschauend, wie ich war damals, habe ich keine Worpress-gängigen Dateien gespeichert, sondern reines HTML. Offensichtlich wusste ich damals schon, dass ich mich irgendwann mit Unnötigkeiten beschäftigen wollen würde. Und ich ahne jetzt schon, dass das Ausschneiden, Überarbeiten und Anpassen alter Texte an mein heutiges Wort- und Lebensgefühl nicht etwa nur wenige Wochen in Anspruch nähme, sondern eher Monate. Monate, die ich so schon mal semikonstruktiv verplant hätte mit einem Projekt, das mich effizient von allem anderen abhält, was mich tatsächlich voranbringen könnte.

Ich habe mich letztlich doch dagegen entschlossen. Wenn ich die Vergangenheit so toll gefunden hätte, dann hätte ich sie wohl gleich behalten. Durch ein Wiedererleben des Vergangenen ist mir nicht geholfen, ein anderer wird es nicht lesen und (im Fall, dass ich mich da irre) schon gar nicht davon profitieren. Das Jaulen der Vergangenheit ergibt selbst mit Nostalgiefilter keine Harmonie. Und so lange ich die alten Geschichten an mir nagen lasse, werde ich nie erreichen, was ich mir trotz vorgeblicher Ehrgeizlosigkeit zum Ziel gesetzt habe.
Insofern: Neues schreiben, Neues machen, nur trauern, wenn es sinnvoll ist. Alles andere hinter sich lassen, was belastet. Was wir hinter uns gelassen haben, ist aus guten Gründen auf der Strecke geblieben.

Die Tage sind gezählt, ich höre nur nicht den Countdown.

Glaubste doch nicht, dass das einfach so weiter geht. Glaubste nicht und willste auch nicht glauben. Wem denn, was denn, wozu denn?

Die Zeit läuft und ich bin noch nicht am Start, nicht mal nahe dran bin ich. Wenn ich drüber nachdenke – was ich nicht tun sollte -, dann deprimiert mich das natürlich. Was sonst auch, ginge anderen nicht anders: Mistleben bleibt Mistleben, egal wessen Selbstmitleid da jault.
Bekomm mal den Arsch hoch, denke ich mir und lasse mich dann doch wieder fallen. Setze mich an den Copmuter, um angeblich Bewerbungen zu schreiben, statt dessen lese ich seit Wochen ein Blog, dessen Fiktionalität offensichtlich ist, vom Autor aber als Dokumentation eigener Erlebnisse verkauft wird. Mir ist das egal, es geht mir beim Lesen nicht um Inhalte, nicht so sehr jedenfalls, Coming-of-Age eben, was halt hip ist derzeit (also die letzten dreißig Jahre). Auch der schwule Sex, der da beschrieben wird, hält mich nicht bei der Stange, so iterativ ist er. Da wird geblasen und gefickt und dann nackt rumgehangen. Passiert. Wenn man will, kann man Sexszenen auch schöner schreiben. Tatsächlich aber berührt mich die Entwicklung der Figuren über ihre Grenzen hinaus, “pushing the envelope” nennt der Autor das, dieses leichte Vortasten über den Rand der Komfortzone hinweg.

Ich mache das schon lange nicht mehr. Ich habe mich eingeigelt, mich wieder zurückgezogen. Nach all den Fortschritten im letzten Jahr, nach all der Energie, die ich mobilisiert habe, bin ich wieder in meinem Trott gefangen, in meiner Miesepetrigkeit, in meiner Kraftlosigkeit. So sehr, dass ich da echt keinen Bock mehr drauf habe.
Gutes Zeichen, sagt der Bock in mir, aufwärts gehts. Mit jedem Tag, da nicht mehr Selbstmitleid rumhampelt und alle Energie verbraucht, kann vielleicht ein Tag für Konstruktives genutzt werden. Vielleicht doch endlich mal das erste Video machen, das ich jetzt seit Monaten vor mir herschiebe. Vielleicht endlich mal die Homepage erneuern. Vielleicht, vielleicht. Die Liste ist lang. Freunde anrufen, steht ganz oben.
Was soll ich da sagen: Hallo, ich bin immer noch nicht weiter, aufwiederhören? Ich spreche ja doch nur wieder über mich und die beschissene Arbeit, die mir das Letzte abverlangt. Leider nur meinen letzten Nerv, nicht meine Aufopferung oder die Grenzen meiner Kenntnisse.

Mich hält nichts mehr außer der Wut. Vielleicht bleibe ich darum im Laden, vielleicht kommt mir der Leidensdruck darum noch nicht hoch genug vor. Weil ich dort wütend sein darf, rasend vor Emotion. Weil ich mich sonst immer beherrsche, ja sogar den dümmsten Kunden gegenüber. Über die ich mich dann natürlich wieder aufrege.
Meine Frustgrenze reicht bis 12 Uhr mittags. Vielleicht ist das natürlich. Vielleicht haben sich die Kerle im Alten Wilden Westen deswegen immer mittags gegenseitig erschossen: zu Beginn des Leistungstiefs geht zuerst die Laune runter und das Aggressionspotential hoch.

Die Zeit läuft, die Winterpause ist vorbei. Lange kann ich nicht mehr jammern, bevor ich wieder einen gutgemeinten Rat bekomme, der heißt: ändern oder Maul halten. Am besten beides.

Wachstumsschmerzen

Was alles andere betrifft, bin ich nicht sicher. Wie sollte ich auch, denn mal wieder bricht alles um mich auseinander, alle meine Wahrheiten entpuppen sich als potemkinsche Dörfer, alle Fassade platzt ab, während ich zusehe und zusehends erstarre. Denn meine Wahrheiten, stelle ich fest, sind nicht mehr als Pappmaché und Holzverschalung, Schmuckdekor und Realitätsimitat. Mein Leben ist irgendwas künstliches, stelle ich fest, und unter dieser Lackschicht, stelle ich weiter fest, ist irgendwas, das ich nicht anfassen, geschweige denn sehen will.
Ich habe zu kämpfen damit, dass ich erwachsen werden muss, seit zehn Jahren, vielleicht schon länger habe ich mit dieser Adoleszensierung zu tun, die ich nicht hinter mir lassen kann, egal, wie wenig ich mich auch rasiere. Mir wird zwar gesagt, dass mir Kundinnen hinterherschauen, als hätten sie schmutzige Gedanken bei meinem Anblick, zuhause bin ich aber immer noch das gleiche unsichere Kind, das sich von seinen Geburtstraumata immer noch abnabeln muss. In der Hoffnung, dass irgendwann doch noch jemand kommt und meine Unordnung für mich aufräumt wie meine Mutter früher mein Zimmer, wenn sie vermutete, dass ich irgendwo unter dem Gerümpel verschüttet worden sei, schiebe ich immer noch alles auf die lange Bank, die nicht etwa länger, sondern einfach nur voller wird. Ich habe Angst vor diesem Stapel an Dingen, die sich da auftürmen, Angst vor dem, was ganz unten begraben sein mag, Angst davor, dass alles über mir zusammenstürzt.

Und dann wieder habe ich wieder so einen Abend, an dem ich aus Versehen entgrenzt bin, zuviel Alkohol ist im Spiel, das kenne ich, da mache ich dumme Sachen. In einem anderen Leben war ich auf einem Rosenmontagsball, ich habe getanzt und getrunken und gelacht und noch mehr getrunken und noch mehr gelacht, anschließend saßen wir mit einer Hummel im Taxi und mir war so schlecht, dass ich fast ins Treppenhaus gebrochen hätte. An diesem Abend war da Felix. Ich erinnere mich nicht mehr anders an ihn als den schönsten Mann, den ich bis dahin gesehen hatte (was er nicht war); als einen Mann, der mit mir, dem deutlich älteren, geflirtet hat (was er nicht tat); als einen Mann, der mich, hätte ich mich nicht trotz (oder angesichts) meiner drohenden Alkoholvergiftung an meine Prinzipien geklammert, vor den Augen seiner Freundin geküsst hätte (was er nicht gemacht hätte). Dass ich die nächsten Tage im Bett lag, rührte nicht allein vom Alkohol und nicht von der Erkältung her, die ich mir aus all den fremden Bechern ertrunken hatte. Ich kämpfte mit mir, mit meinen Prinzipien, mit meinem Entsetzen darüber, dass ich meine Beziehung beinahe im Vollrausch über Bord geworfen hatte. Ich haderte mit mir, denn ich verstand nicht (weder tat ich es damals, noch verstehe ich heute), woher diese Anziehung kam, die sich selbst in der Nüchternheit noch als eine Sehnsucht in den Vordergrund all meines Denkens spielte, die mit der Geborgenheit meiner Beziehung nichts zu tun haben schien, denn sie war bloße Begierde nach diesen Lippen, diesem Körper, ein Verlangen nach einem Verlangen.

“Siehst Du,” das habe ich letzte Woche nach meiner letzten alkoholinduzierten Entgrenzung gesagt, “da ist keine Emotion, das ist keine Liebe, keine Herzensangelegenheit, das ist rein körperlich.” Und da erschrak ich nicht, haderte nicht, trennte nicht zwischen dem betrunkenen und dem nüchternen Ich. Mein Verstand, mein alles ausbremsender Verstand hatte sich verabschiedet, war mit den anderen Theaterleuten gegangen, die mich, ihn und sie mit vielen halbleeren Rotweinflaschen zurückließen.
Ich habe versucht, diese Geschichte anders und anderen zu erzählen. Dem Freund, der Verständnis und Besorgnis in einer heiteren Gelassenheit vermischte, weil er mich kennt und den Alkohol und die Beziehung, die ich zum Freund und zum Alkohol pflege; weil er da differenziert, wo ich es nicht will. Der Arbeitskollegin, die ich am nächsten Nachmittag ablösen sollte, die mich aber statt dessen noch zwei Stunden vertrat, während ich leichenblass und mit einem kühlen Tuch auf der Stirn im Lager zwischen den Regalen lag. Weder ihr noch der Sportfreundin konnte ich sagen, was ich herausschreien wollte, und immer noch sind meine Lippen versiegelt, ich kann nicht aussprechen, was ich fühle: diese Angst, mein Selbst unter meinen Händen zersplittern zu spüren. Zumindest konnte ich den Wein erwähnen, diese Unmengen an Wein, die ich in mich hineingeschüttet haben muss. Als sie, die Sportfreundin, diesen, genau diesen Wein getrunken habe, habe sie aus Spaß einen in einer Buntglasscheibe eingebrachten Frosch geküsst. So absurd das schien, und so absurd es auch jetzt noch klingt, so gut kann ich es mir vorstellen, sowohl bei ihr als auch bei dem Wein.

Protokollieren muss ich, soweit ich es noch im Gedächtnis habe, was geschah. Wir trinken Wein, viel und zuviel Wein, er, sie und ich. Auf der Bühne sitzen wir, die als einzige beleuchtet ist, der Zuschauerraum liegt im Dunkeln. Es könnte ein Stück sein, denke ich heute, es ist eine Szene, in der Konflikte aufgedeckt werden, eine Szene, in der ein ganzes Leben auf den Prüfstand gestellt wird und nicht besteht. Er, sie und ich, wir sitzen im Scheinwerferlicht im Dunkel der Welt und trinken Wein. Über Fremd- und Selbstwahrnehmung sprechen wir, über genutztes und vergeudetes Potential, über Intelligenz und Lebenstauglichkeit. Er macht mir leider Komplimente, weil ich ihr meine Erkenntnissplitter als Weisheiten unterjubeln kann, und Komplimenten kann ich nicht widerstehen, wenn ich angeschlagen bin. “Wie machst Du das”, fragt er, “dass Du gleichzeitig so betrunken bist und doch so klar denken kannst?” Ich weiß es nicht, sage aber trotzdem etwas, das er mir als weitere Weisheit abnimmt. Ich kann mich nicht daran erinnern, was es war, heute bin ich gewillt, an die Relativität von Klarheit zu glauben.
Die letzte Flasche ist plötzlich leer, es sind nur noch zwei Gläser Wein übrig, ihres und meins. Er hat die Wahl und nimmt mein Glas, ob ich etwas dagegen hätte, interessiert ihn nicht, er trinkt.
Stunden vorher haben wir über Homosexualität gesprochen. Über meine, denn er hat eine Freundin. Nicht anwesend, aber immerhin. Jetzt sprechen wir wieder über Homosexualität. Erst hier unter den Theatermenschen mache ich das wieder. Nirgendwo sonst mache ich das, und ich merke, wie lange ich mich doch schon wieder versteckt habe, nicht absichtlich verstellt, aber die Wahrheit anderen Menschen vorenthalten durch Schweigen, durch Aggression, durch Ablenken. Es sei kein Thema, das relevant wäre, war meine andauernde Selbstrechtfertigung, und doch ist es relevant, denn so wenig ich ausschließlich schwul und erst weit später alles andere sein wollte, kann ich ausschließlich alles andere sein und nur ganz am Rande schwul. So lange ich mit einem Mann zusammenlebe, kann ich nicht so tun, als wäre meine Homosexualität nichts, was mich nicht beträfe.
In meiner Erinnerung, die jetzt schon durch Rechtfertigung gefärbt ist, fragt er mich, wie das ist, wenn zwei Männer sich küssen. Ich ahne heute, dass diese Frage nicht ursächlich von ihm kam, sondern dass das eine Pornophantasie ist, dass ein angetrunkener Hetero-Mann plötzlich und unmotiviert Interesse an Gleichgeschlechtlichkeit äußert. Ich befürchte, dass er die Frage zwar gestellt hat, aber eher als Reaktion auf etwas, das ich sagte: “Ich fände jetzt Rumknutschen super.”

Beim Rosenmontagsball habe ich das auch gesagt, doch dann kam das Taxi und die Hummel und die Übelkeit. Beim Rosenmontagsball war alles Spaß und gute Laune und die Zukunft noch tierisch weit weg.
Letzte Woche dagegen ist fast zehn Jahre später. Ich bin fast zehn Jahre älter, die Zukunft hat längst ohne mich begonnen und ich habe nicht vor lauter Spaß an der Freude getrunken. Es kam kein Taxi und keine Hummel, wir waren immer noch zu dritt auf der Bühne, sie und er und ich. Irgendwann vorher hatten wir einen versehentlich handgreiflichen Streit, aus trivialen Gründen, sie hat ihn angeschrien und er hat mich gewürgt, woraufhin ich zurückschlug. Irgendwann vorher simulierte er eine sexuelle Belästigung an ihr, die sie nicht mitbekam, aber die Obszönität der Geste galt auch nicht ihr, dem vermeintlichen Opfer, sondern mir, dem angewiderten Beobachter. Irgendwann vorher saßen wir auf der Bühne und sprachen über die Freiheit des Geistes.
Meine Erinnerung verlangt, dass er mich geküsst hat, mein schlechtes Gewissen sagt mir, dass ich ihn geküsst habe. Wahrscheinlich waren wir beide betrunken und neugierig genug, um einander gleichermaßen küssen zu wollen. Er war überrascht und fühlbar angesprochen, sagte, dass er selten so gut geküsst worden sei. Ich war überrascht und schockiert und gleichzeitig begierig nach mehr.
“Siehst Du,” sage ich zu ihr, wie als Antwort auf eine Frage, die sie gestellt haben könnte und die doch nur meine aufbrechenden Selbszweifel sind, die ich da adressiere, “da ist keine Emotion, das ist keine Liebe, keine Herzensangelegenheit, das ist rein körperlich.” Und ich will es glauben, und doch ziehe ich ihn wieder an mich und er zieht mich an sich und wir küssen uns.

Das Verlangen nach dem Verlangen hält an. Auch eine Woche später kann ich es nicht vergessen, auch wenn ich weiß, dass es mit ihm nichts zu tun hat. Es ist etwas, das allein mit mir zu tun hat, mit dem Vermissen von etwas, das in langjährigen Beziehungen verloren gehen kann. Dem Freund habe ich von dem Kuss erzählt, es war das Erste, was ich ihm sagte und sagen wollte am nächsten Tag. Hatte ich ihn geküsst, weil ich unglücklich in meiner Beziehung oder nur betrunken war? Sollte ich, wenn es keine Rolle für unsere Beziehung spielte, es überhaupt ansprechen, denn zeigte die Erwähnung eines unwichtigen Themas nicht, dass es eben doch relevant sei? Sollte ich den Freund überhaupt mit möglichen Zweifeln an unserer Beziehung belasten, sollte ich diese schlafenden Hunde wecken? Die Arbeitskollegin hatte ich vorher um Rat fragen wollen, um eine Antwort auf meine Zweifel, doch zwischen den Regalen liegend kamen mir keine Worte über die Lippen.
Und so schleppte ich meine Zweifel mit nach Hause und ließ sie dann doch fahren. Ich erzählte ihm von dem Kuss, von dem Wein, von meinen Zweifeln. Und der Freund fragte nur, ob er sich Sorgen machen müsse, um mich oder um uns oder um ihn. Und in dem Moment, da ich antwortete, wusste ich, dass ich die Wahrheit sprach: “Das einzige, weswegen wir uns sorgen müssten, ist mein Problem mit Alkohol.”

Ich liebe den Freund, das tue ich wirklich, egal, wie piefig unser Alltag oft ist. Aber das ist eben Alltag, und dieser Alltag hat auch etwas Beruhigendes angesichts meines eher fragmentarischen Restlebens. Ich versuche, mich seit Jahren neu zu erfinden; und auch wenn der Gedanke verlockend scheint, noch einmal ganz von Neuem zu beginnen, bin ich doch klug genug zu wissen, dass alles, was mich jetzt in meinem Leben beschwert, auch Ballast nach einem Neuanfang wäre. Meiner Angst und meinen Sorgen kann ich nicht davonlaufen, wenn sie Selbstzweifel und Missmut heißen. Der Freund dagegen liebt mich bedingungslos, er verhindert nicht meine Wendungen, meine Häutungen, Wandlungen; im Gegenteil gibt er mir den Freiraum, all das auszuprobieren, ohne mich unter Erwartungsdruck zu setzen. Das ist nicht selbstverständlich, das weiß ich.

Trotzdem habe ich das Gefühl, wieder einmal, dass alles falsch ist, was mein Leben ausmacht. Ich kann nicht erkennen, was andere in mir sehen, fühle nur die Erwartungen, den Druck, der auf mir lastet. Mein Rat wird gesucht, meine Hilfe gebraucht, meine Expertise erwartet, meine Anwesenheit angefordert. Ohne mich ginge nichts, wird mir gesagt, und doch kann ich das nicht glauben, denn es ging doch schon immer ohne mich, noch nie war ich wirklich nötig, damit die Welt sich drehte. Und doch scheinen sich in letzter Zeit die Vorfälle zu mehren, dass sich da jemand für mich und kompetent ausgegeben hat. Diese Fußstapfen kann ich nicht ausfüllen, diese Lücke ist zu groß für mich.
Habe ich irgendwann angefangen zu lügen über meine Fähigkeiten? Habe ich behauptet, all das zu sein, was andere in mir sehen? Ich muss ein Lügner sein, ein Hochstapler. Dass ich das kann, weiß ich, das ist eines meiner wenigen Talente: ich bin überzeugend, wenn ich es sein muss, die Angst macht mich zum besten Erfinder der Welt.
Doch der einzige, den ich überzeugen möchte, der glaubt mir nicht. Ich kenne mich zu gut, um auf meine Lügen hereinzufallen; ich kann meine Wahrheiten nicht so sehr verbiegen, dass ich sie selbst nicht mehr erkenne. Alle Fassaden bekommen Risse und darunter erkenne ich das Flickwerk meines Kulissenbaus.
Vielleicht ist das Erwachsenwerden; das Anerkennen, dass man größer geworden ist; dass einem die Kindheit nicht mehr passt. Vielleicht ist es auch das: Fehler zu machen und anzuerkennen, dass sie auch nur Erfahrungen sind; und dass es auf den Umgang mit ihnen ankommt und nicht auf sie selbst. Vielleicht ist es auch das: nicht mehr sentimental werden, wenn idealisierte oder übertriebene Erinnerungen an die Oberfläche des Bewusstseins treiben. Vielleicht ist es auch das: mehr machen als machen wollen.

Restposten

Ganz vorbei ist es ja dann doch nicht. Nichts ist das bei mir jemals. Gedanken hören ja nicht einfach auf, und auch das Siremon-Projekt hat also nicht einfach aufgehört. Im Gegenteil erlebe ich gerade wieder eine überraschende Entdeckungslust, eine Tendenz, doch herausfinden zu wollen, was wirklich passierte in jenen letzten Tagen und Monaten auf Siremon, bevor die Welt in Flammen aufging.

Vielleicht ist das die wichtigste und womöglich letzte Aufgabe von anderswolf.de: endlich diese Krankheit von einer Geschichte zu dokumentieren, an der ich nun schon über ein halbes Jahrzehnt laboriere. Diese Geschichte von einem Jungen, der seiner eigenen Bestimmung misstraut und schließlich doch nicht anders kann, als ihr zu folgen, auch wenn sie ihn dazu bringen wird, seine Kindheit, seine Unbeschwertheit, seine Unbefangenheit für immer hinter sich zu lassen. Das ist ja auch, ohne dass ich absichtlich der Geschichte einen psychologischen Unterbau geben wollte, des Pudels Kern: dass man sich seinen Herausforderungen stellen muss, dass man irgendwann nicht mehr an der Verantwortung, die man trägt, nicht mehr vorbeischielen darf. Irgendwann nicht mehr kann. Und auch wenn die Angst noch so groß sein sollte, hilft sie nicht. Glück im Leben erreicht man nicht durch Hadern und Zweifeln und Wegsehen.

Irgendwann dachte ich, dieses Blog, das ich schon so oft und immer wieder beenden wollte, sei um meiner Selbstfindung willen zu schreiben, und um zu mir selbst zu finden. Tatsächlich ist das nicht abwegig, denn das regelmäßige Schreiben ist etwas, das ich üben und tun muss, das strukturierte Textarbeiten ist etwas, das ich lernen und vielleicht irgendwann einmal meistern muss. Doch diese Texte müssen keine Bauchnabelschau mehr sein, mussten sie noch nie. Waren sie dennoch viel zu oft. Bloggen ist ja auch Eitelkeitspflege.

Über die Jahre habe ich auch immer einen schleichenden Qualitätsverlust bei meinen Texten ausgemacht, eine Verflachung der Sprache, eine wachsende Beliebigkeit des Stils. So sehr das vielleicht auch objektiv stimmen mag, dokumentiert diese Entwicklung für mich vor allem eine abnehmende Selbstüberschätzung meinerseits bis hin zur Respektlosigkeit mir selbst und meinen Worten gegenüber. Das erleichtert positiv gesehen meine Neuerfindung und säkularisiert den Prozess des Schreibens an sich auch. Die negativen Folgen wiegen leider schwerer: durch zunehmenden Selbsthass erlegte ich mir ein Rede- und Schreibverbot auf, das letztlich zu meiner aktuellen Kreativitätsverweigerung führte. Für jemanden, der von nichts anderem als Worten leben wollte, dramatisch.

Das Siremon-Projekt unter diesen Vorraussetzungen irgendwie einzuschieben, abzuarbeiten gar, erscheint da nahe an unmöglich. Das macht es mir neben all den Plotlöchern und arbeitsunwilligen Protagonisten natürlich nicht leichter. Und dennoch kann ich es nicht vollkommen ablegen; egal wie oft ich das auch schon behauptet und versucht habe. Die Geschichte verlässt meinen Kopf nicht, so sehr ich auch versuche, nicht daran zu denken. Früher oder später kommt dann wieder ein Gedanke, der alles wieder an die Oberfläche meines Bewusstseins spült, so dass ich endlich wieder weiß, wie es weiter geht, ja weiter gehen muss. Siremon erschafft sich selbst aus mir, und ich wünschte, es schriebe sich auch so selbsttätig auf, wie es sich manchmal mitten in mein Blickfeld schiebt.

Was also bleibt, sind diese Restposten, die keine Restposten sind, sondern lange ruhende Saat, die aufgeht wie Unkraut auf einem verlassenen, nicht mehr bestellten Feld.
Meine einzige Hoffnung ist die auf eine unerhoffte Ernte.

Aus.

Dieses Gesülze, dass ich ja noch gut dran bin, so lange ich meine Niederlagen als Erfahrungen verbuchen kann, habe ich ja schon so sehr verinnerlicht, dass ich gar nicht mehr merke, wie sehr es mir eigentlich auf den Sack geht, keine Ahnung zu haben, was ich eigentlich mit eminem Leben tun will.
Immer noch. Immer noch ist es dieses “Was will ich denn mal tun?”, als ob es nicht schon so weit wäre, dass ich etwas mit meinem Leben angefangen hätte. Ich bin in mir selbst so blockiert, dass ich es gar nicht mitbekomme, wie ich mein Leben Tag für Tag damit vergeude, herauszufinden, was ich denn mal mit mir mache, wenn ich endlich aufhöre, mich zu vergeuden. Alles geht an mir vorbei, und ich bemerke es nicht, spiele mein ignorantes “zu gut für die Welt”-Spiel einfach weiter, während draußen die Sonne scheint oder der Regen alles überspült. Mir kann es ja gleichgültig sein, ich habe mich ja hier mit meinen Depressionen eingerichtet, als ob es kein Morgen, keinen Tag, überhaupt nichts mehr geben müsste.

Wieder habe ich in meinen alten Texten rumgekramt, habe mich leichtfüßig und witzig und pointiert gefunden, nicht so deprimierend schwafelhaft wie mittlerweile, wo ich nur noch Worthülsen und stakkative Pleonasmen hochwürge, die halbverdaut in meinem von allem brauchbarem Vokabular befreitem Hirn rumdümpeln. Ich hatte schon alles gesagt und konnte nicht loslassen. Kann es immer noch nicht, denn was ist das denn hier schon wieder, wenn nicht der verzweifelte Versuch, eine Normalität aufrecht zu erhalten, die vor zehn Jahren noch angebracht gewesen wäre, nun aber vollkommen obsolet, weil uninteressant ist?

Es geht nicht länger, ich kann mich damit auch nicht länger belügen. Dieses Kapitel, und sei es noch so lang und langatmig, ist einfach nichts mehr für mich. Wir sind so sehr auseinandergewachsen, die Wortwerdung und ich, dass es nichts als Überdruß bringt.