Was bisher geschah

Dass ich nicht mehr schreibe, dass ich nicht mehr wahrhaftig, nicht mehr die Wahrheit schreibe, war keine Absicht. Ich wollte ehrlich sein, nichts anderes mehr als ehrlich, nichts anderes mehr als aufrichtig, so aufrichtig, dass ich auf mein Pseudonym verzichten wollte. Ich wollte eine Maske ablegen, um ehrlich sein zu können. Seither schweige ich noch lauter als vorher.
Es ist ja nicht so, als interessiere sich jemand für meine Wahrheiten (oder meine Lügen). Ich bin kein spannender Mensch, war ich nie und bin ich nicht. Und wenn ich meine Selbstzerstörung fortsetze, werde ich es auch nicht mehr werden.
Seit Jahren schraube ich an einem Manuskript herum, baue Hintergründe aus, bin gründlich (und manchmal grob), lese und lese (und manchmal lausche ich auch nur Hörbüchern), aber ich konzentriere mich nicht mehr darauf, was wirklich, mir wirklich wichtig ist. Ich will anderen gefallen, so sehr, dass ich mich – schon wieder – in eine Position gebracht habe, in der ich meine Jonglage-Fähigkeiten anderen Zielen unterstelle. So langsam aber – das spüre ich – gehen mir Kraft und Lust aus, die verschiedenen Bälle in der Luft zu halten. Ich sehe keinen Vorteil mehr darin, mich für andere aufzuopfern. Das übliche Argument (Anerkennung) zieht nicht mehr. Denn was ist Anerkennung wert, wenn sie nicht den richtigen Dingen gilt?
Gestern vor dem Einschlafen habe ich darüber nachgedacht, was ich tun würde, hätte ich dieses Buch geschrieben, von dem ich immer noch hoffe, dass es mir ermöglichen wird, meine Freiheit von allem zu erkaufen. Was ich tun würde, wäre Geld keine Notwendigkeit, sondern einfach da. Die Antwort hat mich überrascht (und auch wieder nicht): ein Haus mit Garten – oder vielleicht eher umgekehrt: einen Garten mit Haus – wo ich mich austoben könnte. Den ganzen Tag würde ich mich um den Garten kümmern, dort gestalten, was ich hier nicht kann.
Wie albern das ist. Einen Garten kann ich auch so pachten, ich könnte ein Grundstück haben, jetzt schon, auf dem ich anbauen könnte, was ich wollte. Nur perfekt soll er sein, das ist immer meine Prämisse gewesen, perfekte Lage, perfekter Boden. Leichte Hanglage mit Ausblick in die Ferne.
Wahrscheinlich ist es eigentlich dieser Ausblick, der mir fehlt. Ich bin in meinem ereignislosen Alltag begraben, habe keine Routine mehr in meinen Angelegenheiten, priorisiere nichts mehr, weiß nicht, was ich tun soll in den nächsten fünf oder sechs Jahren. Mir graust es davor, in zehn Jahren immer noch hier zu sitzen, eine Geschichte im Kopf herumzuwälzen, die niemals mehr werden wird als ein Rohbau.
Meine Untätigkeit liegt nicht daran, dass ich keine Freiheit hätte. Es ist gerade diese Freiheit, die mich lähmt, denn ich muss sie rechtfertigen vor allen, die sie als unbotmäßig, inakzeptabel, hedonistisch empfinden. Richtig: es gibt niemanden, der mich mit diesen Vorwürfen konfrontiert. Niemand verurteilt mich – außer mir selbst.
Ich kann nicht begreifen, nicht akzeptieren, dass ich diese bedingungslose Freiheit habe (und gleichzeitig nicht nutze). Die Freiheit, mich selbst in Geiselhaft zu nehmen. Die Freiheit, mir selbst zu vergeben. Die Freiheit, mich zu lieben. Die Freiheit, mich selbst zu kasteien. Die Freiheit, alles zu tun, was ich will.
Mein Traum ist es offensichtlich, noch freier zu sein. Noch weniger darauf zu achten, was andere von mir und vor allem meinen Entscheidungen halten mögen. Ich könnte sagen: in meinem Garten wächst, was ich will und wo ich das will. Ich verstehe nicht, wie das zusammenpasst. Denn schon jetzt muss ich niemandem Rechenschaft ablegen, ich bin nur mir selbst etwas schuldig.
Nur ich bin schuld.

Sturmauge

Die Pfade in meiner Haut sind
Arme eines ausgreifenden Sturms.
In sich neigender Bahn zeichnen sie
meinen Sturz aus kreißender Zeit.

Zwischen den Horizonten
führen sie mich durch die Fremde
sich verschattender Tage
dem Ursprung der Stille entgegen.

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Beitrag im Wettbewerb „Lesezeichenpoesie“ des Deutschen Schriftsteller-Forums; März 2015; fünfter Platz von zehn Teilnehmern.

Der unsichtbare Mensch

Deiner angesichts
werde ich
lautlos, fühllos, körperlos

Im Auge meines Schweigens
verberge ich mich
angst- und zweifelvoll

Über meine Lippen
kommt kein Wort
aus meinen Augen
kein Gedanke

Eine Berührung nur
eine Umarmung

Ich falle
in Deine Arme
bin daheim
bin da.

Ewigkeiten

wie lang
denkst du
ist lang
genug

Frühlingssturm

Vogelfederschlag
Blütenblätterwirbel

alle Uhren stehen still

wie dramatisch
denkst du
und wendest dich
doch nicht ab

Regentropfenfall
Blitznarbenfirmament

alle Uhren stehen still

wie lange
denkst du
ist lange
genug