ANDERSWOLFFORTSCHREITUNGEN
Weil Stehenbleiben auch nicht hilft.
Wachstumsschmerzen. Ende einer Ära. | 10.12.11 | Usus operi

Seit ich schreiben kann, schreibe ich.
Gedichte, Fragmente, Aspekte meiner Tage und Nächte. Schreiben ist so sehr zu einem Teil meiner Person geworden, dass ich nie daran gezweifelt habe, zum Schreiben geboren zu sein, zu nichts anderem geeignet als Schriftsteller zu sein.

Die Erkenntnis, dass eine solche Grundsicherheit, ein so wichtiger Aspekt meiner Identität falsch ist, hat mich erschüttert, so sehr, dass ich allem Alten, das im Schlaglicht der neuen Perspektive fremd und unvertraut aussah, entfliehen wollte. Ich wollte fort, nur fort, ohne Ziel, nur irgendwohin, wo die einstige Sicherheit noch gültig sei. Doch so einen Ort gibt es nicht. Kann es nicht geben. Ich hätte die Wahrheit nur vor mir verstecken, mich an mir selbst aufreiben und den Impuls der Erkenntnis unterdrücken können, um dann noch mehr Jahre später festzustellen, dass ich den größten Teil meiner Kraft auf einen Traum verwendet hätte, dem ich entwachsen war.

Autor zu sein, heißt Geschichten erzählen, unterhalten zu wollen. Schreiben, richtiges Schreiben ist harte Arbeit; ein Schriftsteller, noch dazu einer, der Erfolg haben will, muss konzentriert an seinen Texten arbeiten, selbst wenn er keine Lust darauf hat, selbst wenn er angeschlagen, müde, traurig, abgelenkt, uninspiriert ist. Er schreibt nicht aus einer Laune oder Inspiration heraus, sondern weil er dafür und davon lebt.

Ich kann das nicht, ich habe das nicht gelernt, ich weiß auch nicht, ob ich das wirklich lernen will oder kann. Ich bin notorisch unkonzentriert, unfokussiert, kein konsequenter Schreiber, kein disziplinierter Mensch. Ich schreibe inspirations-, situationsgetrieben, brauche den Schreibfluss, aus dem heraus ich erst schreiben kann. Und wenn sich dieser Zustand nicht einfindet, dann bin ich zwar nicht glücklich, schreibe aber eben auch nicht.
Richtige Geschichten habe ich auch nie geschrieben, immer nur Erkenntnisse, Erlebnisse, Meinungen, Momentaufnahmen, Fragmente und Aspekte meines Lebens festgehalten. Und auch, wenn ich mit Sprache gut umgehen kann und ich wahrscheinlich auch einen eigenen Schreibstil habe, reicht das doch nicht für ein Leben als Schriftsteller, es qualifiziert nicht für einen Beruf, der mir so lange als mein natürlicher Lebensweg erschien.
Die Erkenntnis ist schmerzhaft. Und beängstigend. Aber eben auch befreiend. Denn dass ich kein Schriftsteller bin, heißt ja nicht, dass ich das Schreiben aufgeben muss.
Die Erkenntnis nimmt mir lediglich den Druck, mit dem, was ich schreibe, erfolgreich zu sein. Gefühlt habe ich diesen Druck nämlich immer, Erfolg hatte ich dagegen nie. Denn wie auch, wenn ich nur für meinen Selbsterkenntnisgewinn schreibe und nicht für den Erkenntnisgewinn potentieller Leser.

Das Schreiben hat mir viel Kraft gegeben, hat mich emotional und psychisch stabilisiert und weitergebracht, es hat mich Ordnung in meinem Chaos finden lassen. Und es hat mir zuletzt eben auch gezeigt, dass ich mich mit meinen Traum vom Schriftstellersein lange Zeit davon abgehalten habe, meinen eigentlichen Weg zu gehen. Ich habe lange Zeit gedacht, ich sei angekommen.
Dabei bin ich nur stehengeblieben.
Nun gehe ich weiter.