Später

Später, einen Tag, einen Monat, ein Jahr später. Die Zeit verliert sich im Starren aus Fenstern, im Hoffen auf Wunder. Die Zeit ist vergangen vor Langeweile. Sie wartet nicht mehr darauf, dass du erwachst, die Augen öffnest, siehst, was vor dir liegt. Die Zeit ist fort. Zurück bleibst du mit leeren Händen, leerem Herzen. Nichts kehrt je zurück, denkst du und weißt, dass es stimmt und doch nicht stimmt. Wie alles eine Wahrheit ist und gleichzeitig eine Lüge. Deine Wahrheiten sind Nebel, der aus fernen Bäumen steigt. Deine Lügen sind sinnloses Paddeln in der Mitte des Meeres. Der nächste feste Boden, die einzig erreichbare Wahrheit ist der Grund unter dir und den wirst du lebend nicht erreichen. Verloren bist du. Schlägst nur aus Trotz noch mit den Beinen. Gib auf, lass dich sinken, atme aus, sieh den Luftblasen zu, die von dir fort, von der Dunkelheit fort aufsteigen ins ferner werdende Licht. Nichts kehrt zurück, ist der vorletzte Gedanke. Der Schmerz in den Lungen überwältigt dich, und dann ist da - ganz kurz, zu spät - die alte Angst, die dich am Leben halten will. Du öffnest den Mund. Wasser, salziges, kaltes Wasser füllt deinen Rachen, deine Lungen. Das letzte, woran du denkst, ist der Geschmack von Tränen.

Du hast wieder geweint im Schlaf. Die Kissen aus dem Bett geworfen. Dein Körper verfangen in der Decke. Alles tut weh. Jede Bewegung. Das Licht. Die Laute der Straße, Autos, Menschen, Baustellenlärm. Alles beißt sich in deinen Körper. Schließt du die Augen, spürst du noch die Wellen wogen in deinen Lungen. Spürst das lichtlose Dunkel, in dem irgendwo richtiger, fester Grund sein muss, unzählige Faden tief. Du kannst nur liegen, an das Wasser denken und an die Angst, niemals mehr irgendwo anzukommen, wo du atmen kannst, leben kannst ohne den Geschmack von Salz auf den Lippen. Dann steigt erneut alles empor in dir. Die Wellen werden wütender Sturm und ziehen dich wieder hinab. Du kannst nicht anders als versinken.

Später, Jahre später, Tage später, immer noch tanzen Flecken vor deinen Augen, wenn du den Kopf zu schnell drehst. Jemand spricht. Du stehst am Fenster. Siehst hinaus. Willst das Dunkel nicht mehr spüren, auch wenn es dich deinen Grund kostet. Die Narben auf deinen Armen, wo das Meer herausbrach, sind noch nicht verheilt. Die Stimme sagt wieder etwas. Du siehst aus dem Fenster. Legst deine Stirn an das Glas. Kaltes Glas, das unter deiner Berührung langsam warm wird. Nicht unangenehm ist das, aber kalt war besser. Kalt ist immer besser.
„Was sehen Sie?“ Die Stimme gibt nicht auf. „Menschen. Meer. Autos.“ Vor dem Fenster ist leerer Park. Herbst hat die Blätter von den Bäumen genommen. Du siehst nicht hin. Schließt deine Augen. Versuchst irgendetwas zu fühlen, das nicht Glas ist, aber da ist nichts. „Was sehen Sie wirklich?“ Als ob das jemanden interessierte. Als ob das wichtig sei, als ob irgendetwas wirklich sei. „Ich weiß, Sie glauben, ich wäre hier, um Sie zu quälen, zu überwachen oder um herauszufinden, ob Sie verrückt sind. Ob wir Sie hierbehalten sollen.“ Die Stimme wird leiser, geht im anschwellenden Rauschen des Meeres unter. Du spürst das Ziehen deiner Fingerspitzen am Schorf der Wunden. „Ich bin hier, um Ihnen zu helfen.“ Wo ist der tiefe, dunkle Grund? Du fällst. Das Meer ist dunkler diesmal, nicht graugrünes Blau, sondern rostiges Braun. Herbst, denkst du noch, dann fließt wieder Schwärze über deine Augen und trägt dich fort.

„Wie geht es Ihnen heute?“ Es ist ein Mann. Jetzt erst, Wochen später siehst du, es ist ein Mann. Er hat kurzes braunes Haar, an den Schläfen leicht grau. Falten um die Augen, die er sich ins Gesicht gegraben hat, damit du denkst, er lache viel und sei freundlich. „Sie sind ein Mann.“ Er lächelt nicht, sagt nichts, wahrscheinlich wusste er es schon. Er schreibt etwas auf. „Beantworten Sie bitte die Frage. Wie geht es Ihnen heute?“ Er schreibt alles auf. Wenn du nichts sagst, schreibt er eben das auf. Um sich nicht zu langweilen vielleicht. Um das Kratzen des Stiftes auf dem Papier zu hören und nicht das Brüllen des Sturms in seinem Kopf. „Hören Sie das auch?“ Er antwortet nicht. Vielleicht hört er den Sturm nicht, nicht deine Frage. Vielleicht ist das Kratzen des Stiftes lauter als deine Stimme. Vielleicht interessiert er sich auch nicht für dich. „Wie geht es Ihnen heute?“ Seit Wochen geht das so. Du legst dein Gesicht in deine Hände. Kalt sind sie. Eiskalt wie das Meer. Bevor die Handflächen deine Augen bedecken, fangen die Narben deinen Blick. Rote lange Striemen. Du hältst die Luft an. Spürst, wie Übelkeit in dir aufsteigt bei der Erinnerung an das Weiß der Knochen unter der Haut. Das Weiß, das so lange zu sehen war, bevor Blut floss, Minuten, Stunden, Jahre vielleicht. Das Weiß hat sich in deine Netzhaut gebrannt. Selbst jetzt, da du die Handflächen gegen die Augen drückst, siehst du es vor dir, bar allen Fleisches. Das Weiß vor dunklem Grund. Dann wirst du ohnmächtig.

Später lassen sie dich gehen. Das Rot der Narben ist ausgeblichen. Das Tosen der Brandung ist dem Schlagen deines Herzens gewichen. Du hast ihnen von deiner Leere erzählt. Vom Dunkel, das in dir schläft. Du hast behauptet, das Meer zähmen zu können. Hast gesagt: „Ich will leben.“ Hast gespürt, dass es eine Wahrheit ist, vielleicht deine. Sie haben dir geglaubt. Der Mann mit den grauen Schläfen hat es aufgeschrieben. Irgendwann glaubst auch du die Lüge. Willst sie glauben. So wie die Menschen an dem Ort sie glauben wollen, wird dir klar. Sie wollen sie wie ihre eigenen Lügen glauben, damit sie glücklich sein können. Was ist das für ein Leben, denkst du. Zu wissen, dass nichts wiederkehrt. Trotzdem weiterzugehen, das Dunkel im ungeschützten Rücken. Zu hoffen, dass die wiederkehrende Flut dich nicht doch noch verschlingt. Aber wenn es macht, dass sie aufhören, dich zu fragen, wie es dir geht, dann überzeugst du sie davon, dass alles gut ist, dass das Meer sanfter geworden ist, dass der ferne Grund nicht mehr an dir zieht. Eine schöne Vorstellung ist das. Eine schöne Vorstellung, die du da gegeben hast. Fehlt nur der Applaus. Fehlt nur der sich senkende Vorhang.

Später, Sekunden oder Monate später wird es zum wiederholten Mal Herbst. Du hast eine Arbeit gefunden, die nichts in dir berührt. Menschen sind da, die kommen und gehen, mit dir sprechen wie mit Haustieren oder Kindern. Wie sie alle gedankenlos reden und nichts sagen. Du packst deine Sachen. Willst fort von den Menschen, die so sehr überall sind. „Was machst Du heute Abend noch?“ Die Frage erschreckt dich, keiner der Menschen hat bislang so mit dir gesprochen. Als ob wichtig sei, was du antwortest. Dass du antwortest: „Nichts. Nach Hause. Schlafen.“ Du ziehst die Jacke an. Schulterst die Tasche. Gehst, doch der Mensch kommt mit. „Ich dachte. Vielleicht möchtest Du. Könnten wir. Vielleicht. Was meinst du?“ – „Was meinst du?“ Es interessiert dich nicht. Du willst nach Hause, willst das erste Mal wirklich nach Hause. Während der Mensch immer noch spricht, läufst du schneller. Änderst die Richtung, nur fort vom Menschen, doch der Mensch folgt. „Warte, ich bringe dich heim. Wo wohnst du?“ Du drehst dich nicht zum Menschen um. „Nein. Danke. Nirgends.“ Du rennst bald. Spürst deinen Puls. Dein Herz. Deine Lungen. Du fliehst weiter. Schließlich, endlich, bist du wieder allein, weißt nicht wo, irgendwo, auf der falschen Seite der Gleise. Du hörst das Rauschen wieder. Angst vor dem Dunkel steigt auf, doch es ist nur der Zug, der bald den Bahnhof erreicht. Dein Zug. Du fängst wieder an zu laufen. Du rennst wieder, du rennst quer über die Gleise.


Beitrag für den DSFo-Wettbewerb "Zehn Tage, zehntausend Zeichen" 2013 zum Thema "Quer über die Gleise" unter Berücksichtigung eines Zitats von Thomas Bernhard:

Die Wahrheit, denke ich, kennt nur der Betroffene, will er sie mitteilen, wird er automatisch zum Lügner. Alles Mitgeteilte kann nur Fälschung und Verfälschung sein, also sind immer nur Fälschungen und Verfälschungen mitgeteilt worden.

Platzierung vergessen. Die Nominierung für den Preis der Jury mit drei weiteren Texten lässt allerdings auf einen nicht ganz schlechten schließen.

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