Kokon

entgegen dem Horizont
stürzt schon die Sonne
der Blauregen träumt
Risse durchziehen das Haus
Flieg, Bläuling, oder stirb

Mittags verwelken nun schon die Tage des Sommers. Hoch oben bergen die Zweige des Blauregens einen späten Kokon. Darin ein Mögliches schlafend zwischen Nicht-Mehr und Noch-nicht. Hoffentlich träumt es nicht vom Fliegen unter klarem Himmel, denn Wolken beschatten die Pergola.
Alle sieben Jahre, heißt es, erneuern sich alle Zellen des menschlichen Körpers, alle sieben Jahre, heißt es, sind wir ein neuer Mensch. Könnten wir doch auch unsere Narben ablegen, doch dieses Korsett können wir nicht aufschnüren.
Als hätte ich nichts Besseres zu tun, liege ich auf der heißen Terracotta, starre durch das Blättermeer hinauf in den Azur. Bald wird der Bläuling wohl schlüpfen. Nektar des Blauregens wird seine Nahrung sein, Knospen künden zweite Blüte. Tagsüber wird der Wind mit dem Bläuling spielen, nachts werden die Äste dem Bläuling eine Ruhestatt bieten, und am Ende des Sommers kommt der Herbst und der Bläuling wird sterben.
Und dann, spätestens, werde ich mich in die steinerne Hülle zurückziehen, in der ich geboren wurde.

ich bin das Kind der Wilden Jagd
der Kaltschmied stanzt mir
seine Tränen ein
ich lebe als eisigen Leibes
bittere Frucht

Vater hat Mutter geliebt. Dieses Haus hat Vater für Mutter gebaut. Die Robinie in der Mitte des Gartens hat Vater für Mutter gepflanzt. Vor meiner Geburt glaubte Vater, ich sei der fleischgewordene Beweis seiner Liebe zu Mutter.
Doch als ich mitten im Winter Mutter in die Wehen trieb, Mutter in das Geschrei der Raketen einfiel, und im Morgengrauen nur noch mein Herz schlug, erkaltete Vater. Mir vergab er nicht den Mord an ihr, ihr vergab er nicht, dass sie mir, nicht ihm ihr Leben geschenkt hatte.
Woraus wohl besteht der Kokon des Bläulings? Schmetterlingsspucke und Raupenhaut? Das Netz um mein Herz ist gewoben aus Tränen und Blut, Schlägen und Brüchen und Schmerz. Manchmal zieht es sich auch heute noch zusammen, raubt mir Atem und Sinne, und lange dauert es dann, bis ich wieder stehen kann. Als hätte ich nichts Besseres zu tun.

der abgebrochene Zweig
treibt neue Blüten
ich habe Eisblumen geschnitten
in Scherben liegen alle Vasen
die Sonne schwelt unterm Horizont

Die ersten Jahre meines Lebens gingen über mich hinweg wie eines dieser Gewitter, die kurz vor dem Frühjahr noch einmal den Winter über das Land legen. Ich finde nirgends eine Erinnerung daran. Dann aber ein Foto meiner Einschulung: ganz rechts in der hintersten Reihe ein dürres Kind, schwarzhaarig, hohläugig, in abgetragener Kleidung, das einzige ohne Schultüte.
Die Hülle des Bläulings schaukelt in der windlosen Welt. Regt er sich etwa? Will er heute noch schlüpfen? Wird er sich wie die Seele eines Toten seinem Sarkophag entwinden? Ich werde warten und, als hätte ich nichts Besseres zu tun, ihn beobachten.
Neben mir auf den Bildern ab der zweiten Klasse rotwangig, blauäugig, flachsblond: Mat. Von Jahr zu Jahr wechseln wir die Position im Bild, doch immer wieder: Mat an meiner Seite. In der fünften Klasse legen wir breit grinsend einander die Arme um die Schultern, wie wir es von den Halbstarken aus dem Fernsehen kennen. In der sechsten Klasse wachse ich Mat davon, in der siebten hat er mich wieder eingeholt. In der achten Klasse trennt uns ein Mädchen. Alle drei sehen wir unglücklich aus.

wir waren zwei Königskinder
folgten den Feuern über dem Moor
verloren einander im Dunkel
du bist mein Licht
ich bin dein Schatten

Mat und ich waren Blutsbrüder von Anbeginn, denn am Beginn unserer Freundschaft standen Streit, ein Kampf und eben: Blut. Noch bevor aber die Wunden, die wir uns gegenseitig zugefügt hatten, Zeit hatten zu heilen, konnte uns nichts mehr trennen. Wir wuchsen auf zusammen und ineinander wie zu eng gesetzte Bäume. Und dann stand plötzlich sie zwischen uns.
Öffnete ich, als hätte ich nichts Besseres zu tun, den Kokon vor der Zeit, was geschähe? Verkümmerte der Bläuling und stürbe, oder schlüpfte er trotzdem, schwach und unfertig, leichte Beute für die Vögel? Oder erstarkte er erst recht unter den widrigen Bedingungen?
Als ich aus Mats Leben fiel, entglitt ich mir selbst. Wechsel vom Gymnasium auf die Realschule mitten im Schuljahr. Abschluss mit miserablen Noten. Schreinerlehre dank Vaters Beziehungen. Alkohol und andere Drogen, Streit mit dem Chef, Schulden und schlechte Gesellschaft. Das einzige, was ich gerne lernte in dieser Zeit: Vater mochte sich weigern, mir Geld zu geben, andere Männer in seinem Alter bezahlten mich gern.

Hungriger Narr unter Waffen
mir starben die Brüder im Blute
Eis wuchert im Herzen
das fallende Herbstlaub
hat mir Haut und Seele zerfetzt

Mit 21 trotz allem Zeitsoldat, Vater stolz: "Habe ich doch einen Sohn gezeugt!" Kosovo, Mazedonien, Dschibuti, Kongo, Kuwait, Sudan und immer wieder Afghanistan, vor jedem Einsatz ein Hieb auf die Schulter: "Guter Mann!" Was Vater nicht hat zerschlagen können, hielt er für unzerstörbar.
Was auch immer ich im Krieg gesucht haben mochte, ich habe mehr und noch mehr verloren. Kameraden, Freunde, einen Geliebten, schließlich mich. Die Mühlsteine der Gewalt haben alles zermahlen, nichts konnte ich mehr halten außer dem Blut, das allem anhaftete, auch mir.
Den Bläuling hält nun auch nichts mehr. Aufwerfen, Ausstülpen, Ausziehen, Wiedergeburt in Zeitlupe, schrecklich langsam, unerträglich spannend. Ich könnte aufstehen, hineingehen, ein Glas mit Eiswürfeln und Wasser füllen, einen Spritzer Zitronensagt dazu. Selbst die Neige könnte ich schon geleert und mich wieder in die verblassende Mittagshitze gelegt haben, du wärst immer noch gefangen. Als hätte ich nichts Besseres zu tun, bleibe ich aber, blinzle nicht, starre nur auf den schuftenden Schmetterling. Seine Anstrengung ist genug für uns beide.

ich träume von blaueren Himmeln
durch Druck erst blüht der Saphir
der Schatten verblasst
mich hält keine Fessel
nur deine Hand

Nun sitzt er da, der Bläuling, pumpt Blut in Leib und Flügeladern. Er ist erschöpft, still entknittern sich die Flügel, gemächlich entfaltet sich seine Pracht. Hielte ich mein Ohr an seinen Leib, was hörte ich? Ein Knistern wie von Flammen in sternkalter Wüste? Das dunkle Dröhnen explodierender Bomben am Stadtrand? Oder das zufriedene Summen der harmlosen Zukunft eines Tagtraumtaumlers: Augenblicksblinken von Glück im Vorüberwehn.
Ich kehrte heim in Vaters Haus, baute die Pergola. Vater war dagegen, wagte aber nicht die Konfrontation mit dem Fremden, das mich in meinen Blutjahren durchwuchert hatte. Gemeinsam setzten wir den Blauregen. Während die Pflanzen wuchsen, zerwelkte der Vater. Drei Jahre pflegte ich seinen Körper aus Spinnweb und Asche, als hätte ich nichts Besseres zu tun, dann legte ich ihn in das Grab, in das ich schon Mutter gebracht hatte.
Mir kondolierten Weggefährten des Vaters und am Ende ein Mann meines Alters. Blauäugig, flachshaarig, blass, nervös. Ich wusste selbst nicht, was sagen. So schwiegen wir eine Welt vor dem Loch in der Erde. Als Mat seine Hand in meine legte, weinte ich das erste Mal seit Jahren.

gesellig wachsen die Maiglöckchen
wir verlassen die Umlaufbahn
das Herz eine heilende Wunde
die Götter kannten einen
Ikarus nannten sie ihn

Wie findet man über eine Distanz von 20 Jahren zurück? Tastend.
Mat war vor allem: fad. Ungebrochener Lebenslauf, Jurist einer Mittelstandsbank, seit der Scheidung kein nennenswertes Privatleben mehr. Der strahlende Halbgott meiner Erinnerung entpuppte sich als Gipsfigur mit Rauschgoldbesatz.
Mat war aber auch: neugierig. Wie ein Forscher kartografierte er meine Abgründe, meine Schattengeschichten erregten sein lichtes Gemüt. Er unterschätzte den Preis, den ich für meine Finsternis gezahlt hatte.
Mat war: hungrig. Gemeinsam feierten und tanzten wir, flogen mit Gleitschirmen, ritten durch die Karpaten, wanderten im Atlas, umsegelten Feuerland. Schließlich zog Mat zu mir, erst in ein eigenes Zimmer, bald in mein Bett.
Mat war vieles, aber nicht: prüde.
Die Sonne hat die Wolken überwunden, und im Gegenlicht habe ich den Bläuling aus den Augen verloren. Als hätte ich nichts Besseres zu tun, suche ich ihn. Das Gefängnis seiner Jugend hängt sturznah am Ast, doch er selbst? Sitzt er noch im Blauregen, trocknet seine Flügel voller Vorfreude auf den Jungfernflug? Wohin ist er verschwunden?
Da! Eine blauschillernde Bewegung, aufwärts durch die Zweige, dem Locken des Lichtes folgend.

unter dem Horizont
verblassen die Sterne
der Schatten
den in die Welt du wirfst
bin ich

Die Triebe des Blauregens blockieren Wasserrohre, zerbrechen Dachziegel, verbieten Gerüste. Hegt man ihn nicht, vernichtet der Blauregen, was ihn hält.
Mat ist fort. Alle Abenteuer dieser Welt konnten seine Lebensgier nicht befrieden und - so sehr mich das schmerzt - auch ich nicht. Meine Warnungen schlug er in den Wind, zu viel schon, sagte er, habe er versäumt von dem, was er Leben, mein Leben nannte. Ich schalt ihn einen Narr, keine Angst vor dem Absturz zu haben, er nannte mich einen Feigling. Wir zerlebten uns, und je mehr ich ihn halten wollte, umso mehr schlug ich ihn in die Flucht. Am Ende ging er heimlich nachts fort und kehrte erst im Morgengrauen zurück. Und dann eines Tages nicht mehr.
Dem Bläuling neide ich die selbstvergessene Schwerelosigkeit. Das Sterben, dem er entgegentaumelt, ahnt er nicht, nur die Freiheit einer sich ihm öffnenden Welt. Ich beneide ihn, denn er fürchtet nicht Leben, nicht Tod.
Wir werden gezeugt und geboren, wir wachsen auf und heran, wir lernen sprechen, wir krabbeln und gehen, wir springen und tanzen, wir fallen hin und stehen wieder auf, bis wir, als hätten wir nichts Besseres zu tun, für immer liegen bleiben und verstummen.

ich stürze aus dem Zenit
Bläuling reitet den Wind
Risse durchziehen mein Haus
in der Dämmerung
brechen die Knospen auf


(Nachrtäglich überarbeiteter) Beitrag für den DSFo-Wettbewerb "Zehn Tage, zehntausend Zeichen" 2019, Thema "(Un)Haltbare Gegenwart" unter Berücksichtigung zweier Zeilen des Gedichts "Die gestundete Zeit" von Ingeborg Bachmann:

Die auf Widerruf gestundete Zeit
wird sichtbar am Horizont.

Geteilter zweiter Platz in der Publikumswertung.

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