Gräber

Wie sie da stehen in der verbrannten Ebene: mechanische Präzision vor flirrendem Horizont. Die Steuereinheiten aus den Korpora der Antriebseinheiten strebend, einander zugewandt, über die Luftschleusen verbunden. Die Grablöffel – Händen gleich – wie zur Umarmung erhoben, die Schreitausleger in den steinernen Boden gebohrt.

Adam besaß ein Buch, darin zeigen zerfallende Seiten Menschen, Tiere, Gebäude und Landschaften der Erde, nutzlose Karten und Klimatabellen, Kunst und Künste verlorener Kulturen. Adam besaß viele Bücher, gefüllt mit Erinnerungen an eine untergegangene Welt, die ihm immer unerreichbar bleiben musste. Mir, dem Konstrukt einer neueren Zeit, sollten diese Bücher noch weniger als Adam bedeuten. Dennoch steht eines davon in meiner Sammlung. Darin eines meiner Lieblingsbilder: zwei Liebende in ewiger Umarmung, die Lippen in untrennbarem Kuss verbunden.
Das Buch erlaubt mir, einen Adam zu entdecken, den zu berühren zu seinen Lebzeiten mir niemals gelungen wäre. Allerdings verrät es mir nicht, warum Adam während des Feuers seinen Gräber verlassen hat, um in die Ebene hinabzugehen.

Es gibt schmutzige, schmerzvolle Tode. Diese Tode, diese Toten sind lehrreich, gleichzeitig aber erschweren sie es, in den Überresten den Menschen zu erkennen. Ein anderer, sauberer Tod hat Ask gefunden: er ist erstickt. Trotz dreifacher Sicherung ist die Sauerstoffpumpe seines Schlafmoduls ausgefallen. Um ihm eine letzte Ruhestätte zu schaffen, reicht es, die Tür zu versiegeln.
Die ungenutzten Vorräte werden die Überlebenden in der Gemeinschaftssphäre bekommen. Die Sicherungen funktionieren noch, ebenso ein Großteil der Verbinder: sie sind – wie das Energiemodul – für mich.
In der Antriebskammer herrscht ein steter Wechsel zwischen Hell und Dunkel. Das Umwälzen der Matrix des Energiemoduls taucht den Raum in changierendes Zwischenlicht. Sobald aber die Verbindungen gekappt sind, kommt die Matrix zur Ruhe, das Rauschen der Pumpen verstummt, alles wird finster, alles Leben fern. Diese Stille, nachdem das letzte Geräusch verklungen, alles Licht erloschen ist, und bevor das Notsignal der Lebenserhaltung einsetzt: diese Stille erst markiert den wirklichen Tod. Von nun an werden die Menschen Ask vergessen.

Der Puls des Energiemoduls, der Wechsel von Schwärze und Licht, korrespondiert mit dem menschlichen Herzschlag. Ein Herz nannte Rangi das Energiemodul ihres Gräbers. Sie nahm an, die Ingenieure hätten sich bei der Konstruktion von der Ahnung leiten lassen, dass die Menschen in ihren Gräbern sich nach dem Anblick von etwas Lebendigem sehnen würden. Dass der stetige Rhythmus eines Herzschlags die Einsamkeit der Menschen lindern könnte. Rangi hat es nicht gerettet. Als sie starb, war ihr Körper über Kabel mit dem Maschinenherz verbunden.
In der Antriebskammer meines Gräbers meine bisherige Beute: siebenundvierzig Energiemodule, die aufleuchten und sich wieder verschatten, stete Lichtgezeiten. Siebenundvierzig, bald achtundvierzig Herzen, die im Gleichklang schlagen. Jedes neue Herz verwirrt die Übrigen für eine Weile, jedes neue Herz bringt die Übrigen aus dem Takt. Mit der Zeit aber gewöhnen sie sich aneinander, ihr Puls gleicht sich an, Ruhe kehrt ein. Siebenundvierzig, bald achtundvierzig Energiemodule an den Wänden der Antriebskammer meines Gräbers, in der Mitte – als einziges lichtlos – das Energiemodul, das meinen Gräber antreibt.

Menschenähnliche Figuren bevölkern Asks Wohnmodul. Ask hat sie aus jenen Steinen gearbeitet, die zu weich und damit für die Fabriken ungeeignet waren. Einige der Figuren scheinen im Tanz erstarrt, andere haben den Kopf erhoben, wie um zu singen, wieder andere umschlingen einander wie im Kampf. Alle haben sie langgezogene Gesichter und leere Augen. An manchen Stellen hat Ask den Stein poliert, an anderen sind die Bruchkanten unberührt.
Es ist zu spät, Ask zu fragen, was bearbeitet und was erhalten werden muss. Er kann nicht mehr lehren, wie zu erkennen oder zu entscheiden ist, welche Figur aus dem Stein befreit werden will. Mit ihm ist auch seine Kunst gestorben.
Während die Lebenserhaltung unermüdlich vor dem strukturellen Versagen der Außenhülle und dem damit verbundenen Druckabfall warnt, erschwert mir die Schönheit jeder einzelnen Figur die Entscheidung für eine einzige, obwohl Platz genug für alle in meiner Sammlung wäre. Schließlich fällt meine Wahl auf einen Sänger aus der zweiten Reihe, dessen grob gearbeiteter Oberkörper mit den erhobenen Händen und dem detailreichen Gesicht dem unbehauenen Stein zu entwachsen scheint.

Auf dem Weg zurück: noch eine Figur, menschengroß, aus hartem, schimmerndem, unbekanntem Material. Kein Tänzer, kein Sänger, die Figur steht still. Der Körper realistisch, doch der Kopf, wie eine Maske aus gebrochenem Erz, ohne Gesicht.

Zurück in meinem Gräber warte ich nicht auf das Ende der Abdocksequenz, bevor ich die Motoren starte. Dem Autopiloten nenne ich mein nächstes Ziel, die Gemeinschaftssphäre.
In meinem Wohnmodul betrachte ich meine Sammlung: ein ausgestopfter Vogel, ein Sextant, ein Ring, ein Kistchen, verschlossen aus Holz. Ich will Asks Figur zwischen die Glocke und den Stab stellen, doch meine Hände sind leer. Auf meiner Flucht habe ich den Sänger verloren. Zurück kann ich aber nicht mehr.


Neufassung von Glossar/Cavator.

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