Das Arrangement

Wiederkehrend seither war die Dunkelheit, die alles auslöscht bis auf die Erinnerung an Stimmen, die sich in meine Gedanken, an Nadeln, die sich in mein Fleisch bohren. Bruchteile von Sekunden nur die Dunkelheit, deren Zerfasern jenem ersten Erwachen nach Abschluss des Arrangements gleicht: Schwärze, sich in das Rotgold eines neuen Morgens auswaschend. Die Gezeiten der Dunkelheit sind Teil des Arrangements, das ich traf in jenem Herbst, als ich sechzehn war. Als sie mir damals geboten zu folgen, ging ich mit ihnen, nicht als hätte ich eine Wahl gehabt. Ich ging mit ihnen, wie der Herbst dem Sommer folgt. Weil alles andere unmöglich gewesen wäre.

Das Arrangement änderte alles. Danach kannte der mittelmäßige Schüler, der lieber aus dem Fenster als zur Tafel sah, plötzlich alle Antworten. Danach genügte die Schule nicht mehr, die Heimat war zu klein, die Eltern zu ängstlich. Also verließ der Junge, der alles wusste, alles was er kannte, um die eine Frage zu finden, die er nicht würde beantworten können. Doch nichts, was er fand, konnte ihn halten. Ihn hingegen fand immer wieder die alles verschlingende Dunkelheit, immer wieder fand mich das Rotgold, mit dem die Welt zurückströmte in meinen Geist.
In der Dunkelheit hörte ich ihren Ruf, dem Folge zu leisten ich hatte. Sie riefen und ich folgte, über alle Jahre seither waren sie die einzige Konstante in meinem Leben, während alles andere hinter mit zerfiel. Sie, denen ich alles verdanke, besitzen mich seit jenem Tag, da ich mit ihnen ging. Gleichzeitig kenne ich sie nicht. Auch das ist Teil des Arrangements. Ihre Stimmen, ihre Gesichter, ihre Zahl, an nichts davon erinnere ich mich. Sie haben sich meinem Bewusstsein verborgen, um sich vor jeglichem Verrat zu schützen. Hätte ich ihn aber je erwogen, hätten sie nicht zuvor an meiner Loyalität gezweifelt?

"Wir haben einen Auftrag für dich."
"Es geht um diesen Mann."
"Du weißt, was du zu tun hast?"
Sie mussten mir nichts erklären. Hatten sie mir nicht die Augen geöffnet, damit ich das Offensichtliche erkannte?
"Natürlich."

Der Erste von Vielen, der einzige, dessen Namen ich mir merkte: Tadeusz Bobrowski. Ein Bewahrer vieler Geheimnisse, der nun sein Wissen mit der Welt teilen wollte. Einer Welt, der er gleichzeitig so sehr misstraute, dass er sich rund um die Uhr und an jedem Ort bewachen ließ. Vergebens. Mich nämlich hatte niemand wahrgenommen, auch nicht das rotgoldene Leuchten. Hinterher vermuteten die Medien einen Hirnschlag. Seine Beschützer sprachen sich gleichermaßen aller Versäumnisse frei: "Wie rettet man einen Menschen vor seinem eigenen Körper?" Sie hatten nur noch zusehen können, wie er mit starren Augen und offenem Mund zu Boden gesunken war. Er hatte nicht einmal mehr schreien können, so schnell war sein Geist der noch atmenden Hülle seines Körpers entrissen worden.
Die wenigsten derer, die Bobrowski nachfolgten, waren prominent, nur in wenigen Fällen ahnte ich, warum ich ausgesandt wurde. Mit jedem weiteren Auftrag aber wurde mir mehr bewusst, dass nichts, was einen Mensch auszeichnet, eine Begegnung mit mir verhindern konnte. Nur einmal, das letzte Mal stellte ich das Arrangement in Frage, zweifelte ich an der Entscheidung, in wessen Lebensweg ich gestellt wurde.

"Wir haben einen Auftrag für dich."
"Es geht um diese Frau."
Nadja.
"Du weißt, was du zu tun hast?"
Ich durfte mir nichts anmerken lassen. Hatten sie mir die Augen geöffnet, ohne selbst das Offensichtliche zu erkennen?
"Natürlich."

Natürlich log ich. Nadja. Der Sommer am See. Der Geruch frisch gemähten Grases, der Geschmack ihres Körpers. Wasserperlen auf ihrer Haut, ihr furchtloses Lachen. Schläfrige Stunden in der Sonne, unser erster Kuss. Das Feuer auf den Felsen, wir unter den Sternen, sechzehn, unsterblich für einen Moment.
Natürlich wusste ich nicht, was ich zu tun hatte.

Nadja hatte das kleine Haus und das enge Leben ihrer Eltern übernommen. Sie arbeitete in der Stadtverwaltung, ging einkaufen, spielte mit ihrer Tochter, liebte ihren Mann, fütterte den Hund. Nadja zu finden, ihr zu folgen, war nicht schwer. Sie hatte sich seit jenem Sommer kaum verändert, sie schien die Sonne jenes Sommers nie verloren zu haben, jene Leichtigkeit, mit der sie mich mit sechzehn und nun, so viele Jahre später wieder, in ihren Bann zog.
Je länger ich Nadja beobachtete, umso größer wurde der Wunsch, sie zu warnen. Je mehr ich meine Auftraggeber zu verstehen versuchte, umso weniger gelang es mir. Wie konnten sie nicht wissen, wie sehr Nadja Teil meines Lebens vor dem Arrangement gewesen war? Es sei denn, sie stellten mich und meine Loyalität auf die Probe. Das war die einzige Erklärung: sie prüften das Werkzeug, das sie erschaffen hatten. Ein Werkzeug, das, wie sie würden feststellen müssen, nicht ohne Fehler war.
Ich saß in meinem Wagen unweit von Nadjas Haus, als ein Auto direkt davor hielt. Die Frau, die ihm entstieg, trug ein schlichtes Kostüm und keinen Schmuck, war dezent geschminkt und hatte ein fast schon obszön ereignisloses Gesicht. Bis auf den Koffer in ihrer Hand, der sie als Vertreterin einer Kosmetikfirma auswies, strahlte sie eine so auffällige Unbestimmbarkeit aus, dass mir zweierlei bewusst wurde. Ich verstand, wie sehr diese Unauffälligkeit, die meiner eigenen glich, die Ausführung der Aufträge erleichterte. Vor allem aber erkannte ich, dass ich zu lange gezögert hatte. Diese Frau war ebenfalls beauftragt worden, sich um Nadja zu kümmern.
Als die Frau das Gartentor öffnete, stieg ich aus. Als die Frau zur Haustür ging, rannte ich über die Straße. Als die Frau ihren Finger auf den Klingelknopf legte, griff ich nach ihrem Arm. Ein Glockenton. Die Frau sah mich an, in ihren Augen ein rotgoldener Schimmer und - ganz kurz nur - Neugier. Als Nadja die Tür öffnete, hielt ich noch immer den Arm der Frau umklammert, als hinge nicht das Gewicht eines leblosen Körpers daran. Dann ließ ich los und floh.

Doch wohin fliehen, wenn man weiß, dass nichts, was ein Mensch lieben kann, eine Begegnung mit dem Schicksal verhindert? Was tun, wenn man alle Antworten kennt und doch niemals eine Ahnung davon bekommen hat, was man wirklich will? Seit die rotgoldene Sonne in meinem Geist aufgegangen war, hatte ich keine Richtung mehr wählen müssen, alles Leben war einfach passiert und schien richtig gewesen zu sein. Doch jetzt war die Welt aus den Fugen und mir alle Gewissheiten abhanden gekommen. Der Junge, der alle Antworten gekannt hatte, zerfiel angesichts seiner plötzlichen Unwissenheit.
Als sie mich darum danach das letzte Mal riefen und die Dunkelheit meinen Geist überrollte, kämpfte ich nicht dagegen an. Wie einen alten Freund umarmte ich das Dunkel, ersehnte ich das Rotgold des Sonnenaufgangs. Ich verteidige mich nicht. Ich hatte keine klare Vorstellung davon, was ich wirklich wollte. Vielleicht war es ein Impuls unbewusster Loyalität oder die Konsequenz eines dieser ironischen Zwänge, die in den Gegebenheiten der menschlichen Existenz lauern. Ich weiß es nicht. Ich kann es nicht sagen. Aber ich ging hin.


(Nachträglich überarbeiteter) Beitrag für den DSFo-Wettbewerb "Zehn Tage, zehntausend Zeichen" 2014 zum Thema "Aufbruchstellen" unter Berücksichtigung eines Zitats aus "Herz der Dunkelheit" von Joseph Conrad:

Ich verteidige mich nicht. Ich hatte keine klare Vorstellung davon, was ich wirklich wollte. Vielleicht war es ein Impuls unbewusster Loyalität oder die Konsequenz eines dieser ironischen Zwänge, die in den Gegebenheiten der menschlichen Existenz lauern. Ich weiß es nicht. Ich kann es nicht sagen. Aber ich ging hin.

Platzierung in der Publikumswertung vergessen.

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