ANDERSWOLFFORTSCHREITUNGEN
Weil Stehenbleiben auch nicht hilft.
Ohne Lüge leben. Ein Selbstversuch. | 19.09.10 | Von der Front

Das Buch wurde als lebensverändernd beschrieben.
Weiß man noch nicht, ob das wirklich so wirkt. Ehrlich zu sein, das ist auf Dauer schwer, wenn man den größten Teil seines Lebens lügend verbracht hat.

Wenn man dann aber doch mal versucht, nicht mehr zu lügen, nicht einmal mehr eine Schutzbehauptung aufzustellen, dann fällt einem nicht nur auf, wie unehrlich man nicht nur zu sich selbst ist, sondern auch wie vielen Menschen man aus wie vielen verschiedenen Gründen die vielleicht unbequeme, vielleicht kränkende, vielleicht verletzende, vielleicht aber auch erlösende Wahrheit vorenthält.

Die Wahrheit über meine Wahrheitsliebe scheint zu sein, dass wir kein gutes Verhältnis haben.
Die meisten meiner Lügen, die ich an andere richte, dienen der Konfliktvermeidung. Nahm ich an. Dem ist aber gar nicht so. Sie dienen nur der Konfliktverschiebung auf einen späteren Zeitpunkt, außerdem der Konfliktverstärkung, da sich der Ärger darüber, dass man nicht gleich die Wahrheit gesagt hat, sondern den ersten Konflikt dann auch noch in den nächsten Konflikt (der thematisch überhaupt nichts mit dem ersten zu tun hat) mit hinein zieht. Unter dem Einfluss von Lügen weiß der Freund nicht, was ihn alles trifft, wenn ich ihn im Park anschreie: dass es mir vollkommen egal sei, ob wir jetzt nach rechts oder links gingen, dass es mir auch vorhin schon egal gewesen sei, dass ich eigentlich sowieso bei dem Wetter nicht raus wollte, dass ich nur mitgekommen sei des schlechten Gewissens darüber, dass ich ihm seine Lieblingsmarmelade weggegessen hatte als Strafe dafür, dass er beim Frühstück vor lauter Zeitungslesen nichts mehr mitbekommt.
Weil zur Wahrheit auch die Ehrlichkeit sich selbst gegenüber gehört, ist aber alles anders, denn ich interpretiere meinen Unmut über die Sonntagszeitung als Herausforderung, den Freund mit amüsanten Geschichten zu unterhalten, damit ihm die Zeitung nicht fehlt. Den Marmeladenrest teilen wir uns wie auch das Croissant, und während wir dann verdauend auf dem Sofa liegen, planen wir im Sonntag einen Spaziergang ein, wenn die Wolken doch noch aufreißen. Später reißen die Wolken auf und wir stromern Hand in Hand durch den Park, ich lasse mich von ihm führen, seine Richtungsanfragen beantworte ich mit Gebrummel und Genuschel und dann fällt mir ein, was ich ihm noch sagen muss: ich hätte keine Wegpräferenz, da ich nirgendwo hinmuss, solange ich bei ihm bin.

Und auch wenn das nach unreflektierter Kleinmädchenromantik klingt, fühle ich in diesem Moment genau das, was ich seit langer Zeit nicht mehr so deutlich gefühlt habe: dass ich es ehrlich meine, dass ich wirklich glücklicher mit dem Freund bin als ohne und dass ich ihn, obwohl ich so lange so oft daran gezweifelt habe, wirklich liebe. Und dass mein übliches ironisches Augenrollen über diese Worte nur eine Angstreaktion ist, die mich davor schützen soll, mich einem anderen Menschen anzuvertrauen.

Die Wahrheit, merke ich, ist Arbeit. Aber auch Arbeit, die sich lohnt, denn sie führt dazu, dass sich Menschen näher kommen, wohingegen die Lügen, die großen und die kleinen Lügen, uns voneinander entfernen. Während uns die Wahrheit, auch wenn sie uns zunächst Angst macht, einander öffnet und Wege ebnet, wo vorher vielleicht keine zu sein schienen, baut jede Lüge ein bisschen an der Mauer, die uns von anderen trennt, denn dazu dienen Lügen: uns voreinander zu schützen und abzugrenzen von den Menschen um uns herum.

Von meinem Ziel, ein authentisches Leben zu führen, bin ich noch weit entfernt, wenn auch Andere mir vor Jahren in einem Karriereworkshop schon bewundernswerte Authentizität bescheinigten. Andererseits sind schon die ersten Erfolge sichtbar und sie machen Lust auf mehr.
Vielleicht werde ich das dann doch irgendwann mal sagen: dieses Buch hat mein Leben verändert.