Noch später

Das dritte Mal seit meinem Studium bin ich arbeitslos. Ich habe nach dreieinhalb Jahren als Käseverkäufer im Biomarkt gekündigt.

Wenn ich das erzähle, schwanken die Menschen zwischen zwei Fragen: Warum? Was jetzt?
Gekündigt habe ich, weil ich weder die Kundschaft noch die Geschäftsführung länger ertragen habe. Kunden, die immer wieder komplexe Beratung wünschen, aber dann doch nur jungen Gouda kaufen, sind nicht das Zielpublikum für einen Ernährungswissenschaftler. Und eine Geschäftsführung, die so lange bremst und blockiert, bis man selbst die Lust auf Veränderung verloren hat, bekommt sicherlich auch nicht den Preis für den Arbeitgeber des Jahres.
Gekündigt habe ich vor allem aber, weil ich mich über mich selbst geärgert habe. Über mich und meinen Masochismus, dieses Spiel, immer mal wieder mit einem Versprechen auf Änderung hingehalten zu werden, nur um dann doch wieder enttäuscht zu werden, so lange mitzumachen. Als sich die Zeichen meines Unmuts selbst von der Geschäftsführung nicht mehr ignorieren ließen, gaben sie endlich nach. Aber zu spät: ich hatte keinen Funken Motivation mehr übrig.
Ich habe versucht, mich irgendwie einzubringen, aber wusste nicht mehr, wozu das überhaupt gut sein sollte.
Also habe ich gekündigt, wenngleich ich mich sicherlich auch wegen Burnouts hätte krank schreiben lassen können. Gekündigt habe ich natürlich auch, damit ich mich wieder mehr um meine Projekte kümmern kann. Doch seit ich nicht mehr zur Arbeit gehen muss, sitze ich hier und denke: gleich fange ich an.
Gleich, nachdem ich das Bett bezogen habe.
Gleich, nachdem ich dieses Musikvideo gesehen habe.
Gleich, nachdem ich alle Harry-Potter-Hörbücher gehört habe.
Gleich, nachdem ich den ganzen November lang aus dem Fenster gesehen habe.

Glücklicherweise muss ich nichts tun. Der Freund und ich haben geheiratet, ich bin über ihn familienversichert, und er sagt: "Solange du glücklich bist, musst du nicht arbeiten. Wenn du aber das Gefühl hast, dass dir arbeiten besser bekommt als Arbeitslosigkeit, dann geh arbeiten."
Aber was ist Glück? Ich weiß, dass ich es im Sommer hatte, ich habe darüber geschrieben, also muss es wahr sein. Ist Glück, den ganzen Tag zuhause zu sitzen, auf tumblr Bilder an sich vorbeiziehen zu sehen und zu denken: gleich werde ich kreativ? Ist Glück, am Fenster zu stehen und auf die hektischen Menschen zu schauen, die alle noch unglücklicher aussehen als mein Spiegelbild? Ist Glück, alte Texte als Beweis von Kreativität zu lesen?
Ich habe eine Ahnung davon, was ich tun will, aber ich bekomme keine Priorität hin, ich finde nicht einmal mehr meinen alten pathetischen Tonfall wieder. Selbst eine Geschichte wie Später könnte ich derweil nicht schreiben. Ich bin vollkommen unkonzentriert, unpriorisiert, getrieben allein von dem Verlangen, am Ende eines Tages nicht einfach nur nichts getan zu haben. Ich versuche derweil zurückzukommen in einen Trott, der mich zum Schreiben bringt, der mir meine Stimme wiedergibt, der mich die Geschichte wieder fühlen lässt.
Wie lange das dauert?
Wir werden sehen.