ANDERSWOLF

Weil Stehenbleiben auch nicht hilft.

Mut zur Lücke

Neulich habe ich mich mit meinem Zahnarzt über Linkshändigkeit unterhalten. Oder anders: während ich dem Krampf im schmerzhaft weit geöffneten Kiefer mit Entspannungsatmung entgegenmeditiert habe, sprach er davon, wie er einerseits davon profitiere, als umgelernter Linkshänder beidhändig behandeln zu können, dass er aber andererseits glaube, seine Eltern und Lehrer hätten ihm damals das Gehirn zerschossen, als sie ihn zum Rechtshänder erzogen haben. Er führte nämlich seine Leseschwäche darauf zurück, dass er nicht nur gleichzeitig habe Lesen und Schreiben, sondern eben auch eine veränderte Handdominanz erlernen müssen.

Ich fand das plausibel, konnte aber nur sagen: "Ghingt ghgigl."

Der Leseschwäche verdanke er einerseits sein fast fotografisches Gedächtnis, andererseits aber auch, weil er nicht schnell lesen könne, eine sehr gründliche Ausbildung. Er habe nicht einfach Dinge überfliegen können, sondern immer alles komplett durchdringen und vor allem verstehen müssen. Andere könnten vielleicht grob lesen und dabei entscheiden, was erstmal wichtig und was unwichtig sei, er habe immer alles gleich gründlich lesen müssen, denn den Luxus mal eben etwas nochmal lesen zu können, hatte er nicht. Diesen Mut zur Lücke, den andere besäßen, hätte er sich nicht leisten können.

Hätte ich nicht eben den Mund voller Instrumente gehabt, ich hätte gesagt: "Als Zahnarzt Mut zur Lücke zu haben, ist ja auch nicht geschäftstüchtig." So habe ich halt irgendwas gegurgelt und versucht, dabei keinen Speichel in die Lunge zu bekommen.

Ich jedenfalls kenne diese Problem nicht. Ja, ich kann auch viel auswendig lernen (sonst liefe das mit dem Theater deutlich schlechter), aber gleichzeitig habe ich die Geduld nicht, langsam zu lesen. Ich kann (und will) eine Seite pro Minute lesen, manchmal bin ich auch schneller, wenn das Buch seichter oder die Buchstaben größer sind. Dadurch lese ich aber auch nicht gründlich, ich übersehe ab und an ein Detail, das vielleicht fürs Verständnis relevant gewesen wäre; manchmal musste ich mir darum auch Zusammenhänge zusammenreimen oder selbst erklären. Hat gut funktioniert, aber diesen Mut zur Lücke habe ich oft mit einer gewissen Unsicherheit im Gelernten bezahlt. Andererseits ist es bei meinem Gehirn, das ohnehin die Tendenz hat, sich lieber mit neuem Input zu beschäftigen, als lästige (wenngleich manchmal nützliche) Details zu behalten, unabdingbar, dass ich einen gewissen Mut zur Lücke entwickelt habe. Oder anders: ich vergesse halt auch viel.

Vielleicht erklärt das mein aktuelles Hadern: Meine Tendenz, mich nicht mit Details aufzuhalten, führt oft dazu, dass ich Entscheidungen auf Basis unvollständiger Informationen fälle. Sprich: ich zweifle an, ob Dinge, die in meinem Leben passieren, so passieren müssen, wie sie passieren. Oder ob die Entscheidung, die ich gerade treffe, wirklich die richtige ist.

Was mich umso mehr verwundert, weil es eigentlich ein alter Traum von mir ist, in das Haus zu ziehen, in dem meine Großeltern den größten Teil ihres Lebens gelebt haben. Nach deren Tod haben meine Eltern das Haus nicht verkauft, sondern vermietet. Und jetzt, da die letzten Mieter ausgezogen sind, wollen der Mann und ich einziehen. Also der Mann will; ich bin mir da manchmal nicht sicher. Ich fremdele plötzlich mit der Idee, in eine andere Stadt zu ziehen. Eine Stadt, die ich zwar kenne, aber nicht gewohnt bin. Eine Stadt, die deutlich größer, im Bevölkerungsdurchschnitt deutlich jünger und dadurch deutlich lebendiger ist als Bad Nauheim. Die eine reichere Kulturszene hat, eine Universität und vor allem ein Haus mit Garten, das meiner Familie gehört. Und doch: ich habe dort nichts außer Ziegelsteine und Mörtel. Mein soziales Netz ist hier; ich habe 16 Jahre daran geknüpft. Als jemand, der lange Zeit sehr zurückhaltend dabei war, sich anderen Menschen anzuvertrauen, befürchte ich, dass es mir nicht leicht fallen wird, das, was ich hinter mir lassen werde, wenn wir umziehen, zu ersetzen. Ich bin Teil eines großartigen Theaterensembles, ich habe dadurch viele Freundschaften geschlossen, ich habe durch meine sonstigen beruflichen und ehrenamtlichen Tätigkeiten viele Bekanntschaften. In Bad Nauheim, das trifft es vielleicht auch ein bisschen, bin ich wer. Ich habe eine Identität, ich dachte, ich wäre angekommen.

In der neuen Stadt werde ich das nicht haben. Ich bin ein Fremder dort, fremd in einer Stadt, die ich eigentlich kennen müsste. Die aber mich nicht kennt.

Manchmal springt der Funke über. Dann erkenne ich, dass diese Unkenntnis auch von Vorteil sein kann. Ich bin dermaßen angekommen in Bad Nauheim, dass ich in einer Rolle festzuhängen scheine. Nicht theatertechnisch, da bin ich (angeblich) immer wieder anders. Aber außerhalb des Theaters bin ich lethargisch geworden, unwillig, mich aufzuraffen, unfähig, Veränderungen mitzugestalten, zu moderieren. Oder überhaupt zu goutieren. Ich bin verfestigt in Bad Nauheim, unflexibel.

In der neuen Stadt schlage ich ein sehr neues Kapitel auf. Eines, in dem ich mich auch selbst neu kennenlernen kann. Neu kennenlernen werde, weil ich die neue Stadt kennenlernen muss. Neu kennenlernen, denn obwohl ich ja auch schon mal vor über zwei Jahrzehnten ein paar Monate dort gelebt habe, kenne ich doch nichts wirklich. Ich kenne Porto besser als die neue Stadt.
Und ich kann mich damit selbst herausfordern. Kann mich selbst neu erfinden. Und kann zumindest auch endlich diese Sehnsucht begraben, die mich seit langem an diese Stadt bindet. Denn eigentlich wollte ich dort immer leben. Ich will nur nicht alles aufgeben, was ich in der Zwischenzeit hier erlebt und geschaffen habe.
So ist es aber manchmal mit dem Leben, schätzungsweise. Wir verändern uns, wir verändern unseren Wohnsitz, wir ziehen manchmal nur eine Straße weiter, manchmal in einen anderen Stadtteil, manchmal in ein anderes Land. Und dann passen wir uns an.

Ich fürchte mich vor dem Neuanfang, weil ich befürchte, nicht neu anfangen zu können. Weil ich vielleicht nicht weiß, wie das geht. Weil ich vielleicht zu sozialinkompatibel geworden bin.

Ich weiß, dass diese Ängste unbegründet sind. Ich bin 42, ich bin ein offener Mensch, ich bin in der Lage neue Menschen kennenzulernen. Und ich ziehe ja nicht allein in die neue Stadt. Der Mann kommt ja mit, und das ist eh das wichtigste.

 Ich habe vielleicht auch Angst, dass ich all die Menschen, die ich in Bad Nauheim kennen- und lieben gelernt habe, vergessen könnte, dass vielleicht auch sie mich vergessen könnten, weil das Leben einfach andere Prioritäten bereithält. Im Theater werde ich ersetzt werden, im Freundeskreis wird sich die Lücke, die ich hinterlassen werde, nach und nach schließen. Das Leben geht für uns alle weiter; etwas anderes von jemandem zu verlangen, wäre nicht nur selbstsüchtig, sondern auch relativ unmöglich.

Ich werde die Menschen vermissen, die ich hinter mir lassen werde. Aber ich weiß auch, wir werden uns wiedersehen. Bis dahin sammele ich all meinen Mut, diese Lücke, die in meinem Leben entstehen wird, zuzulassen. Und dann eben aktiv daran zu arbeiten, sie zu kompensieren.

Gut, dass das beim Zahnarzt nicht so läuft. Da habe ich meine letzte (und gesprungene) Amalgamfüllung gegen neue Keramik ausgetauscht. Manchmal ist es besser, das Alte loszulassen und einfach die notwendige Veränderung zuzulassen. Wer den Wandel nicht gestaltet, heißt es ja, wird von ihm überrollt.

Dezember 12, 2022

Fortschreitungen

Fortschreitungen erschaffen und lösen Dissonanzen und Konsonanzen in der Musik.
Anders Wolf versucht seit 2001 Ähnliches mit Worten.

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