Anders Wolf

Fortschreitungen

Die Welt im Übrigen

Von der Front | Juni 10, 2020

Auszublenden, wo es derzeit überall brennt, ist natürlich keine Option, so gerne ich auch ausschließlich mit mir beschäftigt wäre. Die Proteste nach dem Morde an George Floyd sind beängstigend: so notwendig es ist, den strukturellen Rassismus der USA zu überkommen, so gruselig ist die Vorstellung, mit welchen Mitteln der Präsident eine Veränderung, die nicht in seinem Sinne geschieht, kommentieren wird. Dass die Drohung, das Militär gegen die Demonstranten einzusetzen, zunächst eine Drohung geblieben ist, beruhigt natürlich. Allerdings hat Trump schon viel zu häufig seine Drohungen doch noch wahrgemacht, es steht zu befürchten, dass das auch diesmal nicht anders sein wird. Dann bleibt nur zu hoffen, dass in den Reihen von Militär und Polizei genügend deeskalierende Kräfte übrig sind, um das Blutbad zu verhindern, das dann unweigerlich folgen dürfte. 

Aber auch anderswo flirrt die Luft: im Jemen wächst sich der Stellvertreter-Bürgerkrieg zu einer humanitären Katastrophe aus, im Libanon hat die Pandemie das Fass der sozialen Spannungen zum Überlaufen gebracht, von der Situation der Geflüchteten in Griechenland (und anderswo) hört man verdächtig wenig, Hongkong kämpft um ihre Freiheit, Brasilien wird von einer demaskierten Junta regiert, die nur deswegen nicht gestürzt wurde, weil dort Covid-19 grassiert. Es ist ganz allgemein zum Wegschauen. 

Wenngleich das natürlich nicht hilft. Wegschauen nicht, sich gepflegt in den Urlaub verziehen nicht, einfach noch mal 18 Wochen in soziale Distanz und absolute Isolierung; nichts davon hilft. Andererseits ist auch mein Anschreiben gegen das Aufwallen meiner Panik sinnlos. Nicht nur, dass meine Stimme ungehört in den Bits und Bytes der Datosphäre verhallt: selbst wenn ich jemanden erreichte, würde doch mein kleines Licht die Dunkelheit dort draußen nie ausreichend erhellen. Wie eine Sternschnuppe am Firmament verglühte ich, und die Welt sähe hinterher kein bisschen anders aus.