Die Beziehungslüge. Ahnung einer Angst.

Wie lange kannst Du in Deiner Beziehung leben, bevor Du merkst, dass nur die Rituale Euch zusammenhalten? Dass die Gemeinsamkeiten sich auf die gleichzeitige Benutzung der Räume beschränken? Wie lange kannst Du versuchen, ehrlich zu Dir selbst zu sein, bevor Du merkst, dass es die größte Deiner Lügen ist, vor der Du die Augen schließt?

Ich sehe das Ende nicht und weiß doch, dass es da ist. In jedem unterdrückten Konflikt, in jedem stummen Vorwurf, in dem Blick, der Enttäuschung sagt, auch wenn die Lippen sagen: Es ist nichts. In jeder Berührung, die sich fremd anfühlt. Lieben sei loslassen, sagt man, loslassen können. Die Brüche sehen und zugeben, dass etwas nicht zu reparieren ist.

Mir fällt der Tag wieder ein, an dem ich den Anruf von S. annahm, obwohl wir an einer Imbissbude aßen. Weil ich antwortete, weil ich sprach, weil ich, während der Freund weiteraß, mich nur auf S. konzentrierte und ihr geistloses Geplauder, gab es den ersten Riss, der niemals gekittet wurde. Eiskalt war er an jenem Tag, die Verachtung in seinem Blick, die vielleicht auch Enttäuschung war, traf mich so tief, verletzte mich so sehr, umso mehr noch, da ich nicht verstanden hatte, was geschehen war.
Und vielleicht habe ich es auch heute noch nicht verstanden. Vielleicht gab und gibt es nichts zu verstehen. Aber ich erkenne jetzt, da ich mich an diesen Tag erinnere, auch diesen Blick wieder, den ich oft mit seiner Enttäuschung und beginnenden Verbitterung assoziiere. Den Blick, der sagt: wie kann man so sein wie Du?

Ich zweifle oft und ich zweifle seit langem - seit jenem Tag insgeheim und seit einigen Wochen nach diesem Tag immer wieder - an unserer Beziehung. Einige, nicht alle meiner Zweifel spreche ich aus, denn sie haben mit meiner Unsicherheit ihm gegenüber zu tun. Wieder andere behalte ich für mich, dann sie sind meiner Egozentrik geschuldet und meiner Unsicherheit allem gegenüber und meinem latenten Selbsthass, der vielleicht auch mit ihm zu tun hat. Da ich aber alles, was mit ihm assoziiert ist, unter dem Deckmantel der liebevollen Beziehung verberge, bin ich auf diesem Auge blind.
Ich bin kein objektiver Beobachter mehr, aber an meinen weniger subjektiven Tagen spüre ich, dass ich mehr von mir aufgegeben habe, als ich gewann, seit ich Teil dieser Beziehung bin.

Wohl weiß ich, dass eine Beziehung keine gewinnorientierte Veranstaltung ist, doch gleichzeitig glaube ich zu wissen, dass eine Beziehung mehr bereichern als kosten sollte. Mich allerdings hat diese Beziehung das Bewusstsein für mein Selbst gekostet. Wenn ich mich in meinem Leben umsehe, dann frage ich mich, wie viel davon ich mir zu verdanken habe und weiß nur, dass allein meine Texte mir entspringen, auch wenn ich mich oft, zu oft zensiere und manches nicht schreibe aus Angst, es könnte gelesen werden von Menschen, die mich kennen und die den Freund kennen und die dann (wie ich) nicht mehr daran glauben könnten, dass dies die perfekte Beziehung ist, die sie immer haben wollten und die jetzt meine ist.

Ich bin nicht der Mensch, der ich wäre, hätte ich den Freund nie getroffen oder hätten wir uns getrennt an jenem Tag, der alles veränderte, der in mir eine Verletzlichkeit fand, die immer noch nicht überwunden ist, die immer noch in meiner Seele klafft und die ein stummer Vorwurf wieder bluten lässt. Dass ich aber nicht der Mensch bin, der ich ohne den Freund geworden wäre, heißt nicht, dass dieses andere Ich besser wäre, lebensfähiger, widerstandsfähiger, authentischer.

Allein aber das Wissen um den Gedanken, dass die Zweifel in und an meinem Leben so groß geworden sind, beunruhigt mich. Und doch kann ich nicht den Mund aufmachen und den Freund fragen, was er als den Urgrund unserer Beziehung sieht, ob auch er die vielen Rituale sieht und nicht mehr den gemeinsamen Wunsch danach. Ob auch er glaube, unsere besten Tage seien vorbei.
Dazu ist die Angst, das Phantom einer Liebe zu leben, nicht groß genug.

Noch nicht.