Der Eisberg (eine Annäherung) | ANDERSWOLF

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Der Eisberg (eine Annäherung)

Usus operi
August 26, 2025

Ich hatte geglaubt, erkennen zu müssen, bevor ich verstehen konnte. Ich hatte geglaubt, verstehen zu müssen, bevor ich erklären konnte. Ich hatte geglaubt, erklären zu müssen, bevor ich schreiben konnte. 

Ich habe mich geirrt. 

Make it exist first,
make it pretty later.

Ich habe vergessen, wo ich bin, habe vergessen, was die Regeln dieses Ortes, was die Maßgaben meines Ermessens sind. Ich habe vergessen, dass ich nicht - verzeiht - für euch, sondern für mich schreibe. Ich habe vergessen, dass ich schreibe, nicht um zu gefallen, sondern um nicht dem Wahnsinn anheim zu fallen. 

Also versuche ich, nicht zu erklären, sondern nur zu schreiben - und vielleicht dadurch zu verstehen, was ich nicht erkennen konnte. Was ich - immer noch - nicht begreifen kann.

Als ich den Eisberg das erste Mal sah, war ich fasziniert. Ihn zu finden in dieser relativen Ödnis, war eine Überraschung gewesen. Relativ die Ödnis, weil natürlich nicht das, was das Wort beschreibt. Ich war ja nicht allein, war ja nicht fern der Zivilisation, war ja nur verloren und ohne Orientierung alleine im Meer, das mir war wie ein fremder Planet - und der Eisberg fügte sich gleichermaßen organisch ein und stach doch unübersehbar heraus. 

Natürlich kennen wir das erste Wissen im Umgang mit Eisbergen: Was wir auf den ersten Blick sehen, ist nur der kleinste Teil dessen, was es zu entdecken gibt. Und tatsächlich glitt mein Blick anfangs noch haltlos über das eisige Weiß, das angeaschte Grau, das sternferne Schwarz der Berge und Täler seiner Oberfläche. Erst nach und nach drang mein Blick tiefer, erkannte Topas und Beryll, Saphir und Lapislazuli, Opal und Orthoklas, Turmalin und Aquamarin, Diamant, Obsidian und Onyx, Magnetit und Hämatit, Coelestin, Chrysokoll, Türkis, Bergkristall, Amethyst, Azurit, Alabaster und Zitrin. Der Eisberg öffnete sich meinem Blick, offenbarte sich mir Schicht um Schicht um Schicht, und zeigte mir zugleich, wie viel weiter er reichte - und wie unerreichbar seine eigentlichen Tiefen waren. 

Dem forschenden Geist in mir gefiel dieses Hineinfallen in seine Unwägbarkeiten. Seine Vielschichtigkeit reizte mich, spornte mich an, verstehen, ergründen, erschauen zu wollen. Ich maßte mir an - als sei ich Glaziologe - zu wissen, wie der sichere, richtige, schlaueste Umgang mit einer unerkennbaren Entität wie ein Eisberg ist. Denn das erste Wissen im Umgang mit Eisbergen reicht auch weiter und tiefer, als es auf den ersten Blick scheint: Nicht nur sehen wir nicht zur Gänze, was wir vielleicht einmal sehen könnten - es gibt Seiten und Teile und Eigenschaften des Eisbergs, die könnten wir auch dann nicht sehen, wenn wir ihn zur Gänze sehen könnten. Sei er auch den Untiefen des Wassers enthoben, in der Leere eines ablenkungsfreien Nichtseins schwebend, und wir selbst auch entnommen unserer beobachtenden Perspektive, die ein gänzliches Erschauen ohnehin verunmöglicht, denn stets steht Eisberg vor Eisberg, verdeckt sich selbst, verbirgt sich dem umfassenden Erfassen. Sei er also auch nicht nur freischwebend, sondern auch aufgefaltet wie ein Blatt Papier, das einst ein Kranich war und wieder werden könnte, folgte man den Bergen und Tälern der Faltungen, anhand derer er wieder zusammenzusetzen wäre (und als könnte man mit den Fingern tastend gleichzeitig die Vorder- und Rückseite des Papieres begreifen); selbst dann also, wenn sich alles potentiell Sichtbare dem Beobachtenden auslieferte: wir sähen immer noch nicht das gesamte Bild. 

Ich irrte also auch hier, als ich glaubte, ich wüsste Bescheid. 

Diesen Irrtum durchsetzte eine große Scham. Wie Efeu, der sich noch in die kleinsten Risse und Spalten hineinzwängt, der noch die dunkelste Ecke für sich gewinnt, der durch die Erde wuchert und nur hier und da mit grünen Armen aus der Erde birst, der ein Geflecht in einem Geflecht bildet, Netze in Netzen, der sich selbst umfangend umfängt und schließlich das kleinste bisschen rohe Erde genauso wie Wände und Decken befällt, der schließlich alles sonst wachsende unter seinen Ranken begräbt, bis alles nur noch Efeu und Blattwerk, florales Tentakel an floralem Tentakel ist, ein unverstehbares Muster aus Wurzel und Sprossachse, Blattstiel und Blatt - wie Efeu also, der im Herbst die Blätter verliert und sich auf dem Zerfall seines eigenen Laubs einen neuen Boden schafft, sich selbst zersetzend und nährend und damit auf und aus sich selbst wachsend alles überflicht; so war die Scham in mir ein Gewucher aus sich selbst nährendem Zweifel und Selbsthass und Wut und immer wieder aus Hoffnung, doch noch zu verstehen, was zu verstehen nicht war. 

Ich kann es besser nicht beschreiben, nicht anders erfassen, denn noch immer kann ich nicht verstehen, was mich bewog, mich dem Eisberg auszuliefern in der Hoffnung, ich könne dadurch, dass er mich besaß, seine Geheimnisse ergründen, die sich mir zu erschließen noch immer entzogen. Eine Besessenheit befiel mich - und ich begrüßte sie wie man einen Sukkubus in liebende Arme schließt, ich zog sie an mich, in mich, nährte sie mit meinen Gedanken, Worten und Taten, stürzte mich hinein wie in ein eiskaltes Meer. 

Das erste Wissen in einem Pakt mit dem Teufel: Schließe keinen Pakt mit dem Teufel. 

Natürlich war (und ist) der Eisberg kein Teufel. Natürlich verbarg sich hinter seinem Verbergen keine Absicht, mir meine Seelenruhe zu rauben. Der Eisberg verfügt nicht über ein solches Wollen, trägt in sich - soweit ersichtlich im Sicht- wie Unsichtbaren - keine solche Absicht. Ich weiß (und wusste) das. Der Eisberg trägt in sich ein einziges Ziel: Sein. Der Eisberg existiert in den Untiefen und Unweiten des Meeres, unberührt vom Anschlagen der Wogen, vom Anlanden der Winde, untangiert vom Licht der Sonne oder der Dunkelheit unter den Wellen. Der Eisberg ist Eisberg und Eisberg wird er bleiben, denn Eisberg war er schon lange, bevor ich oder ein anderer kam. 

Das erste Wissen im Umgang mit Eisbergen (wir sehen nicht, was wir sehen) heißt aber auch: wir sehen nur, was wir sehen wollen. Unter Schwarz und Grau und Weiß, unter Opal und Rauchquarz und Obsidian, zwischen all den Schichten aus Hellem und Dunklem, Schatten und Licht - umschlossen also von all dem und immer noch weit außerhalb all dessen, was wir sehen und schmecken, tasten, hören, riechen können (das Salz gefrorener Tränen, die scharfen Kanten der Eiskristalle, das Knarren und Knacken des Panzereises, Donner ohne Blitz, der sich ohne den Umweg über unser Gehirn einen Weg tief in unser Knochenmark brennt wie der Frost in unserer Nase, der sagt: kaltkaltkaltkaltkalt); außerhalb also unserer Wahrnehmung ist eine Fläche, glatter als glatt, keine Hand, kein Fuß, kein Blick kann sich daran halten, und alles was sie zeigt, ist, was wir hineinsehen. Im innersten Innern des Eisbergs ist ein Spiegel - und er zeigt uns uns selbst. Wir sehen uns in ihm, und wir glauben, wir sähen ihn und er sähe uns. 

Ich sah mich selbst - und ich glaubte, ich sähe einen anderen.
Diesen anderen wollte ich lieben, mich selbst aber nicht. 
Ich versagte mir mich selbst - und gab mich dem, der ich nicht zu sein glaubte. 
Wider besseres Wissen hoffte ich, der ich mir selbst Rettung versagte, gerettet zu werden von einem Eisberg, der vor mir im Wasser schwebte, schwerelos. Während ich sank, hoffte ich Halt zu finden an Kanten und Vorsprüngen, die unter meinem noch vom Leben warmen Griff einfach zerschmolzen zu noch mehr Meer. 

Kein Wunder also, dass ich ertrank. 

Make it exist

Natürlich nicht. Natürlich ertrank ich nicht. Natürlich ertrank ich nicht so, dass ich starb. 
Ich sterbe nicht, ich bin zu stur dafür, zu halsstarrig, zu besessen davon zu verstehen, bevor ich aufgebe könnte. Ich will auch weiterhin verstehen, denke ich, will weiterhin erfassen, was nicht zu begreifen ist, will weiterhin ergründen, was ohne Grund. 
Natürlich tauche ich weiter, ohne Atem, ohne Sicherheitsleine, ohne Aussicht auf Licht in der Tiefe. Ich habe alles Rettende hinter mir gelassen und sinke weiter, hinabgezogen vom Netz meiner Scham, der mich langsam vergiftenden Decke aus sterbendem Efeu. Tiefer und tiefer hinab, denn die Besessenheit hat mich noch nicht verlassen. Was mich einmal besaß, hat seine Krallen, seine Dornen, seine Tentakel, seine ausufernden Ausläufer in mir verhakt und greift immer noch und immer stärker nach mir aus. Den Schmerz in der Lunge (im Herz) habe ich aufgegeben, Atem (und Puls): obsolet. Ich bin steinern, schwer, still. Ich sinke hinab. Hinab. 

Das erste Wissen um Umgang mit Eisbergen: ich sehe was, was du nicht siehst. 

In mir die Wut, ein Feuer, das mich füllt und mich lodernd antreibt - und gleichzeitig die löschende Angst, die Welt in Flammen zu stecken, geriete ich ernsthaft in Brand. Auf meiner Haut Narben, Flammenmale, Zeugen meines Zorns. Ich verstecke sie nicht und doch zeige ich sie auch nicht. Darauf angesprochen erwidere ich nichts. Ich will nicht, kann nicht lügen. Erklären kann ich aber auch nicht - ist es Feuer oder ist es Eis, das mich verbrannt, vernarbt, verstümmelt hat. Ich weiß nicht, was ich sagen könnte, also sage ich nichts. Ich schweige über meine Verletzungen, schweige über meine Gefühle, verschweige mich selbst, denn wie könnte ich erklären, was es nicht gab. Wie könnte ich jemandem etwas zeigen, das nur ich gesehen habe. Wie öffne ich jemandem die Augen, der nicht dasselbe sehen würde wie ich? Wie kann ich meinen eigenen Augen trauen, wenn ich mir selbst im Ganzen nicht traue. 

Ich bin versehrt - und bin unwillens, meine Verletzung zu sehen. Ich verstehe (noch immer) nicht, wie ich auf einen Spiegel hereinfallen konnte in der Hoffnung, dass mehr dahinter sei als die Beschichtung des Glases. Ich selbst bin ein Eisberg, mir unerklärlich in der weiten Ödnis, ich schwimme schwerelos, haltlos. Schwebend, nicht fallend, manchmal steigend mit der Flut und manchmal mit der Ebbe sinkend. Ich bin ein Eisberg und der Eisberg ist ich - sicht- und unsichtbar, fühllos in der Tiefe, ein Mahnmal gefrorener Tränen. 

later.

Keine Ahnung wohin damit. Ich habe versucht, darüber zu sprechen - allein, es funktioniert nicht. Das Verstehen hilft nicht, das Erkennen hilft nicht. Ich komme mir lächerlich vor damit, über meine Gefühle zu sprechen, als seien sie etwas, das andere Menschen betrifft. Ich sehe Gefühle bei anderen Menschen und bewundere das, wenn sie ihre Emotionen nicht als Waffe verwenden, ihre Verletzungen nicht zu Geschützen ausbauen, ihre Narben nicht zur Panzerung nutzen. Ich sehe andere ihre Wut und ihren Zorn formulieren, das Feuer in ihren Worten, ohne Angst, die Welt in Brand zu stecken, ich sehe andere, die den Efeu ihrer Scham zur Blüte treiben mit Pollen und Nektar für die Insekten und den Beeren später für Vögel. Ich sehe andere, die nicht so hart zu sich sind - und ich trauere nicht einmal um den Teil von mir, der das nicht kann. 

Ich kann natürlich aseptisch über mich sprechen wie über einen Abwesenden, ich kann mich selbst hinter Glas sehen wie ein Ausstellungsstück, mich sezieren und auseinandernehmen und wieder zusammenfügen. Ich kann mich auf- und zufalten wie ein Lehrstück in Origami, kann die Tal- und Bergfalten beschreiben, das Auf und ab der Rillen in meinen Fingern als eine Metapher für mein Leben sehen. Ich kann mich objektifizieren für andere in einem Maß, dass es mitleiderregend wäre - wenn ich wollte, dass ich Mitleid errege. Ich habe das getan in der Vergangenheit - und ich spüre, dass es mich erniedrigt, dass es mich veropfert, dass es mich beunfähigt, mich selbst wahrzunehmen, wie ich bin, vor lauter "wer ich war". 

Ich kann mich nicht selbst lieben, nicht so, nicht jetzt, nicht in dieser Ödnis, nicht angesichts des Eisbergs in mir, den zu schmelzen ich nicht die Kraft, die Ruhe, den Willen habe. Ich kann mich nicht mit mir auseinandersetzen, während ich mich doch gleichzeitig mit allem anderen auseinandersetzen will. Ich will ein Liebender sein, ein Freund, ein Hilfreicher, ein Benötigter, ein Mensch, der da ist für andere. Ich will anderen zeigen, dass die Welt kein kalter Ort ist - und darum gebe ich meine Wärme jenen, von denen ich glaube, dass sie sie mehr brauchen als ich selbst. 

Was bleibt also? Die Erkenntnis des Irrtums, die Zugabe der Scham. Die selbstgewählte Einsamkeit als Schutz vor zu viel Nähe. Der Wunsch nach Tauwetter, aber die Angst vor dem Frühling. Die Hoffnung auf Hoffnung. Das Bedürfnis, den Zorn einfach gehen zu lassen, die Narben zu akzeptieren, die die Wut schon in mich gefurcht hat. Lieben erlauben und Geliebtwerden zulassen. Kontrolle aufgeben lernen. Zugeben, dass manche Dinge kein ordentliches Ende haben. 

Anders

Semiliterarisches Lebenslogbuch von
Anders Wolf, ab und an
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