ANDERSWOLFFORTSCHREITUNGEN
Weil Stehenbleiben auch nicht hilft.
Das große Warten | 20.07.22 | Usus operi

Angeblich verbringen wir zwei Jahre unseres Lebens mit Warten. Das habe ich im Internet gelesen, es muss also stimmen. 

Andererseits: Was ist Warten? Was heißt Warten? Wenn ich an der Supermarktkasse in der Schlange stehe und noch nicht mal meine Sachen aufs Band gelegt habe, sondern nur langsam näher ranrutsche, bis endlich auch ich an der Reihe mit Auflegen, Wiedereinpacken und Bezahlen bin: warte ich dann auch, wenn ich gleichzeitig darüber nachdenke, ob ich alles in meinem Korb gelegt habe, was auf meinem Einkaufszettel stand? Denke ich dann beim Warten, warte ich beim Denken? Oder warte ich gar nicht, sondern denke nur?

Menschen im Stau warten (und hinterfragen gleichzeitig ihre Lebensentscheidungen). Menschen auf der Rolltreppe warten (und schauen derweil den Hintern des Vordermenschen an). Menschen im Eiscafé warten auf ihren Eiskaffee (und überlegen, ob sie bei der Hitze nicht besser im Keller sitzen sollten). Menschen in der Warteschleife warten (und summen Für Elise mit). Menschen am Gepäckband warten (und überlegen, ob es sich noch lohnt, nochmal zur Toilette zu gehen). Menschen im Wartezimmer warten (und blättern vielleicht in einer Zeitschrift, in der sie sich nur zu lesen trauen, weil der neutrale Umschlag des Lesezirkels das reißerische Titelblatt von Frau am Abgrund verdeckt). Menschen, die auf einer Organspendeliste stehen, warten (und hoffen, dass alle anderen Menschen eine so positive Einstellung zur Organspende haben, dass sie Organspendeausweise mit sich führen, weil es immer noch keine gesetzliche Regelung zur Widerspruchslösung und ergo einen Spenderorganmangel gibt). 

Wenn aber Warten bedeutet, dass ich in der Wartezeit nichts anderes machen darf als Warten, warten all diese Menschen dann wirklich? Gerade die Organspendemenschen: die machen ja bestimmt auch was anderes zwischendurch. Warten geht ja gar nicht den ganzen Tag. Ich muss ja was essen, trinken, Blumen gießen, Bücher lesen, E-Mails schreiben, Radio hören, mich mit Menschen aus der Nachbarschaft unterhalten (oder sie aktiv ignorieren). Irgendwas, denke ich mir, ist ja immer zu tun. 

Und wenn nichts ist, dann suche ich mir eben was. Dann beschäftige ich mich, damit ich nicht einfach nur rumsitze. Vielleicht schaue ich ein Video (oder fünfzehn Videos) auf YouTube an, vielleicht höre ich einen Podcast, vielleicht telefoniere ich oder räume den Hauswirtschaftsraum um. Vielleicht memoriere ich meinen restlichen Text oder wiederhole die bisher einstudierten Szenen. Vielleicht gehe ich spazieren oder zum Abkühlen in den Keller, vielleicht hefte ich die Sachen aus meiner Ablage ab oder bringe Altpapier in den Altpapiercontainer. Vielleicht kaufe ich Lebensmittel ein, vielleicht backe ich eine Limettentarte, vielleicht nähe ich mir eine Hose. Vielleicht trenne ich die missglückte Hose wieder auf, um aus dem Verschnitt etwas anderes zu nähen. Vielleicht stutze ich endlich den Ficus. Vielleicht wechsle ich nach nur drei Monaten Displayschwärze den Akku meines Funkweckers. Vielleicht baue ich doch noch die Balkonbank. Vielleicht bringe ich mir Akkordeonspielen bei oder studiere Running up that Hill auf dem Keyboard ein. 
Vielleicht, vielleicht, vielleicht. 

Was ich aber definitiv nicht mache: das Buch schreiben. Oder das andere Buch. Oder die Geschichten für die Wettbewerbe. Oder einfach mal wieder einen Blogbeitrag. 

In der Abizeitung meines Jahrgangs sollten alle Abiturientys die Frage beantworten, was sie später mal machen wollten. Also nicht später im Sinne von nachher wie beispielsweise "nach der Abifeier erst mal den Rausch ausschlafen", sondern mehr im Sinne von "Wo siehst du deine Bestimmung im Leben?", was in vielen Fällen eher verstanden wurde als Frage nach dem Studienfach. Erstaunlich viele Menschen wollten da BWL oder ähnlichen Quark studieren, einige auch Jura oder Medizin, die wenigsten interessierten sich für sinnvolle und sinnstiftende Berufe, die tatsächlich gesellschaftlichen Mehrwert besitzen. Also die in der Pandemie als essentiell eingestuften Jobs in der Pflege, im Handwerk, im Einzelhandel. Gut, Medizinys braucht es auch, und einige wollten auch Lehrkraft werden, aber der Trend war damals (wie vielleicht auch seither): Hauptsache Geld. 

Ums Geld ging es mir nie. Natürlich habe ich das Glück, dass es das nicht musste; einerseits hatte ich immer Menschen, die mein Leben finanzierten, andererseits sind meine Bedürfnisse nicht so ausgefallen, dass ich überhaupt viel Geld bräuchte. Wenn ich Geld ausgebe, dann in der Regel für Lebensmittel. 
Das passt natürlich ein bisschen zu meinem Studium, denn wer Ernährung studiert hat, darf sich auch fürs Essen interessieren.

Andererseits habe ich auf die Frage, was ich denn mal machen wollte mit meinem Leben, geantwortet: irgendwas mit Worten. Schon damals konnte ich nicht schreiben, ich wolle Schriftsteller werden. Vielleicht wusste ich nicht, ob ich das wirklich werden konnte. In dreierlei Hinsicht: Wie wird man Schriftsteller? Bin ich geeignet, Schriftsteller zu sein? Ist mir das überhaupt gestattet, Schriftsteller zu sein?

Das Irritierende daran ist, dass ich nie darüber nachgedacht habe, etwas anderes zu sein. Mein ganzes Leben besteht aus der Auseinandersetzung mit Geschichten, meist in Buchform, natürlich aber auch in Form von Videospielen, Filmen oder Serien. Seit ich schreiben kann, schreibe ich gerne, sowohl mit der Hand als auch digital (und ja, für lateinisch Angehauchte ist da ein unbeabsichtigter Wortwitz versteckt). Ich mag es, Worte aneinanderzureihen, finde es schön, wenn sich Gedanken erst im Gehirn formen und dann in einem Text wiederfinden. Ich lese gerne, lieber sogar als ich Gefilmtes oder Animiertes konsumiere, aber Lesen ist eine ausschließliche Tätigkeit, da kann man nebenbei nicht noch etwas Zweites erledigen. Außer Warten vielleicht (auch wenn Warten, wenn man liest, vielleicht schon nicht mehr Warten ist).

Ich hatte nie eine Vorstellung davon, was ich tun sollte, wenn ich nicht schriebe. Und doch schreibe ich nicht. Und ich weiß nicht warum. 

Klar, da ist die lose Erfahrung, dass bisher jede kreative Äußerung meinerseits früher oder später auf Ablehnung gestoßen ist. Wahrscheinlich, das gebe ich zu, hat mein Gehirn da auch Verknüpfungen hergestellt, wo keine sind. Als ich in der Grundschule gemobbt wurde, dann bestimmt nicht nur, weil ich mich künstlerisch von den anderen unterschied, sondern eben auch einfach anders war. Als ich im Gymnasium den Chor verließ, dann nicht, weil ich schief gesungen hätte, sondern eher, weil ich auch da als anders wahrgenommen und auch so von den anderen behandelt wurde. In meinen Jugendjahren habe ich mittelprächtige Gedichte geschrieben, bis mir gesagt wurde, ich müsse, um gut zu werden, noch vieles lernen; leider war diese bloße Feststellung weniger hilfreich, als es vielleicht ein Mentoring gewesen wäre. Und natürlich hat auch die Einschätzung meiner Eltern nicht geholfen, ich dürfe ja durchaus meinen Schreibkram machen, davon leben könne ich aber bestimmt nicht, ich solle mir also lieber einen Brotberuf suchen. 
Vielleicht darum das Studium der Ernährungswissenschaften.
Brot und so. 

In Gießen dann K. kennengelernt, den hyperpragmatischen Gegenentwurf zu meiner ohnehin schon angerauten Künstlerseele. K. hat mich im Studium immer angetrieben, gemeinsam haben wir alle Praktika und Seminare durchgezogen, uns gegenseitig (und danach allen anderen) die Naturwissenschaften erklärt, zu denen wir anfangs beide  keinen Zugang gefunden hatten. Gemeinsam haben wir uns durch ein Studium geschoben, das uns, wenn wir einander und uns selbst gegenüber ehrlich gewesen wären, doch eigentlich beide nicht wirklich interessierte. Doch das einzige Mal, dass ich tatsächlich ehrlich über meine Ambitionen mit K. sprach, erwähnte ich meinen Traum davon, ein Buch zu schreiben, vielleicht auch zwei. Schriftsteller wolle ich eigentlich werden, und das mit der Ernährung sei eigentlich nur ein Notnagel. Ein Brotberuf eben.

Und dann hat K. von dem Manuskript erzählt, das die Familie nach dem Tod des Großvaters gefunden hätte. Grauenvoll, unlesbar, komplett unbegabt; und doch hätte der Großvater bis zuletzt noch am Traum gehangen, irgendwann doch noch die Geschichte zu veröffentlichen. Ich solle, das sagte mir K. also, diesen Traum begraben, bevor mich der Traum unter sich begrabe.
Und weil ich K. aus Gründen, die ich rückblickend nicht nachvollziehen kann, mehr zutraute in Lebensfragen als mir selbst, folgte ich diesem Rat und verabschiedete mich von meinem Traum.

Nun wissen alle, die über die Jahre mein Blog gelesen haben, dass das nicht ganz stimmt. Ich habe immer wieder geschrieben. Kürzere und längere Blogbeiträge, auch Geschichten, ich habe auch (manchmal erfolgreich) an Wettbewerben teilgenommen; aber mein Herz habe ich doch nie so richtig hineingeworfen. In allem, was ich schreibe, halte ich mich zurück. Meine literarischen Texte sind oft von einer unpersönlichen Kälte durchzogen, meine Protagonistys unnahbar oder komplett unsympathisch, meine Sätze zu klinischer Sauberkeit ausgeputzt. 

Ich will mich, das ist meine Analyse, in meinem Schreiben nicht angreifbar machen, will nicht so weit aus mir rausgehen, dass ich vielleicht nicht zurückkann. Ich habe die Erfahrung, dass kreativer Ausdruck nicht nur belohnt wird, immer noch nicht überwunden. 
Als ich vor Jahren das sehr selbstentblößende Theaterstück "Die letzte Königin" geschrieben und aufgeführt hatte, sagte mir eine Zuschauerin hinterher, wie deutlich sie mir das Fehlen von Grundvertrauen angemerkt habe und wie wenig Grund ich doch dafür zu haben brauchte. Ich solle mit der Erkenntnis auf die Bühne gehen, dass es für ein solches Öffnen dem Publikum gegenüber zwar großer Kraft bedürfe, dass ich diese Kraft aber doch offensichtlich auch besäße. Ich müsse mich nicht mehr zurückhalten.

Und doch halte ich mich immer noch zurück. Ich suche immer noch Ausreden, Ablenkungen, andere Aufgaben. Ich weiß, dass ich mir selbst damit schade, nicht zu schreiben; dass ich den Drang, meine Geschichten zu erzählen, zwar unterdrücken, aber nicht einfach ausjäten kann. Und ich würde es ja auch gar nicht wollen. 
Ich will ja Geschichten erzählen, will Bücher schreiben; und doch traue ich es mir nicht zu. 

Ich warte. Darauf, dass irgendwann jemand zu mir kommt und sagt: schreib jetzt dieses Buch. Und doch warte ich nicht bewusst. Ich schaue Serien, ich lese Bücher, ich räume die Wohnung um, ich höre Podcasts. Ich weiß natürlich, dass auch die Welt nicht wartet. Ja, im Kleinen schon: Menschen stehen an der Kasse oder auf der Rolltreppe, sie sitzen in Autos und Eiscafés, sie warten auf ihren Arzttermin oder eine Organspende. Aber die Welt wartet nicht darauf, dass ich mich hinsetze und schreibe, sie wartet nicht darauf, dass ich das Buch beende. Jedes Jahr erscheinen 80000 Bücher, und die wenigsten davon werden tatsächlich gelesen; und selbst diese 80000 Bücher sind nur ein Bruchteil dessen, was Verlagen angeboten wird. 
Kein Verlag wartet auf mich, die Welt wartet nicht auf mich. Nur ich selbst warte auf mich und darauf, dass ich mir endlich selbst die Erlaubnis gebe, alle gut und schlecht gemeinten Ratschläge und Reaktionen auf einen wie auch immer gearteten kreativen Ausdruck hinter mir zu lassen. Und ich warte immer noch darauf, dass ich irgendwann zu mir komme und sage: Ich schreibe jetzt dieses Buch.