Textualitäten    Kann ja nicht alles wahr sein. Manches ist sogar noch wahrer.

Über Menschen

Vor etwas über einem Jahr lese ich auf reddit von einem Iraker, der nach Kanada flüchten will, wo er in der Ölindustrie arbeiten und dank der LSBTI*-freundlichen Gesetzgebung seinen Partner nachholen könnte. Im Irak wird Homosexualität offiziell "nur" mit Gefängnis bestraft, Morde an Schwulen werden aber nicht geahndet. Alles, was mit Homosexualität assoziiert werden kann, zum Beispiel eine HIV-Infektion, gleicht einem Todesurteil. Der Partner des Mannes ist vor Kurzem positiv auf HIV getestet worden; die Familie hat davon erfahren und ihn beinahe gelyncht. Nun sind beide auf der Flucht im eigenen Land, stets in Angst vor Entdeckung und in Sorge vor dem Ausbruch von AIDS. Mit Medikamenten aus dem Ausland halten sie die Infektion in Schach, aber die Beschaffung ist teuer und schwierig und erhöht ihr Risiko aufzufliegen.

Bei allem Mitgefühl, das ich empfinde, muss ich an das Gilgamesch-Epos denken; immerhin stammen die Männer aus dem Irak, dessen Gebiet auch das einstige Sumer umfasst, dessen berühmtester König Gilgamesch war. Im Epos sucht Gilgamesch nach dem Tod seines Gefährten Enkidu ein Mittel gegen die eigene Sterblichkeit und findet auf einer Insel inmitten der Wasser des Todes seinen Urahn, der ihm nicht nur die Geschichte der Großen Flut erzählt, sondern auch von der Pflanze der ewigen Jugend. Gilgamesch erringt die Pflanze, verliert sie jedoch an eine Schlange. Derart gescheitert kann er nur darauf hoffen, dass wenigstens sein Name ihn überleben wird.

Die Überlagerung individuellen Leids mit der mythischen Tragödie abstrahiert jene, deren Leben tatsächlich in Gefahr ist und nicht nur eine Geschichte; aber was soll ich tun? Ich kann nur Mitleid empfinden und tröstende Worte spenden. Ansonsten bleiben mir ohnehin nur Annahmen: Gibt es diesen Mann wirklich? Stimmt seine Geschichte? Oder ist das - auf reddit nicht abwegig - nicht nur eine mitleidheischende Erfindung? Ich blicke durch ein kleines Fenster in ein großes Leben, dessen Details ich nicht erkenne und nur mit Annahmen füllen kann.

Aber eigentlich ist eh gerade Corona, die Welt ist stehengeblieben, sonst hätte ich gar keine Zeit für reddit; und weil es da jede Menge Geschichten gibt, habe ich den Irak rasch wieder vergessen. Alles geht unter in der Flut der Schicksale. Andere Männer aus anderen homophoben Ländern, vor allem aber Pandemiegeschichten, in denen Existenzen oder ganze Leben von einer Krankheit bedroht werden, die anders als HIV/AIDS alle Menschen trifft und nicht scheinbar nur jene, die Randgruppen angehören oder sich in Subkulturen bewegen.

Corona raubt der ganzen Welt den Atem, ist eine laute Pandemie, während HIV/AIDS immer noch eine stille Seuche ist. Auch wenn mittlerweile Medikamente entwickelt wurden, die ein symptomfreies Leben ermöglichen und auch die Weitergabe des Virus verhindern. "Mittlerweile" heißt: über 30 Jahre, nachdem HIV/AIDS als Pandemie eingestuft wurde, hat die EU 2016 PrEP zugelassen. Heißt: Ein Ende dieser Pandemie ist noch nicht in Sicht; über HIV wird immer noch zu wenig gesprochen, Scham und/oder Unwissenheit führen dazu, dass sich täglich weltweit immer noch zehn Menschen neu mit HIV anstecken.
Das soll nicht heißen, dass mit den Corona-Infizierten genauso ignorant umgegangen werden soll wie mit den HIV-Infizierten. Es ist leichter, dem HI-Virus zu entgehen, es überträgt sich nicht über Aerosole, sondern über Körperflüssigkeiten. Corona tötet rascher, nach den sechs Wochen, die bei COVID zwischen Infektion und Tod stehen können, bemerkt ein HIV-Patient gerade mal die ersten Symptome. Corona priorisiert zu behandeln ist richtig und wichtig. Hätte die Welt wie bei HIV weggeschaut … ich will es mir gar nicht vorstellen.

Corona ist omnipräsent, ich hänge am Fernseher: neue Zahlen, neue Negativrekorde, neue Eskalationen. Ich lauere auf die nächsten Einschläge, die doch nie näher kommen. Ein entfernter Cousin ist an COVID gestorben, da ist die Pandemie kaum mehr als ein Gerücht, danach sind die Zahlen einfach nur Zahlen, keine Schicksale mehr, nur anonyme Infizierte, namenlose Tote. Der Welt da draußen geht die Luft aus und ich schaue durchs geschlossene Fenster in leere Straßen und lenke mich mit reddit, YouTube und Podcasts von meiner Langeweile ab.

Im September brennt Moria, in Deutschland unterschreiten die Corona-Neuinfektionen noch die 2000er-Grenze, und mein Mann und ich fahren für ein Wochenende an die Mosel. Wir trinken Wein, gehen essen, tragen unsere selbstgenähten Masken und fühlen uns sicher. Im März werden zwei afghanische Jugendliche für den Brand in Moria zu fünf Jahren Haft verurteilt. Lese ich heute, zwei Monate später. Gestern waren wir bei Freunden zum Grillen, bei Nieselregen saßen wir unter dem Vordach, reden darüber, was wir im letzten Jahr, also seit wir uns das letzte Mal gesehen haben, alles nicht erlebt haben. In der Innenstadt sind die Außentische der Lokale voll besetzt. Pandemie? Welche Pandemie? Moria? Irgendwas mit Feuer. Ach ja, klar: In Moria tötete Gandalf der Graue den Balrog und kehrte als Gandalf der Weiße nach Mittelerde zurück.

Vor knapp vier Wochen stolpere ich auf reddit mal wieder über den Iraker. Sein Partner und er verstecken sich immer noch, sie haben immer noch Angst. Die Medikamente sind immer noch teuer, die Pläne für eine Flucht nach Kanada liegen auf Eis, wegen Corona schotten sich alle Länder ab. Der Iraker und sein Partner haben eine Corona-Infektion mit zweiwöchigem starken Fieber überlebt. Er schreibt, dass er in The Last of Us 2 zwei 60jährige Männer gefunden hat, die zusammen in der Wüste leben; einer sagt: "Früher hatte ich alles und brauchte nichts davon; jetzt brauche ich nur, was ich habe mit diesem Mann." Und der Iraker schreibt, dass er da habe weinen müssen vor Rührung, denn dieser Satz treffe auch auf ihn und seinen Partner zu: sie haben nur einander und doch ist das alles, was wirklich zählt.

Und dann kommt der Wettbewerb, es geht um geöffnete Fenster, an denen vorbeigegangen wird, und ich denke an Schicksale, an denen wir vorübergehen, Geschichten, die wir anschauen und abhaken, an Menschen, die uns begegnen und die wir vergessen. An den Iraker denke ich da gar nicht, sondern will nur einen anfangs gutwilligen Übersetzer in einer Erstaufnahmestation beschreiben, der vor lauter erzähltem Leben irgendwann ganz stumpf wird und werden muss, soll ihn das viele fremde Leid nicht auffressen. Mit diesem Gedanken schlafe ich ein, doch als ich mich morgens an den Schreibtisch setze, wartet da schon eine andere Geschichte und lässt sich mehr oder weniger so aufschreiben, wie sie jetzt da steht.

Erst später, kurz vor dem Einsendeschluss, geht mir auf, was ich getan habe: Mich parasitär an fremden Schicksalen und fremdem Leid bedient nämlich, und das dann auch noch in der Form pauschalisierter Annahme, kenne ich doch keinen einzigen Menschen mit Fluchthintergrund persönlich und selbst die Zustände von Moria nur aus meinem Fenster zur Welt, dem Fernseher. Das Ganze garniert mit dem Kernmythos einer untergegangenen, mir komplett fernen Kultur, die ich faszinierend - oder schlimmer: "exotisch" - finde, über die ich viel gelesen habe, die ich letztlich aber nur aus zweiter, dritter oder zwölfter Hand kenne. Während ich mich gleichzeitig darüber aufrege, dass die ARD-Produktion All you need  das Leben schwuler Männer in Berlin nicht nur oberflächlich und klischeehaft beleuchtet, sondern auch noch in den Hauptrollen nur mit heterosexuellen Männern besetzt.

Für einen neuen Text ist es da schon zu spät, außerdem mag ich die Geschichte trotz allem. Ich habe meine Figuren liebgewonnen, meine Remixe von Realitäten. Ich habe ihnen meine Vorstellung von Wirklichkeit eingeimpft, sprechende Namen gesucht: Moussa und Harun, die arabischen Varianten von Moses und Aaron; Zaher, den Helfer; İlkin, dessen Name "Erster" bedeutet, weil er sich selbst allem und allen voranstellt. Das Feuer  brannte sich in der xten Bearbeitung plötzlich in den Text. Keine Ahnung, was mit Moussa dabei passiert ist. Zaher sucht ihn kurz, wird ihn wohl mit der Zeit vergessen. Den einen Moment, wirklich mit Moussa Kontakt aufzunehmen, hat er verpasst, ihn vielleicht aktiv verstreichen lassen. Er stellt sich vor, wie es wäre, Moussa eine tröstende Hand hinzustrecken. Doch dann geht Moussa lieber zurück in das Zelt, wo ihn Gewalt erwartet, als weiter neben Zaher auf einem Stein zu sitzen, wo es noch nicht mal Trost gibt. Zu spät erst wird Zaher denken, alles wäre besser gewesen als nichts.

Mit diesem Gedanken rechtfertige ich auch meinen Text und wohl auch, wenn Heterosexuelle Nicht-Heterosexuelle darstellen: Es ist besser als nichts.
1993 hat Tom Hanks' Darstellung eines AIDS-Kranken in Philadelphia die Themen Homosexualität, Homophobie und HIV einem breiteren Publikum nähergebracht. Hätte die Rolle nur mit einem schwulen Schauspieler besetzt werden dürfen, wäre der Film wahrscheinlich überhaupt nicht gedreht worden oder hätte niemals die Reichweite bekommen, die er dank Tom Hanks erst erreicht hat.
Und ohne mich mit Hanks vergleichen zu wollen oder meinen Text mit diesem Film: Ich glaube, es ist besser, einen fehlerhaften Text aus angenommener Perspektive zu schreiben und so vielleicht wenigstens das Fenster zu einer Diskussion zu öffnen, als ein Thema komplett zu ignorieren, das uns sonst nur ins Bewusstsein rückt, wenn Lager brennen. Es wird immer besser gewesen sein als nichts.

Kurz vor dem Absenden streiche ich noch das "und" aus dem Titel und fühle mich superschlau, denn in dieser Geschichte geht es um Menschen und um das Göttliche und das Tierische in uns und wie das Spannungsfeld dazwischen uns erst zu Menschen macht; und es geht (überspitzt dargestellt) ein bisschen darum, wie die westlichen Menschen die geflüchteten Menschen wie Tiere in Lager sperren und wie Götter über Schicksale richten. Dabei sind wir nicht Götter oder Tiere, wir sind Göttertiere: Menschen. Wir alle sind nur Menschen.

Götter, Tiere (Wettbewerbsbeitrag)

Als ihnen nur noch wenig Luft bleibt, beginnt Moussa eine Geschichte.
„Der Große König, der über die vier Weltgegenden herrschte, besaß alles, was Menschen sich wünschen konnten, und war doch unglücklich. Also betete er zu den Göttern – “
İlkin unterbricht ihn: „Es gibt keine Götter, es gibt nur – “
„Lass ihn.“ Zahers Stimme übertönt kaum das Glucksen des Wassers. „Wer auch immer unsere Leichen finden wird, sei es Tier, sei es Mensch; es wird sie nicht kümmern, ob wir an einen oder viele Götter geglaubt haben.“
„Gott kümmert es.“
„Es ist nur eine Geschichte, İlkin.“
Moussa wendet sich zum Horizont. „Es ist nicht einfach nur eine Geschichte. Harun hat sie mir erzählt. Er sagte, es sei unsere, aber ich habe ihn zu spät verstanden. Harun war – er ist … Harun ist mein – “
„Wir haben Augen. Wir haben Ohren. Wir wissen, wer Harun war. Du weinst im Schlaf.“
„İlkin, lass ihn. Moussa, erzähl weiter.“
Moussa atmet tief ein und langsam wieder aus, bevor er weiterspricht. „Der Große König war halb Gott, halb Mensch, darum erschufen die Götter“ – İlkin schnaubt, sagt aber nichts weiter – „einen Wilden Mann, halb Mensch, halb Tier. Gegen ihn sollte der König kämpfen und so seine Unruhe vergessen. Sie rangen Tag und Nacht, doch keiner der beiden konnte sich den anderen unterwerfen. Schließlich schlossen sie Frieden und wurden Freunde. Gefährten, halb Gott, halb Tier, aber gemeinsam – " Er stockt kurz, dann fügt er tonlos hinzu: „Ein Schiff.“
„Wie sollen zwei Menschen – “, poltert İlkin los.
„Ein Schiff“, sagt Zaher und deutet dahin, wo Moussas Blick sich verliert.
„Ein Schiff“, ruft İlkin. „Wir sind gerettet!“ Er lacht.
Moussa lacht nicht.
Zaher schweigt, denkt an die letzten Toten, die sie gestern erst dem Wasser übergeben haben. Hätten sie nur einen Tag länger durchgehalten.
„Wir sind gerettet“, ruft İlkin und winkt dem Schiff. „Gott ist groß!“

Die Soldaten auf dem Schiff mustern die Männer, die sie aus dem Meer geholt haben, wie Fischer den Beifang. Moussa und Zaher werden an gleichgültigen Blicken vorbei ins Heck gebracht, während İlkin einer Frau vorgeführt wird, die angeblich ihre Sprache versteht. Zaher stellt sich neben Moussa an die Reling. Das Schlauchboot treibt knapp unter der Wasseroberfläche davon.
„Deine Götter hatten Mitleid mit uns“, sagt Zaher.
„Götter kennen kein Mitleid.“
„Wie ging es weiter?“
Moussa schweigt lange.
„Sie haben den König geprüft.“
İlkin kommt zu ihnen.
„Du bist dran“, sagt er zu Moussa.
„Wie war es?“ fragt Zaher.
İlkin zuckt mit den Schultern und sagt: „Es liegt in Gottes Hand.“
Zaher weiß, was Moussa der Frau sagen wird. Dass er anpacken kann, dass er nützlich ist. Dass er in seiner Heimat schwer gearbeitet, Öl gefördert hat. Sie wird es seinem Körper ansehen, trotz der viel zu vielen Tage auf See ist Moussa noch stark, stärker als İlkin und viel stärker als Zaher ohnehin. Moussas Kraft hat ihn im Boot vor İlkin geschützt, doch hier und jetzt wird sie ihm nichts nützen.
„Die Zeit für Öl ist vorbei“, wird die Frau sagen. „Du kommst zu spät. Wir brauchen dich nicht.“

Zaher spricht gutes Englisch, im Lager eine wertvolle Währung. Er darf zwischen den Hilfsorganisationen und den Lagermenschen übersetzen.
„Meri hier braucht Medikamente“, sagt er zu der Frau in der wolkenweißen Uniform. „Ihr Kind ist krank.“ Dass es Meris drittes Kind ist, dass die beiden anderen schon gestorben sind, sagt er nicht. Die weiße Frau müsste blind sein, um Meris Schmerz nicht zu sehen.
Husên, der seinen Sohn sucht, sagt er, die Aufseher würden die Augen offenhalten, obwohl er weiß, dass sie es nicht tun werden. Der Junge wird entweder von allein wieder auftauchen oder verschwunden bleiben. Die Aufseher kümmert es nicht, wenn ein Lagerkind verloren geht.
„Diese Frau ist vergewaltigt worden.“ Sie hat es ihm nicht gesagt, sie weint mehr als sie spricht, aber Zaher kann die Zeichen lesen. „Sie weiß nicht, wer es war, aber sie hat Angst, es könnte wieder geschehen.“ Der Mann in Weiß geht fort, vielleicht holt er eine Ärztin, vielleicht einen Soldaten, vielleicht kommt er nicht wieder. Zaher schaut die Frau an, sie weint und weint und weint.
„Fatin braucht Decken für sich und seinen Bruder.“ Zaher überlegt, ob er der Helferin verraten soll, dass Fatin diese Woche schon dreimal nach Decken gefragt und sie dreimal bekommen hat. Zaher überlegt, ob er Fatin fragen soll, was er mit den vielen Decken macht.
Die Menschen, die im Lager leben, kommen zu Zaher, und Zaher spricht für sie mit den Menschen, die das Lager kontrollieren. Er übersetzt ihre Bitten, ihr Flehen, ihre Schwüre, ihre Drohungen in einfache, klare Worte. Zaher glättet die Wogen, er weiß um die verheerenden Folgen eines Sturms. Niemand kommt zu Zaher, um mit Zaher zu sprechen.

Die Sonne geht unter. Zaher findet Moussa am steinigen Strand.
„Wieso bist du nicht im Zelt?“
„İlkin.“
Zaher fragt nicht nach. Er hat Moussa welken sehen, er weiß, dass auch İlkin Moussas Verfall nicht entgangen ist. Moussa, der am ersten Tag auf See noch wirkte, als könnte er allein das Schlauchboot samt seinen 30 Passagieren über das Meer rudern, könnte jetzt nicht einmal mehr das Steuer halten. Wenn İlkin seine neuen Freunde einlädt, wehrt Moussa sich noch nicht einmal mehr. Zaher hat versucht, Moussa zu schützen, doch so schwach Moussa sein mag, Zaher ist immer noch nicht stärker als er.
„Lass ihn“, hat Moussa darum zu Zaher gesagt, „du bist ein guter Mensch. Er verdient es nicht, dich zu verletzen. Geh und hilf denen, denen geholfen werden kann.“
Jetzt sitzen sie gemeinsam auf einem Felsen und starren auf die kupferfarbenen Wellen.
„Was ist aus dem Großen König geworden? Willst du mir das Ende der Geschichte erzählen? Ich höre zu.“
Erst stürzten die Götter den König ins Glück, dann forderten sie ihn heraus, sein Unglück zu versuchen. Vielleicht erschien er ihnen rückblickend unwürdig, vielleicht nicht dankbar genug. Vielleicht unterzogen sie ihn aus Bosheit, vielleicht aus Langeweile einer Prüfung.
„Den Wilden Mann befiel eine Krankheit. Er, der stets zugleich schlau wie ein Mensch und stark wie ein Tier gewesen war, war nun weder das eine noch das andere. Mal schlug er um sich wie eine zornige Bestie, mal konnte er kaum das Bett verlassen wie ein alter Mann. Der König befragte die Ärzte, die Priester, die weisen Frauen, doch niemand wollte seinem Gefährten helfen.“
„Vielleicht konnten sie es nicht.“
„Vielleicht. Der König verfluchte sie alle und machte sich selbst auf, ein Heilmittel zu finden. In allen vier Weltgegenden suchte er, doch erst im Reich der Götter fand er ein Kraut, das den Wilden Mann unsterblich hätte machen können.“
„Hat der König den Wilden Mann gerettet?“ Zaher fragt, obwohl er die Antwort kennt. Moussa weint noch immer im Schlaf.
„Er war inzwischen gestorben.“
Zaher, der den ganzen Tag den Schmerz fremder Menschen in Worte gefasst hat, findet in sich keinen Trost für den Mann, der am ehesten das ist, was er einen Freund nennen würde. Die Toten fallen ihm ein, die sie den Wellen überlassen haben; er erinnert sich an die Stille danach.
„Ich hätte Harun nicht verlassen dürfen.“
Zaher stellt sich vor, Moussas Hand in seine zu nehmen; Moussa über den Rücken zu streichen; Moussa in seine Arme zu schließen. Später wird Zaher denken: Alles wäre mehr gewesen als nichts.
Moussa steht auf und sagt: „Ich gehe zurück.“
Zaher sitzt noch lange in der Finsternis und lauscht den Stimmen von Wind, Wasser und Stein.

Als einige Abende später das Feuer kommt, ist Zaher noch im Containerdorf der Hilfsorganisationen. Er hat lange übersetzt an diesem Tag, hat die Worte der Menschen durch sich hindurchwehen lassen wie Wind, der durch ein leeres Zimmer geht. Er lässt jetzt nichts mehr aus, er hört nicht mehr zu, er ist nur Ohr und Zunge; seine Augen sind jetzt oft geschlossen, als müsse er sich konzentrieren, dabei will er nur die Menschen nicht mehr sehen.
Die Container stehen im Luv, der Wind treibt den Brand von ihnen fort über die Hügel. Zaher lehnt sich mit dem Rücken an den Zaun, der den Wildwuchs des Lagers von den ordentlichen Baumreihen eines Olivenhains trennt. Schatten flackern über sein Gesicht. Er riecht nicht den Rauch, er hört nur die Schreie und dann auch die nicht mehr.

Zaher irrt durch den Wald gerußter Metallstäbe. Er wird nicht mehr gebraucht, die Hilfsorganisationen wurden abgezogen, die Soldaten, die das neue Lager bewachen, haben kein Interesse an Dolmetschern. Auf der Suche nach dem Zelt, in dem er mit İlkin und Moussa gelebt hat, verliert er wieder und wieder er die Orientierung.
Plötzlich steht da İlkin.
„Hast Du Moussa gesehen?“ fragt Zaher, doch İlkin lacht nur und geht durch die Asche davon.

Mitschiffs

Ich bin irgendwo im Irgendwo.
"Im Nirgendwo" sagt man eigentlich, tatsächlich ist das Gefühl aber anders.
Denn ich bin mitten in meiner Geschichte, in der Geschichte, an der ich jetzt seit 2006 mit Unterbrechungen bastle. Ich habe schon mehrfach versucht aufzuhören in diesen Jahren, ich habe versucht, diese Geschichte zu leugnen, deren Entstehung aus mir heraus ich teilweise distanziert betrachten konnte, als handele es sich um etwas, das einem anderen Menschen passiert. Teilweise - und so ist es auch momentan - fühle ich wieder, wie die Geschichte mir zustößt.

Die Assoziation mit einem Unfall drängt sich nicht von ungefähr auf, es ist nicht so, als hätte ich derzeit eine Wahl. Mir fehlt der Austausch mit anderen Schreibern. Ich habe das Schriftstellerforum versucht, will aber nicht übers Schreiben schreiben, sondern sprechen. Telefonieren kommt aber bei so etwas Intimem wie Schreiberei nicht infrage. Daher weiß ich nicht, ob es anderen auch so geht wie mir: dass ich die Geschichte erzähle, als hätte ich sie anderswann schon gehört, gewissermaßen erzähle ich also nach.
Nur dass dieses Anderswann Bruchteile von Sekunden vorher war, die Erinnerung an die Geschichte schält sich direkt aus meiner meiner Erinnerung an etwas, das nicht war, bevor es in Worte gefasst habe. Eine seltsame Erfahrung ist das, und ich habe eine Vermutung, wie das psychologisch zu erklären ist, dadurch fühlt es sich aber nicht weniger seltsam an.

Derweil fühle ich mich, als wäre ich auf halbem Weg zwischen Hier und Dort. Dummerweise ist die tatsächliche Geschichte noch weit entfernt, ich finde in mir nur die Hintergründe für die Geschichte, Orte, an denen ich noch sein werde, Personen, die ich noch kennenlernen werde. Kurzgeschichten, die ich geschrieben habe, eine insgesamt unabgeschlossene Reise ohne Hinweis auf eine eventuelle Ankunft. 

Später (Wettbewerbsbeitrag)

Später, einen Tag, einen Monat, ein Jahr später. Die Zeit verliert sich im Starren aus Fenstern, im Hoffen auf Wunder. Die Zeit ist vergangen vor Langeweile. Sie wartet nicht mehr darauf, dass Du erwachst, die Augen öffnest, siehst, was vor Dir liegt. Die Zeit ist fort. Zurück bleibst Du mit leeren Händen, leerem Herzen. Nichts kehrt je zurück, denkst Du und weißt, dass es stimmt und doch nicht stimmt. Wie alles eine Wahrheit ist und gleichzeitig eine Lüge. Deine Wahrheiten sind Nebel, der aus fernen Bäumen steigt. Deine Lügen sind sinnloses Paddeln in der Mitte des Meeres. Der nächste feste Boden, die einzig erreichbare Wahrheit ist der Grund unter Dir und den wirst Du nicht lebend erreichen. Verloren bist Du. Schlägst nur aus Trotz noch mit den Beinen. Gib auf, lass Dich sinken, atme aus, sieh den Luftblasen zu, die von Dir fort, von der Dunkelheit fort aufsteigen ins ferner werdende Licht. Nichts kehrt zurück, ist der vorletzte Gedanke. Der Schmerz in den Lungen überwältigt Dich, und dann ist da - ganz kurz, zu spät - die alte Angst, die Dich am Leben halten will. Du öffnest den Mund. Wasser, salziges, kaltes Wasser füllt Deinen Rachen, Deine Lungen. Das letzte, woran Du denkst, ist der Geschmack von Tränen.

Du hast wieder geweint im Schlaf. Die Kissen aus dem Bett geworfen. Dein Körper verfangen in der Decke. Alles tut weh. Jede Bewegung. Das Licht. Die Laute der Straße, Autos, Menschen, Baustellenlärm. Alles beißt sich in Deinen Körper. Schließt Du die Augen, spürst Du noch die Wellen wogen in Deinen Lungen. Spürst das lichtlose Dunkel, in dem irgendwo richtiger, fester Grund sein muss, unzählige Faden tief. Du kannst nur liegen, an das Wasser denken und an die Angst, niemals mehr irgendwo anzukommen, da Du atmen kannst, leben kannst ohne den Geschmack von Salz auf den Lippen. Dann steigt erneut alles empor in Dir. Die Wellen werden wütender Sturm und ziehen Dich wieder hinab. Du kannst nicht anders als versinken.

Später, Jahre später, Tage später, immer noch tanzen Flecken vor Deinen Augen, wenn Du den Kopf zu schnell drehst. Jemand spricht. Du stehst Du am Fenster. Siehst hinaus. Willst das Dunkel nicht mehr spüren, auch wenn es Dich Deinen Grund kostet. Die Narben auf Deinen Armen, wo das Meer herausbrach, sind noch nicht verheilt. Die Stimme sagt wieder etwas. Du siehst aus dem Fenster. Legst Deine Stirn an das Glas. Kaltes Glas, das unter Deiner Berührung langsam warm wird. Nicht unangenehm ist das, aber kalt war besser. Kalt ist immer besser.
„Was sehen Sie?“ Die Stimme gibt nicht auf. „Menschen. Meer. Autos.“ Vor dem Fenster ist leerer Park. Herbst hat die Blätter von den Bäumen genommen. Du siehst nicht hin. Schließt Deine Augen. Versuchst irgendetwas zu fühlen, das nicht Glas ist, aber da ist nichts. „Was sehen Sie wirklich?“ Als ob das jemanden interessierte. Als ob das wichtig sei, als ob irgendetwas wirklich sei. „Ich weiß, Sie glauben, ich wäre hier, um Sie zu quälen, zu überwachen oder um herauszufinden, ob Sie verrückt sind. Ob wir Sie hierbehalten sollen.“ Die Stimme wird leiser, geht im anschwellenden Rauschen des Meeres unter. Du spürst das Ziehen Deiner Fingerspitzen am Schorf der Wunden. „Ich bin hier, um Ihnen zu helfen.“ Wo ist der tiefe, dunkle Grund? Du fällst. Das Meer ist dunkler diesmal, nicht graugrünes Blau, sondern rostiges Braun. Herbst, denkst Du noch, dann fließt wieder Schwärze über Deine Augen und trägt Dich fort.

„Wie geht es Ihnen heute?“ Es ist ein Mann. Jetzt erst, Wochen später siehst Du, es ist ein Mann. Er hat kurzes braunes Haar, an den Schläfen leicht grau. Falten um die Augen, die er sich ins Gesicht gegraben hat, damit Du denkst, er lache viel und sei freundlich. „Sie sind ein Mann.“ Er lächelt nicht, sagt nichts,  wahrscheinlich wusste er es schon. Er schreibt etwas auf. „Beantworten Sie bitte die Frage. Wie geht es Ihnen heute?“ Er schreibt alles auf. Wenn Du nichts sagst, schreibt er eben das auf. Um sich nicht zu langweilen vielleicht. Um das Kratzen des Stiftes auf dem Papier zu hören und nicht das Brüllen des Sturms in seinem Kopf. „Hören Sie das auch?“ Er antwortet nicht. Vielleicht hört er den Sturm nicht, nicht Deine Frage. Vielleicht ist das Kratzen des Stiftes lauter als Deine Stimme. Vielleicht interessiert er sich auch nicht für Dich. „Wie geht es Ihnen heute?“ Seit Wochen geht das so. Du legst Dein Gesicht in Deine Hände. Kalt sind sie. Eiskalt wie das Meer. Bevor die Handflächen Deine Augen bedecken, fangen die Narben Deinen Blick. Rote lange Striemen. Du hältst die Luft an. Spürst, wie Übelkeit in Dir aufsteigt bei der Erinnerung an das Weiß der Knochen unter der Haut. Das Weiß, das so lange zu sehen war, bevor Blut floß, Minuten, Stunden, Jahre vielleicht. Das Weiß hat sich in Deine Netzhaut gebrannt. Selbst jetzt, da Du die Handflächen gegen die Augen drückst, siehst Du es vor Dir, bar allen Fleisches. Das Weiß vor dunklem Grund. Dann wirst Du ohnmächtig.

Später lassen sie Dich gehen. Das Rot der Narben ist ausgeblichen. Das Tosen der Brandung ist dem Schlagen Deines Herzens gewichen. Du hast ihnen von Deiner Leere erzählt. Vom Dunkel, das in Dir schläft. Du hast behauptet, das Meer zähmen zu können. Hast gesagt: „Ich will leben.“ Hast gespürt, dass es eine Wahrheit ist, vielleicht Deine. Sie haben Dir geglaubt. Der Mann mit den grauen Schläfen hat es aufgeschrieben.
Irgendwann glaubst auch Du die Lüge. Willst sie glauben. So wie die Menschen an dem Ort sie glauben wollen, wird Dir klar. Sie wollen sie wie ihre eigenen Lügen glauben, damit sie glücklich sein können. Was ist das für ein Leben, denkst Du. Zu wissen, dass nichts wiederkehrt. Trotzdem weiterzugehen, das Dunkel im ungeschützten Rücken. Zu hoffen, dass die wiederkehrende Flut Dich nicht doch noch verschlingt. Aber wenn es macht, dass sie aufhören, Dich zu fragen, wie es Dir geht, dann überzeugst Du sie davon, dass alles gut ist, dass das Meer sanfter geworden ist, dass der ferne Grund nicht mehr an Dir zieht. Eine schöne Vorstellung ist das. Eine schöne Vorstellung, die Du da gegeben hast. Fehlt nur der Applaus. Fehlt nur der sich senkende Vorhang.

Später, Sekunden oder Monate später wird es zum wiederholten Mal Herbst. Du hast eine Arbeit gefunden, die nichts in Dir berührt. Menschen sind da, die kommen und gehen, mit Dir sprechen wie mit Haustieren oder Kindern. Wie sie alle gedankenlos reden und nichts sagen. Du packst Deine Sachen. Willst fort von den Menschen, die so sehr überall sind. „Was machst Du heute abend noch?“ Die Frage erschreckt Dich, keiner der Menschen hat bislang so mit Dir gesprochen. Als ob wichtig sei, was Du antwortest. Dass Du antwortest: „Nichts. Nach Hause. Schlafen.“ Du ziehst die Jacke an. Schulterst die Tasche. Gehst, doch der Mensch kommt mit. „Ich dachte. Vielleicht möchtest Du. Könnten wir. Vielleicht. Was meinst Du?“ – „Was meinst Du?“ Es interessiert Dich nicht. Du willst nach Hause, willst das erste Mal wirklich nach Hause. Während der Mensch immer noch spricht, läufst Du schneller. Änderst die Richtung, nur fort vom Menschen, doch der Mensch folgt. „Warte, ich bringe Dich heim. Wo wohnst Du?“ Du drehst Dich nicht zum Menschen um. „Nein. Danke. Nirgends.“ Du rennst bald. Spürst Deinen Puls. Dein Herz. Deine Lungen. Du fliehst weiter. Schließlich, endlich, bist Du wieder allein, weißt nicht wo, irgendwo, auf der falschen Seite der Gleise. Du hörst das Rauschen wieder. Angst vor dem Dunkel steigt auf, doch es ist nur der Zug, der bald den Bahnhof erreicht. Dein Zug. Du fängst wieder an zu laufen. Du rennst wieder, Du rennst quer über die Gleise.

Restposten

Ganz vorbei ist es ja dann doch nicht. Nichts ist das bei mir jemals. Gedanken hören ja nicht einfach auf, und auch das Siremon-Projekt hat also nicht einfach aufgehört. Im Gegenteil erlebe ich gerade wieder eine überraschende Entdeckungslust, eine Tendenz, doch herausfinden zu wollen, was wirklich passierte in jenen letzten Tagen und Monaten auf Siremon, bevor die Welt in Flammen aufging.
Vielleicht ist das die wichtigste und womöglich letzte Aufgabe von anderswolf.de: endlich diese Krankheit von einer Geschichte zu dokumentieren, an der ich nun schon über ein halbes Jahrzehnt laboriere. Diese Geschichte von einem Jungen, der seiner eigenen Bestimmung misstraut und schließlich doch nicht anders kann, als ihr zu folgen, auch wenn sie ihn dazu bringen wird, seine Kindheit, seine Unbeschwertheit, seine Unbefangenheit für immer hinter sich zu lassen.

Das ist ja auch, ohne dass ich absichtlich der Geschichte einen psychologischen Unterbau geben wollte, des Pudels Kern: dass man sich seinen Herausforderungen stellen muss, dass man irgendwann nicht mehr an der Verantwortung, die man trägt, nicht mehr vorbeischielen darf. Irgendwann nicht mehr kann.
Und auch wenn die Angst noch so groß sein sollte, hilft sie nicht.
Glück im Leben erreicht man nicht durch Hadern und Zweifeln und Wegsehen.

Irgendwann dachte ich, dieses Blog, das ich schon so oft und immer wieder beenden wollte, sei um meiner Selbstfindung willen zu schreiben, und um zu mir selbst zu finden. Tatsächlich ist das nicht abwegig, denn das regelmäßige Schreiben ist etwas, das ich üben und tun muss, das strukturierte Textarbeiten ist etwas, das ich lernen und vielleicht irgendwann einmal meistern muss. Doch diese Texte müssen keine Bauchnabelschau mehr sein, mussten sie noch nie. Waren sie dennoch viel zu oft.
Bloggen ist ja auch Eitelkeitspflege. Über die Jahre habe ich auch immer einen schleichenden Qualitätsverlust bei meinen Texten ausgemacht, eine Verflachung der Sprache, eine wachsende Beliebigkeit des Stils. So sehr das vielleicht auch objektiv stimmen mag, dokumentiert diese Entwicklung für mich vor allem eine abnehmende Selbstüberschätzung meinerseits bis hin zur Respektlosigkeit mir selbst und meinen Worten gegenüber. Das erleichtert positiv gesehen meine Neuerfindung und säkularisiert den Prozess des Schreibens an sich auch.

Die negativen Folgen wiegen leider schwerer: durch zunehmenden Selbsthass erlegte ich mir ein Rede- und Schreibverbot auf, das letztlich zu meiner aktuellen Kreativitätsverweigerung führte. Für jemanden, der von nichts anderem als Worten leben wollte, dramatisch.
Das Siremon-Projekt unter diesen Vorraussetzungen irgendwie einzuschieben, abzuarbeiten gar, erscheint da nahe an unmöglich. Das macht es mir neben all den Plotlöchern und arbeitsunwilligen Protagonisten natürlich nicht leichter. Und dennoch kann ich es nicht vollkommen ablegen; egal wie oft ich das auch schon behauptet und versucht habe. Die Geschichte verlässt meinen Kopf nicht, so sehr ich auch versuche, nicht daran zu denken. Früher oder später kommt dann wieder ein Gedanke, der alles wieder an die Oberfläche meines Bewusstseins spült, so dass ich endlich wieder weiß, wie es weiter geht, ja weiter gehen muss.
Siremon erschafft sich selbst aus mir, und ich wünschte, es schriebe sich auch so selbsttätig auf, wie es sich manchmal mitten in mein Blickfeld schiebt.
Was also bleibt, sind diese Restposten, die keine Restposten sind, sondern lange ruhende Saat, die aufgeht wie Unkraut auf einem verlassenen, nicht mehr bestellten Feld.
Meine einzige Hoffnung ist die auf eine unerhoffte Ernte.