Alleinkampf. Nachgedacht.

Und dann will ich doch immer noch stark sein und kann es nicht.
Ich will fortgehen und kann doch keinen einzigen Schritt tun, nicht einmal auf den Balkon kann ich gehen, ich traue mich kaum ans Fenster, aus Angst vor dem Leben, das draußen sicher auf mich lauert.
Ich will stark sein, ich muss stark sein und gegen den Impuls ankämpfen, mich selbst dafür zu bemitleiden, dass ich diesen Kampf um mein Buch alleine kämpfe, dass ich nicht weiß, wie ich leben soll, wenn ich nicht mehr schreiben kann, dass ich aber auch nicht arbeiten und schreiben gleichzeitig kann.

Die Arbeit im Biomarkt ist vollkommen daneben, ich muss mich zunehmend zurückhalten, weder Kunden noch Kollegen gegenüber unhöflich zu werden, auch wenn die Kunden immer mehr wie verzogene Kinder wirken und die Kollegen so wenig interessant sind wie das Innere eines Bleistiftanspitzers.
Ich hatte ja im Seminarhaus schon das Gefühl, meine Zeit in einem Büro zu verschwenden, aber noch mehr habe ich es, wenn ich Käse von einer Frischhaltefolie in die nächste packe.
Mich befremdet, dass ich mich vor ein Regal mit Joghurt stelle, um die Etiketten gerade auszurichten, während zuhause ein zu bearbeitendes Skript wartet.
Ich bin fassungslos, dass ich morgens um fünf Uhr aufstehe, um Tiefkühlpizzen zu stapeln, aber nicht vor zehn Uhr an meinen freien Tagen meinen Protagonisten in eine Krise stürzen kann.
Und ich kann nicht anders als die Tränen zu spüren, die zwischen meiner Seele und der Maske, zu der mein Gesicht geworden ist, stehen. Ich fühle das Brennen auf dem nackten Fleisch und den ätzenden Selbsthass, aber ich kann es niemandem sagen, nicht den Menschen im Laden, nicht dem Freund zu Hause, denn keiner kann mir die Worte sagen, die ich hören will, denn diese Worte dürfen nicht gesagt werden: "Sorge Dich nicht um Dein Leben, denn es ist Dein Schreiben, das zählt. Um das Leben kümmere ich mich."

Ich brauche den Kampf, den Kampf gegen mich, gegen die Worte, brauche den täglichen Schützengraben, der mir zeigt, dass ich kämpfen kann und dass ich etwas habe, für das es sich zu kämpfen lohnt.

Ich frage mich manchmal, ob es wirklich das Schreiben, wirklich das Erzählen dieser Geschichte, dieser viel zu langen und vor allem viel zu lange schon vor mir hergetragenen Geschichte sein muss. Ob ich meine Liebe nicht auf etwas greifbareres konzentrieren kann, auf etwas, das schon da ist, das nicht erst noch erschaffen werden muss. Auf den Freund zum Beispiel, der mich gerne trösten würde und nicht weiß, welche Form von Traurigkeit das eigentlich ist, an der ich leide. Der es nicht wissen kann, weil ich es selbst nicht weiß. Ob es die Trauer über die verlorene Zeit ist oder nur der Schatten der falschen Entscheidungen, die ich jeden Tag zu treffen scheine. Oder ob es die Wut auf mich ist, dass ich mich in meinem Leben so sehr eingeschlossen habe, nur um dieses Buch zu schreiben, von dem niemand mehr als nur einen Hauch gespürt hat.
Ich habe mich so sehr eingeschlossen, dass ich mich nicht mehr ans Fenster traue und nicht auf den Balkon und schon gar nicht auf die Straße.